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ErdkundeBrockhaus 1882

Kirgisen, ein sehr verbreitetes und zahlreiches Volk türk.⸗tatar. Stammes, welches in den weiten Steppenländern nomadisiert, die sich im N. Turkestans von der untern Wolga und dem Kaspischen Meere im W. bis an die russ.⸗chines. Grenzen am Altai und Thianschan im O. und vom Aralsee und Sir im S. bis gegen den Tobol und Irtysch nach N. hin erstrecken und gewöhnlich unter dem geogr. Namen der Kir gisensteppe zusammengefaßt werden. Die K. selbst nennen sich Kasak oder Kaisak; eine Abteilung, zerstreut in den Gebieten von Semirjetschensk, Ferghana, Syr-Darja und im Gouvernement Tomsk, in der Stärke von 324000, wird von den übrigen Stammesgenossen Kara-Kirgis (d. i. Schwarze K.), von den Chinesen und Kalmüken aber Burut genannt. Nach Vorgang Russen faßt man jetzt Tnerae Kaifaten der K. unter der Bezeichnung Kirgis-Kaisaken zusammen. Die K. sprechen einen der reinsten türk. Dialekte. Ihrem physischen Typus nach gehören sie der mongol. Rasse an. Außerlich bekennen sie sich zwar zum Islam, doch leben sie in Monogamie und die Masse des Volks hängt noch an ihrem anestammten heidnischen Aberglauben. Üüberhaupt tehen die K. in Bezug auf geistige Bildung auf sehr niedriger Stufe. Sie sind von mittlerer Größe, kräftig, gewandt, dabei aber träge, leichtfertig, überaus neugierig, habsüchtig und unreinlich. Als Waffen führen sie Lanze, Säbel, Bogen und Pfeile, Luntenflinten und ein Handbeil (Tschakan). Zur Wohnung dienen geräumige Filzzelte Kibitken oder Jurten). Das Hauswesen beruht ganz auf den Frauen, die sich durch große Rührigkeit auszeichnen. Die K. sind ausschließlich Nomaden und Viehzüchter. Ihre Herden bestehen aus grobwolligen Schafen mit Fettpolstern, kräftigen und sehr schnellen Pferden, Kamelen, weniger aus Rindern und Ziegen. Aller Handelsverkehr mit den Russen, Chinesen und Turkestanern beruht auf Tauschhandel. Die K. teilen sich in Adel und Volk (weiße und schwarze Knochen). Den Adel bilden die Nachkommen der alten Chane, welche den Titel Sultan führen, und alle erblichen Würdenträger, wie die Oberhäupter der Ordas, die Saisans der Woloste oder Aimaken, die Stammhäuptlinge. Ein großer Teil K. wohnt auf chines. oder ostturkestan. Gebiet; unter russ. Hoheit stehen gegen 2½ Mill., über welche der Generalgouverneur des Steppenbezirks in Omsk den militärischen Oberbefehl führt. Davon hausen auf europ. Boden (die Innere Horde oder Bukejew-Orda) im Gouvernement Astrachan mit Orenburg 158 624 Köpfe. Die russischen K. in Asien zerfallen in drei Abteilungen: 1) die Kleine Horde (Kitschik-Dius, kischi dschüs, d. i. das kleine Hundert), nördlich vom Kaspischen und Aralsee im Gebiete Uralsk, und südlich im transkaspischen Gebiete, etwa 551000 Köpfe; 2) die Mittlere Horde (Orda-Dijus, orta dschus, d. i. das mittlere Hundert), in den Gebieten Turgai, Akmolinsk und Semipalatinsk, etwa 712000 Köpfe; 3) die Große Horde (Ulu-Dijus, ulu dschus, d. i. das große Hundert), im Generalgouvernement Turkestan, d. i. den Gebieten Semir-Imn-Dur Kuldscha, Ferghana lehemals Kokan), mu-Darja und Syr-Darja, etwa 975000 Köpfe. Dazu kommen noch 61266 in den Gouvernements Tomsk und Tobolsk. Die Russen haben sowohl von W. nach O. wie von N. gegen S. zusammenhängende, die ganze Kirgisensteppe durchschneidende Festungslinien angelegt und sich dadurch Verbindungsstraßen mit Turkestan und der chines. Tatarei gesichert. Vgl. Göbel, Reise in die Steppen der K., (2 Bde., Dorp. 1837); Baer, Nachrichten aus Sibirien und der Kirgisensteppery (Lpz. 1845); Atkinson, Oriental and Western Siberiap (Lond. 1858); Schott, «über die echten K.v (Berl. 1864); Zaleski, La vie des Steppes Kirghizeso (Par. 1865); W. Radloff, Proben der Volkslitteratur der türk. Stämme Südsibirienso (Tl. 3: Kirgisische Mundarteno; 2 Bde., Text und Übersetzung, Petersb. 1870).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 305Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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