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ReligionBrockhaus 1882

Lama (tibet. bLa-ma) bedeutet im Tibetischen der Obere und ist eine ehrende Bezeichnung der buddhistischen Priester in Tibet, bei den Mongolen und den Kalmücken. Lamaismus nennt man die spätere Entwickelung des Buddhismus, namentlich die Umgestaltung desselben durch Tsonkhapa, welcher 1357 in der tibet. Provinz Amdo geboren wurde. Nachdem dieser die Hauptwerke der verschiedenen buddhistischen Schulen Tibets in deren Sitzen studiert hatte, schuf er ein eigentümliches eklektisches System und erwarb sich durch seine Lehrthätigkeit einen solchen Ruhm, daß er in kurzer Zeit die eindrarg Schulen überflügelte und größtenteils verrängte. Als äußeres Abzeichen seiner Schule führte er statt des bisher bei den Priestern Tibets üblichen roten Gewandes das dem ursprünglichen Buddhismus eigentümliche gelbliche Gewand ein und fügte eine durch ihre Gestalt ausgezeichnete gelbe Mütze hinzu, wonach seine Anhänger als Gelbmützen bezeichnet wurden. Als Hauptsitze der neuen Lehre galten fortan das von ihm 1409 bei Lhassa gestiftete Kloster Galdan, dann die in der nächsten Nachbarschaft gegründeten Klöster Sera und Braipung, wozu noch in weiterer Entfernung Taschi-Lumpo hinzukam. Während nach dem Herkommen des ältern Buddhismus die Besetzung der höhern geistlichen Amter größtenteils von dem geistlichen Ansehen und dem Dienstalter der einzelnen Personen abhing, war es seit der mongol. Herrschaft, namentlich nachdem Chubilai sich dem Buddhismus zugeneigt hatte, Sitte geworden, den Vorstand des Sakjaklosters (in Hintertibet) zum Haupt der Geistlichkeit und zugleich zum tributären Herrscher Tibets zu ernennen, wobei dieses Amt in der Regel vom Oheim auf den Neffen vererbte. Es behaupteten jedoch die Abte des Sakjaklosters diese Stellung nur unter der Juandynastie; unter der Mingdynastie traten andere Verhältnisse ein, sodaß man 1373 vier, und ein Menschenalter später acht L. mit der königl. Würde bekleidete. Im Gegensatz zu dieser hierarchischen Erbfolge begründeten zwei Schüler Tsonkhapas ein neues, ebenfalls nicht dem ursprünglichen Buddhismus eigentümliches System. Nach den Ansichten der ältern Lehre waren es 16 Stellvertreter (Sthavira, tibet. Naitan), welchen es oblag, nicht aus dem Dasein zu entschwinden, sondern über die Verbreitung und Erhaltung der Lehre in den verschiedenen Gegenden der Welt zu wachen; die Chinesen haben die Zahl dieser Glaubensschützer, welche sie Lo-han (sanskrit. Arhan) nennen, bis auf 500 erweitert. In der Lehre der Gelbmützen ist dieses Amt hauptsächlich dem Bodhisattva Avalokitervara zugewiesen, der nicht früher Buddha werden' und ins Nirväna eingehen darf, als bis er die ganze Menschheit durch die Lehre Buddhas von allen Leiden des Kreislaufs befreit hat. Zu diesem Endzweck wird er immer wieder geboren, und diese Inkarnation des Avalokitexvara (bei den Mongolen Chongschim-Bodhisattva genannt) ist es, welche nur den Namen Dalai-Lama führt. Dalai bedeutet im Mongolischen Meer und ist eine übersetzung des in den Namen verschiedener tibet. Geistlichen, namentlich aber der Großlamas von Potala bei Lhassa vorkommenden tibet. Wortes Dschamtso. Seit dem Besuche Sodnam-Dschamtsos in der Mongolei 1577 ist diese Bezeichnung sowohl bei den Mongolen als auch den Tibetern und Chinesen die allgemein übliche geworden. Nach dem Dahinscheiden des Dalai-L. pflegt man das Los entscheiden zu lassen, welcher von den mit den erforderlichen Eigenschaften versehenen neugeborenen Knaben seine Wiedergeburt sei. Es scheint indes auch Rücksicht genommen zu werden auf Verwandtschaft mit angesehenen Familien, ja sogar auf testamentarische Verfügungen des verstorbenen Dalai-L. Auch läßt sich der Einfluß des chines. Statthalters nicht verkennen. Neben dem Dalai-L., ihm an Heiligkeit gleich, steht der im Kloster Taschi-Lumpo residierende Pan-tschhenrinpo-tschhelbei den Mongolen Bantschen Erdeni), gewöhnlich auch Bogdo-Lama oder Teschu-Lama genannt, der als eine Wiedergeburt des Amitäbha, des Dhjäni-Buddha der jetzigen Weltperiode, angesehen wird. Vgl. Köppen, Die lamaische Hierarchie und Kircher (Berl. 1859); Em. Schlagintweit, «Buddhism in Tibeto (Lpz. 1863).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 758Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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