FeedKulturgeschichte
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Kulturgeschichte ist die histor. Darlegung des gesamten Bildungsprozesses der Menschheit von den ersten Anfängen mens chlicher Vernunftthätigkeit bis zu ihren Errungenschaften in der Gegenwart. In diesem Umfange teilt sie mit der allgemeinen oder Weltgeschichte den Inhalt, in der formellen Behandlung desselben verfolgen aber beide verschiedene Prinzipien. Während die Weltgeschichte mehr Rücksicht den polit. Zuständen und den Veränderungen in den gegenseitigen Beziehungen der einzelnen Staaten zuwendet, behandelt die K. dieselben nur insoweit, als sie mit ihrem Zwecke in unmittelbarem Zusammenhange stehen. Zum Grundstein für ihren gesamten Bau legt die K. den Satz, daß der Mensch zur Kultur bestimmt und diese eines beständigen Fortschritts fähig sei, daß deren Endpunkt, hauptsächlich im Gebiet der Eroberungen von der äußern Natur, sich nicht bestimmen lasse, und daß ferner mit ihrer Steigerung sich auch die Vervollkommnung des Menschengeschlechts verknüpfe. Indessen stellt sich die Kultur keineswegs als etwas Homogenes dar, sondern wechselt nicht nur mit der Zeit, sondern auch mit dem Raume. Durch alle ihre Stadien aber hat die K. dem Rückschritt und den Hemmungen so gut als den Fortschritten der Kultur Rechnung zu tragen; sie hat mit dem Guten auch dessen Kehrseite darzuthun. Die ältesten Wurzeln, aus denen die Kultur erwachsen ist, sind der auf Nutzenziehung von der äußern Natur gerichtete Erhaltungstrieb und der das Zusammenleben vermittelnde Ges elligkeitstrieb. Spärliche Funde, zufällig zu Tage gekommen oder von der Wissenschaft der Erde entrungen, geben von den damit verknüpften Zuständen nur dunkle Andeutungen. Roh zugehauene Steinwerkzeuge oder aus Knochen und Horn geschnitzte Geräte und Waffen lassen erkennen, mit welchen Mitteln der Urmensch den Kampf ums Dasein zu führen vermochte. Die Menge dieser zusammen gefundenen Geräte bezeugt andererseits, daß eine bereits einigermaßen organisierte Geselligkeit den Widerstand gegen die feindliche Natur zu stützen suchte. Dieses älteste Kulturzeitalter, die Steinzeit, war von langer Dauer, wiewohl nicht einförmiger Art, da es zwischen der ältern diluvialen oder sog. paläolithischen und der neuern, sog. neolithischen Steinzeit ohne Zweifel eine stufenweise Entwickelung gegeben hat, die schließlich in die Metallzeit und mit dieser allmählich in das Licht der Geschichte übergegangen ist. Das erste Licht über die Wege der Kultur bringt der Osten; hier hat man die ersten großen Kulturstaaten zu suchen. Im äußersten Osten ist es China, das ohne nähern Verkehr mit den Völkern des westl. Asien und Indiens aus sich selbst schon in grauer Vergangenheit eine eigenartige Kultur zu erzeugen begann. Als weitere

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 661Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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