Komprimierte Luft (d. i. verdichtete) findet in technischer Beziehung mehrfach Anwendung, z. B. an der sog. Windbüchser, einem Schießgewehr, bei dem sich im Kolben die das Projektil treibende verdichtete Luft befindet; ferner zur Ventilation in Räumen, welche der Zuführung reiner atmosphärischer Luft schwer zugänglich sind, besonders bei langgestreckten Tunnelbauten. Eine sehr ausgedehnte Benutzung findet sie in neuester Zeit auf medizinischem Gebiete. Der eigentümlichen Wirkung des Luftdrucks auf den menschlichen Körper widmete man erst von der Zeit an eine ernstere Beachtung, als man teils in Koh—⸗ lenlagern, teils in Taucherglocken, sowie beim Brückenbau, d. h. in den unter Wasser zum Grundlegen der Brückenpfeiler befindlichen eisernen Cylindern oder Caissons, Arbeiter beschäftigte und diesen letztern mittels großer Luftpumpen verdichtete Luft zum Fortsetzen des Atmens zuführte. Die Arbeiter litten dabei an einer Reihe mehr oder weniger unangenehmer Erscheinungen, an Ohrenschmerz infolge der Einwärtsdrückung des Trommelfells, an Beschwerden beim Atemholen, es trat Verlangsamung des Pulses und Erhöhung der Körperwärme ein; die Muskelbewegung wurde schwieriger; beim schnellen Verlassen des Apparats stellten sich Gehirnkongestionen ein, auch ereigneten sich dann bisweilen Duran Todesfälle. Man dachte nun zunächst daran, diese physiol. Einwirkungen in rationeller Weise für die Heilkunst zu verwerten, indem man mit großer Wahrscheinlichkeit hoffen konnte, gewisse Krankheiten mittels der komprimierten Luft zu heilen, denn diese wirkt, wie aus den Beobachtungen hervorging, einerseits physikalisch durch den äußern Druck auf alle Körperteile, insbesondere auch auf die Atmungsorgane, andererseits chemisch durch reichlichere Sauerstoffaufnahme in das Blut auf die Mischung desselben. Zuerst wurden Pneumatische Apparate unter der Bezeichnung Cloches pneumatiqueso zu solchem Zwecke 1864 von Tabaris und andern Ärzten zu Montpellier, — und Nizza aufgestellt und mit denselben sowohl bei Gesunden als auch bei Kranken Versuche angestellt. Namentlich erregte die in Lyon erzielte Heilung Jambons von einem langwierigen Asthma nicht geringes Aufsehen. Das Pneumatische Kabinett (,. die nachstehende Fig. 1) ist gewissermaßen eine Nachahmung der Taucherglocke zu ebener Erde; es stellt einen aus schmiedeeisernen, fest vernieteten Platten bestehenden glockenförmigen Raum dar, in welchem mehrere Personen bequem sitzen können. Mittels einer mit einer Dampfmaschine in Verbindung stehenden Pumpe wird durch eine am Fußboden des Kabinetts einmündende Röhre a fortwährend frische, durch Baumwolle filtrierte, bis zu einem gewissen Grade (1½ bis 1½ Atmosphären) verdichtete Luft in den Raum beingepreßt und kann am entgegengesetzten Ende durch das Abzugsrohr d wieder in das Freie gelangen; die mit dem Kabinett in Verbindung stehende Vorkammer c erlaubt das Ein-⸗ und Austreten, ohne daß dadurch der Luftdruck im Apparat wesentlich verändert wird. Den meist auf eine bis zwei Stunden bemessenen Aufenthalt in einem solchen Raume unter dem Einflusse der komprimierten Luft nennt man ein (Pneumatisches Bado. Mehrere deutsche Ärzte, wie J. Lange, R. von Vivenot u. a., stellten durch Experimente die Wirkung solcher Bäder auf den Organismus genauer fest, wobei sich zeigte, daß die Lungen mechanisch erweitert werden, indem ihnen ein größeres Luftvolumen zugeführt wird; die Atemzüge werden minder häufig, doch tiefer; diese Erscheinungen dauern auch nach dem Aufenthalt im pneumat. Apparat fort. Ferner wird die Ausscheidung von Harn und Kohlensäure, somit auch der gesamte Stoffwechsel, in weiterer Folge die Gesamternährung vermehrt; auch vermindert sich die Füllung der feinsten Blut-(Capillar-) Gefäße, während sich die Aufsaugung der Lymphe beschleunigt. Indem durch die komprimierte Luft dem ganzen Körver in mißt, sind unter C aufzusuchen. reichlicher Menge Sauerstoff zugeführt wird, erhöht sich schließlich das Kraftgefühl der Muskulatur. Auf Grund dieser Ergebnisse stellte man alsbald an vielen Orten Deutschlands pneumat. Apparate auf und nahm nun mit gutem Erfolge Kuren mit komprimierter Luft vor bei Krankheiten des Kehlkopfes mit Auflockerung der Schleimhaut und mit Blutüberfüllung dieses Organs, ferner bei langdauernden Kehlkopf⸗ und Luftröhrenkatarrhen, namentlich aber bei dem auf Lungenemphysem beruhenden Asthma. Gegen Schwerhörigkeit zeigte sich die komprimierte Luft insofern günstig, als sie katarrhalische Affektionen der innern Teile des Gehörorgans tilgt. Das längere Verweilen in einem solchen Kabinett hat für den Unbefangenen keine auffallenden Veränderungen des allgemeinen Befindens zur Folge; nur bei Empfindlichen ruft die Steigerung des Luftdrucks eine einseitige Spannung des Trommelfells und dadurch eigentümliche Wahrnehmungen im Ohr, wie Sausen, hervor. schon 1870 Hauke in Wien ein Instrument zur beliebigen Vermehrung und Verminderung des Grades der Luftverdünnung oder Verdichtung konstruiert hatte, eröffnete 1873 Waldenburgs Pneumatischer Apparat eine Reihe hierhin gehörender Erfindungen, die in mannigfacher Weise den Kranken beim Atmungsprozesse verdichtete und verdünnte Luft zuführen. Der Waldenburgsche Apparat gleicht im wesentlichen einem Gasometer (s. Fig. 2). In einem großen blehernen Cimdergenaß a, das bis zu einer gewissen Höhe mit Wasser gefüllt ist, bewegt sich ein zweiter nach unten offener, oben geschlossener Cylinder b; in diesem innern Cylinder nun wird die Luft durch Zug verdünnt oder durch Druck verdichtet. Der Zug wird durch Anhängen von Gewichten o an Schnüren, die vom Cylinder aus über Rollen d gehen, bewirkt, der Druck durch Auflegen von Gewichten auf den Cylinder. Die Atmung erfolgt durch den mit dem innern Cylinder in Verbindung stehenden, mit einer Gesichtsmaske k versehenen Schlauch e; zur Kontrolle des Drucks dient ein am Apparat angebrachter Manometer. Bei der Leichtigkeit ihrer Handhabung führten sich dieser und ähnliche Apparate bald in die Praxis der Arzte ein, die nunmehr gewisse Krankheitsformen auf rein mechan. Weise zu bekämpfen suchen. Da die Einatmung komprimierter Luft die Lungenventilation vermehrt und die Respirationskraft steigert, so erscheint ihre Anwendung besonders bei solchen Affektionen gerechtfertigt, wo die Spannkraft des Herzens gesteigert und der Druck in den großen Schlagadern erhöht, wo eine abnorme Blutfülle im großen Kreislauf vorhanden ist und wo der kleine Kreislauf entlastet werden soll. Daher wird die komprimierte Luft zu Kuren mittels der genannten transportablen Apparate besonders empfohlen bei allen Erkrankungen des Herzens, bei welchen der Abfluß des Blutes aus den Lungen gehemmt ist, ferner bei Lungenschwindsucht mit Bluthusten, bei Luftröhrenkatarrhen und namentlich bei Lungenemphysem. Doch hat man diese Apparate nicht bloß zu Heilzwecken (Pneumatotherapie), sondern auch zur Ermittelung des gesunden oder krankhaften Zustandes der Lungen benutzt (Pneumatometrie). Man kann nämlich die Kraft, mit der die Lungen die Luft einatmen, gewissermaßen messen, und Waldenburg behauptet, daß man Tuberkulose der Lungen bei einem Individuum anzunehmen berechtigt ist, wenn die Inspirationskraft auf 60 mm sinkt. Litteratur. Lange, «über komprimierte Luft, ihre physiol. Wirkung und therapeutische Bedeutung⸗ (Gött. 1864); Rud. von Vivenot, Zur Kenntnis der physiol. Wirkungen und der therapeutischen Anwendung der verdichteten Lufte (Erlangen 1868); Hauke, (Ein Apparat für künstliche Respiration und dessen Anwendung zu Heilzweckens (Wien 1870): Waldenburg, Die pneumat. Behandlung der Respirations- und Cirkulationskrankheiteno (Berl. 1875; 2. Aufl. 1880); Simonoff, «Aérotherapie (Gießen 1876); Ortel, «Respiratorische Therapie „ (Lpz. 1882).