FeedKrankheit
HeilkundeBrockhaus 1882

Krankheit (morbus, in zusammengesetzten Wörtern nosos, pathos) heißt die Abweichung einzelner oder aller Organe des Körpers von demjenigen Verhalten, wie es im Zusammenspiel der Thätigkeit der Organe zur Erhaltung des Gesamtorganismus mit der Höhe seiner Leistungsfähigkeit notwendig ist. Zum Begriffe der K. gehören nicht bloß die Störungen des Gesundheitsgefühls und der normalen Funktionierung, sondern auch die Abweichungen von der normalen Form, Mischung und Zusammensetzung der Organe. Nicht in jedem gegebenen Falle läßt sich bestimmen, ob ein Individuum krank oder gesund ist. Gesundheit und K. sind eben nur relative und konventionelle Begriffe, die durchaus nicht absolute Gegensätze darstellen, sondern ganz allmählich mit vielen Abstufungen ineinander übergehen. Kleine Abweichungen von der vollkommenen Gesundheit (s. d.) zeigt auch der anscheinend Gesundeste, weshalb man nr dann von K. sprechen kann, wenn die Thätigkeit des mißt, sind unter C aufzusuchen. Körpers wesentlich gestört wird und das Verhalten wesentlich von der „Breite der Gesundheito abweicht. Geringere Grade der Störung pflegt man als Unpäßlichkeiten, Unwohlsein zu bezeichnen. Von verschiedenen Gesichtspunkten aus teilt man die K. in verschiedene Klassen ein. Man unterscheidet so von alters her die durch eine Verletzung (trauma) entstandenen herteus w. chen) oder chirurgischen Krankheiten, welche äußere Hilfe und mechan. Hilfsmittel erfordern, von den sog. innern Krankheiten, welche durch innere oder mediz. Mittel geheilt werden. Zu den äußern K. rechnet man solche, die zwar nicht durch Verletzung entstanden sind, die aber vorzugsweise einer chirurgischen Hilfe bedürfen, wie Geschwüre, Eiterbeulen (Abscesse), eingeklemmte Darmbrüche u. dgl. Je nach Art der Verletzung zerfallen die chirurgischen K. in Kontusionen (Verletzungen durch Stoß oder Schlag), Quetschungen, Zermalmungen, Zuden, Knochenbrüche), Verbrennungen. Auch teilt man sie nach dem betroffenen Gewebsteil oder Organ ein in K. der Haut, der Knochen, der Muskeln, des Kopfs, der Brust u. s. w., und hierauf gründen sich zum Teil die Abzweigungen der einzelnen Fächer (Spezialitäten) der Augen⸗, Ohren⸗, Zahnheilkunde, der Geburtshilfe. Nach demselben Prinzip werden auch die innern K. eingeteilt, und man unterscheidet so K. der Atmungs⸗, der Cirkulations-, der Verdauungsorgane, der Harn⸗ und Geschlechtswerkzeuge, der Nerven, der Muskeln und Knochen, der Haut, der Sinnesorgane (Augen⸗ und Gehörkrankheiten) und K. des gesamten Organismus (Konstitutionskrankheiten). Die wichtigste Frage, welche der Arzt zunächst zu entscheiden hat, ist die, ob eine K. mit Fieber ( d.) verbunden ist oder nicht, weil davon zum großen Teil die Schwere der Erkrankung abhängt, und man teilt daher die K. ein in fieberhafte (wohl auch entzündliche, hitzige) und fieberlose. Eine schnell eintretende und schnell verlaufende K. heißt eine akute, und da solche in der Regel mit Fieber verbunden sind, nennt man die fieberhaften K. wohl auch ohne weiteres akute K. Den Gegensatz zu diesen bilden die langsam verlaufenden, die chronischen; auch fieberhafte K. nennt man chronische, wenn sie eine sehr lange Dauer haben. Weiterhin teilt man die K. ein in typische odererhythmische (auch cyklische oder periodische) Krankheiten, welche eine deutliche Aufeinanderfolge regelmäßig begrenzter Perioden von bestimmtem Charakter zeigen, wie Typhus, Pocken, Masern, Scharlach, Lungenentzündung u. a., und in atypische, arhythmische Krankheiten, welche einen unregelmäßigen, schwankenden Verlauf ohne charakteristische Stadien zeigen, wie die fieberlosen Katarrhe, die meisten Vereiterungen, die Rheumatismen u. a. Tritt im Verlauf einer chronischen K. oder gegen das Ende auch einer akuten eine Verschlimmerung ein, so spricht man von einer (akuten) Steigerung (Exacerbation), einem Rückfall, einem Nachschub (beim Weiterschreiten des Krankheitsprozesses auf noch gesunde Teile eines Organs). Bei manchen K., den sog. intermittierenden oder aussetzenden Krankheiten, tritt eine längere oder kürzere Rückkehr zur Gesundheit ein, und nach dieser Pause erfolgt eine neue Erkrankung, ein Anfall oder Paroxysmus (so beim Wechselfieber, bei der Epilepsie, dem Stimmritzen-Conversations-Lexikon. 13. Aufl. X. krampf u. a.). Tritt im Laufe der Genesung (3. B. vom Typhus) die K. nochmals auf, so nennt man dies einen Rückfall oder Recidiv. Eine im Wesen abgelaufene K. kann ferner andere Störungen bedingen (Lungenentzündung z. B. Tuberkulose), also eine Nachkrankheit. Die K. zeigen sich entweder in einzelnen Fällen, zerstreut, sporadisch, oder die Fälle häufen sich, cumulieren, und endlich kommt es zur Seuche oder Epidemie (s. d.). Haben K. in gewissen Gegenden ihren Sitz, über den hinaus sie sich nicht oder selten verbreiten (so die Wechselfieber in Sumpfgegenden, der Kropf u. s. w.), so heißt die K. eine Endemie (s. d.). Die Ausgänge der K. sind sehr verschieden; entweder erfolgt vollständige Herstellung des normalen Zustandes: Heilung, Genesung (s. d.), oder es tritt nur unvollständige Genesung ein, wobei entweder eine Disposition zu neuen Erkrankungen bestehen bleibt oder andersartige krankhafte Zustände, sog. Nachkrankheiten zurückbleiben; in andern Fällen endlich erfolgt nach mehr oder minder langem Kranksein das vollständige Aufhören des Stoffwechsels, der Tod (s. d.). Die K. nimmt häufig rasch eine Wendung zum Bessern unter der Form der sog. Krisis (s. d.); in andern Fällen erfolgt dies nur langsam und ganz allmählich. Der vollständigen Genesung geht meist die sog. Rekonvalescenz voraus, eine Periode ohne scharse Grenzen, in welcher sich das Wohlbefinden leidlich wiederhergestellt hat, wo aber noch eine mehr oder minder große Schwäche und Empfindlichkeit gegen äußere Einflüsse besteht. Die Frage nach Sitz und Wesen der K. hat das Interesse der Arzte schon in den frühesten Zeiten lebhaft erregt. Ursprünglich betrachtete man die K. als etwas dem Organismus durchaus Fremdes, vom Leben des übrigen Körpers Isoliertes, ihm Aufgedrungenes (ontologische Auffassung), und ging darin so weit, die K. förmlich zu personifizieren; ja noch in den mediz. Schulen des Mittelalters spielt die Lehre vom Archeus (s. d.) eine gewichtige Rolle. Unter dem Einflusse naturwissenschaftlicher Anschauungen teilten sich die Arzte alsbald in zwei, sich bis in die neuere Zeit lebhaft bekämpfende Parteien: während die einen die Flüssigkeiten und Säfte (hnmores) des Körpers, insbesondere das Blut, als Ausgangspunkt und Verbreitungsmittel der K. hinstellten (umoralpathologen), sahen die andern die festen Teile (solida) des Körpers, namentlich die Nerven, als das bei jeder Erkrankung zuerst Ergriffene an (Solidarpathologen). Erst Mitte des 19. Jahrh. gelang es Virchow, gestützt auf die rapiden Fortschritte der Physiologie, Chemie und mikroskopischen Forschung, den wichtigen Nachweis zu führen, daß Gesundheit und K. nichts wesentlich Verschiedenes, sondern Außerungen derselben, innerhalb der kleinsten Elementarteilchen des Körpers, der Zellen, und unter denselben physiol. Gesetzen stattfindenden Lebenserscheinungen sind, und damit die Lehre der Cellularpathologie (s. d.) zu begründen. Die Ursachen der K., mit deren Studium sich die Atiologie beschäftigt, sind sehr mannigfaltig und in vielen Fällen noch sehr dunkel. Zunächst kann man die angeborenen Krankheiten unterscheiden von den nach der Geburt erst erworbenen; ein Teil der hierher gehörigen K. ist auf fehlerhafte Entwickelungsvorgänge des Fötus, sowie auf falsche Lagerung des letztern in der Gebärmutter zurückzuführen. (S. unter Fötalkrankheiten.) Über die Ursachen der erworbenen Krankheiten hat die Wissenschaft im allgemeinen nur wenig Sicheres ermittelt, und der Umstand, daß ein und dasselbe Ding (z. B. Erkältung, Durchnässung) als Ursache der verschiedensten K. angegeben wird, ist der beste Beweis für die Unsicherheit, welche in dieser Hinsicht noch immer herrscht. Sicher ist nur, daß in den meisten Fällen der ungewöhnliche Umstand, welcher die K. scheinbar hervorrief, dem Ausbruch der K. nur die Veranlassung gegeben hat, die sog. Gelegenheitsursache (causa occasionalis) war, während die K. selbst schon längst durch angeborene Bildungsfehler, durch eine Reihe von Mißhandlungen des Körpers, durch schlechte Nahrung, schlechte Wohnung, übergroße Anstrengung u. dgl. vorbereitet war; es mußte eine Anlage oder Disposition (causa disponens) zur K. vorhanden gewesen sein, die oft genug von den Eltern oder Großeltern ererbt war. (S. unter Erbliche Krankheiten.) So kommt die Tuberkulose oft durch eine leichte Erkältung zum Aushruch bei Leuten, deren Verwandte in aufsteigender Linie bereits an dieser K. gelitten haben, der Säuferwahnsinn nach langem Alkoholmißbrauch bei einer sonst gleichgültigen Verletzung. In andern Fällen sind dagegen wieder die Verhältnisse so weit klar, daß man mit großer Bestimmtheit voraussagen kann, unter welchen Verhältnissen eine K. eintritt, und wenn nicht; ja man kann sie selbst künstlich hervorrufen. Dies ist vor allem der Fall bei den sog. Infektionskrankheiten, welche dadurch entstehen, daß eine die K. erzeugende Substanz (der Keim der K.) in den Körper gelangt (diesen infiziert). Der Keim der Infektionskrankheit wird nun entweder von einer kranken Person direkt auf die noch gesunde übertragen, d. h. die K. steckt an, ist kontagibs, wird durch ein Kontagium verpflanzt, wie dies bei Masern, Scharlach, Pocken, Syphilis, exanthematischem Typhus der Fall ist; oder die Übertragung der K. findet nicht von Person zu Perfon statt, sondern unter Vermittelung einer Zwischenstation, wie bei der Cholera, wo der Keim von der kranken Person geliefert wird, sich dann im Boden weiter entwickelt und von hier aufs neue insiziert (miasmatisch-Kontagiöse K.), oder endlich der Keim der K. überträgt sich gar nicht von der kranken Person, sondern bloß von der Keimstätte aus, so z. B. beim Wechselsieber. In diesem letztern Falle heißt die krankmachende Substanz Miasma (. d.) oder Malaria. Da die Wandlungen, die der Keim der Jufektionskrankheit durchmacht, die größte Ahnlichkeit hat mit der Entwickelung der Gärungserreger (s. Fermeute und Gärung), so nennt man diese K. auch Gärungskrankheiten (zymotische K.). Von verschiedenen hierher gehörigen K. hat die Wissenschaft neuerdings nachgewiesen, daß sie durch die Aufnahme mikroskopisch kleinster Organismen aus der Klasse der Spaltpilze (Bacterien, Baeillen) in die Blutbahn entstehen, während von andern In-Kant ir Sn dieser Nachweis noch nicht erbracht ist. (S. unter Kontagium.) Konstitutionskrankheiten endlich sind solche, welche das Bestehen des ganzen Organismus, die Konstitution desselben, gefährden und den Organismus in allen seinen Teilen erfassen, wie die Infektionskrankheiten, die Tuberkulose, die Zuckerharnruhr. Die Veränderungen, welche der kranke Körper erleidet, sind die Zeichen oder Symptome, an denen die K. erkannt wird. Die Symptome sind teils nur oder doch vorzugsweise dem Kranken allein wahrnehmbar (subjektiv), wie Schmerzen, Gefühl von Druck, Spannung u. a., teils lassen sie sich auch von andern Personen erkennen (objektive Symptome), wie das Fieber, die Perkussions⸗ und Auskultationserscheinungen u. dgl. Festgestellt werden die Symptome teils aus Berichten über den

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 576Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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