FeedKrieg
GeschichteBrockhaus 1882

Krieg, der gewaltsame Kampf zwischen Völkern und Staaten, auch zwischen feindlichen Parteien in demselben Staate (Bürgerkrieg). K. entsteht, wenn die Anerkennung des gegenseitigen Rechtszustandes (der Friede) gestört und durch Unterhandlungen nicht wiederherzustellen ist. K. und Kampf sind sast so alt als das Menschengeschlecht und werden wohl nur mit diesem verschwinden. Zwar sollte mit der zunehmenden Humanität und Civilisation und dem Aufschwunge aller Interessen der Völkerwohlfahrt der K. seltener werden, da derselbe diese Wohlfahrt auf das tiefste erschüttert und namenloses Elend mit sich bringt, auch die Staatsopfer, die er fordert, selbst beim entscheidendsten Siege schwer zu ersetzen sind. Doch treten im Staatsleben immer wieder Verwickelungen ein, deren Lösung nur durch die Waffen bewirkt werden kann. So anerkennenswert daher die Bestrebungen der Gesellschaft der Friedensfreunde (s. Friede) in England Mon Idee nach sind, werden diese doch an der Unvollkommenheit menschlicher Zustände scheitern, für welche der K., wie ein erschütterndes und klärendes Gewitter, oft sogar bessernd und heilsam wird. Nur sollte er nie um kleinliche politische oder dynastische, sondern einzig für große und gerechte nationale Interessen geführt werden. Nach ihren Ursachen und Zwecken gibt es Staaten⸗ und innere (Bürger⸗) K., Kabinetts⸗ und Volkskriege, , Unabhängigkeits⸗, Religionskriege u. s. w. Der Führung nach unterscheidet man Offensiv⸗ und Defensivkriege, Land⸗ und Seekriege, im Landkriege den Feld⸗ und Festungskrieg. Das Recht der Kriegserklärung hat überall das Staatsoberhaupt, in monarchischen Staaten davon Kriegsherr genannt. Ihm liegt es ob, zur Verteidigung des Vaterlandes eine Kriegsmacht zu schaffen. Diese umfaßt das Kriegsheer (s. Heer), die Kriegsflotte (bei Staaten am Meere) und alles, was aus den vorhandenen Hilfsquellen an Geld, Produkten, Arbeitskräften u. s. w. für den K. verwendet oder aus ihnen geschaffen wird, z. B. Festungen, Vorräte, technische Anstalten, Pferdedepöts u. s. w. Bei drohender Kriegsgefahr wird für eintretende Fälle der Kriegsplan entworfen, oft schon ehe die Kriegsbereitschaft des Heers befohlen wird. Der Kriegsplan wurde früher oft von einem Kriegsrat von Generalen entworfen und zum Teil in allen Details bis zur Erreichung des Kriegs⸗ . ausgearbeitet. Jetzt wird er meist von dem berbefehlshaber oder dem Chef des Generalstabes der Armee entworfen und nur für die Zeit bis zum ersten Zusammenstoß mit dem Gegner in großen Zügen festgesetzt, da die weitern Maßnahmen webim 15 von dem Ausgange desselben bedingt weren. Ob der Kriegszweck durch Angriff oder Verteidigung (. Angriff und Verteidigung) am besten zu erreichen ist, hängt von den Verhältnissen der kriegführenden Mächte, auch von der Politik ab. Im allgemeinen ist es vorteilhaft, den Kriegsschauplatz (das Kriegstheater) in Feindesland zu verlegen, auch deshalb, weil dann die Erhaltung des Heers teilweise aus den Hilfsquellen des Gegners bewirkt werden kann. Ein kräftiges Vorgehen stärkt das moralische Element und gewinnt die öffentliche Meinung. Das Kriegsprinzip hat oft gewechselt. Eine Zeit lang herrschte das Ermüdungsprinzip vor, welches den K. in die Länge zog; alle großen Feldherren haben aber das Vernichtungsprinzip durch entscheidende Schläge als das richtigste erkannt, weil es am schnellsten zum Ziele führt. Durch Napoleon I. ist es zur vollsten Geltung gekommen. Es kann sogar das humanste genannt werden, weil bei kurzer Dauer des K. Landverwüstung und Menschenverlust geringer wird. Für den Beginn der Kriegshandlungen (Operationen) konzentriert sich das Heer an den Punkten, von wo dieselben beginnen sollen. Der Ausbruch der Feindseligkeiten bezeichnet den Anfang des K., welcher dann mit wechselnden Operationen, Gefechten und Schlachten geführt wird, bis eine letzte Entscheidungsschlacht (3. B. 1815) oder die Politik (z. B. 1856 und 1859) die Beendigung des K. und den Frieden herbeiführt. Der Kriegszweck reicht gewöhnlich über die Kriegsursache hinaus und wird durch die Politik bestimmt. Er kann erreicht werden entweder durch völlige Besiegung des Feindes oder durch Vergleich der Kriegsparteien. Die Krieg⸗ [führung vom rein militärischen Standpunkte ist mißt, sind unter C aufzusuchen. auf Brechung des feindlichen Widerstandes gerichtet. Sie ist bedingt durch viele schwer zu überschauende, noch schwerer, ja oft unmöglich zu beherrschende Verhältnisse und Einflüsse, z. B. des Kriegsschauplatzes, der eigenen und feindlichen Streitkraft, des Raums, der Zeit, der Persönlichkeiten, des moralischen Elements, der Unsicherheit aller Nachrichten, des Zufalls u. s. w. Daher ist die Kriegführung eine Kunst geworden, für welche sich keine für alle Fälle geltenden Regeln, sondern nur allgemeine, auf die jenen Einflüssen nicht unterworfene Seite des K. begründete Grundlehren geben lassen. Denn allerdings hat der K. nach seiner, den festen Gesetzen irdischer Verhältnisse folgenden Natur auch eine unwandelbare Seite. Nach der Ausführung und Bedeutung der Kriegshandlungen hat man noch den Großen Krieg, wo der Kampf der Heere die Entscheidung herbeiführt, von dem Kleinen Krieg unterschieden, welcher durch zerstreute Angriffe von Parteigängern (Freischaren) dem Gegner Abbruch thut und dem eigenen Heere Sicherheit und Vorteile gewährt. Allgemeine Volksaufgebote kommen nur in Fällen äußerster Not als Landsturm (s. d.) oder als Levée en masse (s. Aufgebot) vor. Im Verhalten der Kriegführenden gegeneinander hat sich im Laufe der Zeit teils herkömmlich, teils völkerrechtlich ein gewisser Kriegsgebrauch (. d.) für bestimmte Fälle festgestellt, z. B. gegen die Einwohner des besetzten Landes, gegen Kriegsgefangene (s. d.), Parlamentäre, bei Waffenstillständen, Kapitulationen von Truppen oder Festungen. Manche Heere haben auch für sich gewisse eigentümliche Kriegsgebräuche; dazu gehörte im Mittelalter das unmittelbar vor dem Kampfe kniend abgehaltene Schlachtgebet der Schweizer und deutschen Landsknechte. Das Kriegsgeschrei, nicht mit dem Feldgeschrei (s. d.) zu verwechseln, ist der Schlachtruf beim Angriff, der im Mittelalter teils national, wie das Sant-Jago! der Spanier, Saint-George! der Engländer, Montjoie Saint-Denis! der Franzosen, teils Geschlechtsruf, z. B. Hie Welf! Hie Waibling! war und auch jetzt noch verschieden ist. Die Truppen des franz. Kaiserreichs gingen mit Vive I'Empereur! vor; das russ. Hurrah! ist in den meisten Armeen eingeführt worden. Eine richtige Kriegspolitik wird im Frieden für den K. alles vorbereiten, ohne Knauserei, aber mit voller Wahrung der Nationalinteressen; sie wird den K. möglichst vermeiden, wenn er aber notwendig ist, mit höchster Energie führen, damit er von kurzer Dauer sei und seinen Zweck vollständig erreiche.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 610Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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