Kostüm (abgeleitet vom ital. costume, d. i. Gewohnheit, übliche Landessitte) bezeichnet vorzugsweise die in jeder besondern Zeit und bei jeder einzelnen Nation gebräuchliche Kleidertracht. In einem weitern Sinne wird jedoch das Wort in den darstellenden Künsten angewendet. pund umfaßt das K. nicht bloß die Kleidungsstücke, sondern auch die Schmucksachen, Waffen, Gebäude, Hausgeräte, Tiere, Pflanzen⸗ und Bodenformen, kurz alle Dinge, die bei Kunstwerken als Nebenumständebezeichnet werden. Diese Gegenstände sollen untereinander übereinstimmen und so zusammenwirken, daß sie in die Zeit und an den Ort, wo die Scene spielt, zurückversetzen, wie auch die Sitten, Gebräuche, den Geschmack, die Besitztümer, die Charakterzüge und Lebensweise der Personen andeuten, von welchen ein Gemälde, eine Skulptur, ein Bühnenstück oder ein anderes poetisches Werk handelt. übrigens liegt es in dem Wesen der Poesie, daß sich der Dichter der Einzelheiten in Kostümsachen eher entschlagen kann als diejenigen Künstler, welche die Gebilde der nn n und Wirklichkeit zu sichtbarer Erscheinung zu bringen haben, Bildhauer, Maler und Schauspieler. Da man die Darstellung der nackten Menschengestalt wohl mit Recht als die höchste Aufgabe der Bildhauerei ansieht, so ist auf diesem Kunstgebiet das K. von geringerm Belang. Es kommt n besonders bei Porträtstatuen, Ehrendenkmälern, Nausoleen berühmter Männer in Betracht und verpflichtet selbst dabei nur insoweit zu Treue und Genauigkeit, als es dem Eindruck der statuarischen Schönheit und des monumentalen Stils zuträglich ist. Berechtigter ist dagegen bei der Malerei die Zumutung histor. Treue, wozu man bereits am Ende des 16. Jahrh. einen Ansatz nahm, zu deren Nutdelaekt indes erst die Studien der Neuzeit die Mittel geboten haben. Wenn die Maler des 14. und 15. Jahrh. Gegenstände der biblischen und klassischen Geschichte oder Mythe darstellten, verwendeten sie ohne weiteres die zeitübliche Landestracht für die Personen der fremden Vergangenheit, und nicht nur die hebr. Patriarchen und trojanischen Helden, auch die olympischen Götter und himmischen Erzengel wurden geradezu wie gewappnete Ritter abgebildet. Nur Christus, Maria und gleichstehende Personen, wie die Apostel, erscheinen stets in idealem, aus dem antiken K. hergeleiteten Gewande. Diese althergebrachte Vorstellungs⸗ und Verfahrungsweise galt selbst noch im 16. und 17. Jahrh. Die Hochzeit zu Kana von Paul Veronese (in Paris) und Simsons Hochzeit von Rembrandt sind, was Kostümtreue betrifft, die mißt, sind unter C aufzusuchen. sonderbarsten Zusammenstellungen, die man sich denken kann. In der neuern Zeit sind die Ansprüche an die sog. hi ugehen Treue viel höher gespannt, seitdem ein eingehenderes Studium der Kulturgeschichte das Verständnis für die Entwickelungsformen der Vergangenheit erweitert und diese auch in ihren äubern Erscheinungen genauer festestellt hat. Ohne dem Künstler ein peinliches esthalten an allen, auch den unwesentlichen histor. Momenten zur Pflicht zu machen, verlangt doch die gereiftere Erkenntnis in diesen Dingen, daß die künstlerische Darstellung den geistigen Inhalt der Zeit und dessen Außerung in der Form in einer Weise vorführt, die sich mit der histor. Treue nicht in offenbaren Widerspruch setzt. Auf ähnliche Art wie in der Malerei entwickelte sich die Tendenz getreuerer Darstellung bezüglich des K. auch in der Schauspielkunst, wo die Kleidertracht und Scenerie allerdings den Anteil an dem Spiel der handelnden Personen und an dem Gange der Handlung verstärken helfen. Seit den Anfängen des modernen Dramas in den sog. Mysterienv, dramatischen Darstellungen biblischer Geschichten, bestand das Theaterkostüm in der zeitüblichen Landestracht, welcher einzelne bezeichnende Kleidungsstücke, zur Charakteristik der darzuneheenden Person, hinzugefügt wurden. In diesem Zustande verblieb das Schauspielerkostüm auch während der Blütenperiode der engl. Bühne unter Shakspeare, der spanischen unter Lope de Vega und Calderon, der französischen unter Corneille und Racine. In der Zeit Ludwigs XIV. trugen alle vornehmen männlichen Personen des Theaters, einerlei, wen oder was sie vorstellten, Helden oder Götter, die große Allongeperücke, Kniehosen, Strümpfe, Schuhe und Spitzen; die Frauen dagegen die Fontange, die Schnürbrust und die Schleppe. So erscheint Cato auf der Bühne mit dem Degen an der Seite, so Iphigenia mit dem Nebendil Spitzentuch in der Hand. Nur einzelne Nebendinge erlaubt sich die Freiheit des Theaters. Dann wandelt sich auch dieses Theaterkostüm und nimmt mit der Mode im 18. Jahrh. auch die Puderfrisur und den Reifrock an. Der Schauspieler Lekain, von Mademoiselle Clairon wirksam unterstützt, begann auf dem franz. Theater die Kostümreform, die dann von Talma weiter durchgebildet wurde. Von dem franz. Theater verpflanzte sich die Neuerung des Kostümwesens auf die engl. Bühne, wo bisher Garrick sowohl als die Siddons in der Modetracht ihrer Zeit alle Rollen Shakspearescher Stücke dargestellt hatten. In Deutschland that Gottfried Heinrich Koch 1766 mit der Aufführung von E. Schlegels Hermanno in Leipzig den ersten Schritt zur Beobachtung der Kostümtreue, auf deren weitere Ausbildung Schröder und besonders Iffland Einfluß hatten. Gleichzeitig mit dem K. fingen in Frankreich auch die Dekorationen an, genauer den Ort zu bezeichnen, wo die Handlung sich zutrug. Die scenische Einkleidung wurde weniger vernachlässigt, die Zahl der Statisten mehrte sich, die Konsuln bekamen Liktoren, die Könige traten mit stattlicherm Gefolge auf. Aber erst die romantische Dichterschule neuerer Zeit machte sich aus der vollständigsten Besorgung alles üblichen eine besondere Aufgabe. Wie jetzt der Eifer so weit ging, daß man oft das Unkleidfame, Geschmacklose, Steife und mit der Rolle kaum Verträgliche des alten K. um der bloßen Richtigkeit willen dem Schauspieler auf⸗ )drang, so wollte man auch durch ängstlich genaue Andeutung Praalton in das Lolal den Zuschauer „mit scharfer Präcision in das Lokal und den Moment der vorgestellten Handlung einführen. In Wahrheit aber liegt die strenge Anwendung des Prinzips der Kostümtreue außer dem eigentlichen Berufe und der wesentlichen Bestimmung der darstellenden Künste. Die Malerei und Schauspielerkunst haben nur in einem Falle die Verbindlichkeit, dem dapon ne getreu zu bleiben, nämlich in dem, davon die dichterische und natürliche Wahrscheinlichkeit abhängt und die nach der täglichen Augenerfahrung öberren Prüfung sogleich von der Unrichtigkeit überzeugen würde. In allem übrigen richtet sich die äußere Wahrheit immer nur nach Konvention, und diese nach den Bedürfnissen des Schönen. Litteratur. Aus dem Streben nach Kostümtreue ist eine ziemliche Anzahl tüchtiger Werke hervorgegangen, in welchen dem Künstler vorgearbeitet und für seinen Bedarf mehr als nötig geboten wird. Dahin gehören vor allem: J. von Hefner, Trachten des christl. Mittelalterso (3 Bde., Frankf. 1840 — 54); derselbe mit Becker, «Kunstwerke und Gerätschaften des Mittelalters und der Renaissancer (Frankf. a. M., 1848); Weiß, Kostümkunder (3Bde., Stuttg. 1856—72; 2. Aufl. 1881 fg.), sowie über die Geschichte des modernen K.: Herbé, „Costumes français, civils, militaires et religieuxy (Par. 1834, mit 95 Kupfertafeln); Pauquet, Modes et costumes historiqueso (Par. 1862 — 64, mit 96 Kupfertafeln); Falke, Kostümgeschichte der Kulturvölkero (Stuttg. 1882, mit 377 Abbildungen).