La Marmöra (Alfonso Ferrero, Marchese di), ital. General und Staatsmann, geb. in Turin 18. Nov. 1804, trat 1816 in die Militärakademie zu Turin, verließ dieselbe 1823 als Artillerielieutenant und wurde 1831 Hauptmann. Seit 1845 Artilleriemajor, beteiligte er sich als solcher rühmlich an dem Feldzuge von 1848 und rettete durch seine Festigkeit bei den Volksaufläufen im August zu Mailand den König aus großer persönlicher Gefahr. L. ward dafür zum Brigadegeneral ernannt und übernahm in dem konservativen Kabinett Alsieri 27. Okt. w1848 das Kriegsministerium, das er nach dessen Sturze 15. Dez. wieder niederlegte. Im Fehr. 1849 erhielt er den Befehl über die 1. provisorische Division, welche in Toscana die monarchische Regierung herstellen sollte, aber nach Giobertis Rücktritt zurückgerufen wurde. L. traf nach der Katastrophe von Novara ein und unterdrückte nun mit seiner noch frischen Division den Aufstand in Genua. König Victor Emanuel ernannte ihn 1. April zum Generallieutenant und bald darauf 2. Nov. 1849 zum Kriegsminister, in welcher Stellung er sich große Verdienste um die Reorganisation der Armee erwarb. Im April 1855 Amsgetan er den Oberbefehl über das in die Krim gesandte Truppenkorps, welches rühmlich 16. Aug. in der Schlacht an der Tschernasa kämpfte. Nach der Rückkehr trat er 16. Juni 1856 wieder in sein Ministerium ein. Dem Feldzuge von 1859 in der Lombardei wohnte er an der Seite des Königs bei und führte in der Schlacht bei Solferino die Brigaden Fanti und Durando. Als sich nach dem Frieden von Villafranca Cavour zurückzog, übernahm L. neben dem Portefeuille des Kriegs zunächst die Präsidentschaft des Kabinetts, die er indes nur bis Jan. 1860 behaupten konnte, wo Cavour wieder das Staatsruder ergriff. Auch mußte er der ihm sehr feindlich gesinnten demokratischen Partei gegenüber das Kriegsministerium an Riie abtreten. Nachdem er Anfang 1861 eine Mission als außerordentlicher Gesandter nach Berlin, dann nach Petersburg ausgeführt, übernahm er das Kommando des 2. Armeekorps in Mailand, M im Oktober desselben Jahres als Civil⸗ und Militärgouverneur nach Neapel, und im Aug. 1862 verlieh ihm ein Dekret die polit. Gewalt über sämtliche neapolit. Provinzen. Doch vermochte auch er das Brigantenwesen nicht zu beseitigen, und 11. Jan. 1863 übernahm er den Befehl über das 6. Armeekorps. Nach den turiner Septemberereignissen von 1864 übertrug ihm der König die Präsidentschaft des Kabinetts und das Portefeuille des Auswärtigen. Nach außen hin brachte er in dieser Stellung den Abschluß des deutsch-ital. Handelsvertrags und das Bündnis mit Preußen zu Stande. Als 1866 der Krieg gegen Österreich begann, folgte L. als Minister ohne Portefeuille und Chef des Generalstabes dem König ins Hauptquartier. Er war der Urheber des Feldzugsplans und übernahm im Mai den Oberbefehl. Seine hinhaltende Unthätigkeit nach der Niederlage vom 24. Juni bei Custozza regte die öffentliche Meinung heftig gegen ihn auf. Nach Abschluß des Waffenstillstandes mit Osterreich entsagte L. 18. Aug. sowohl seinem Amte als Minister wie als Chef des Generalstabes, übernahm 28. Sept. das Generalkommando in Florenz und trat 24. Sept. 1867 aus dem aktiven Militärdienste. Den Angriffen wegen seiner Kriegführung suchte er als Deputierter von Biella mehrfach zu begegnen; so durch das Sendschreiben An die Wähler von Biellar (deutsch von Poppe, Berl. 1868) und durch eine Interpellation in der ital. Kammer (21. Juli 1868), bei welcher Gelegenheit er durch Vorlesung einer preuß. Depesche vom 17. Juni 1866, in der ihm in Erwartung des bevorstehenden Kriegs von dem Grafen Usedom die Grundzüge des preuß. Feldzugsplans mitgeteilt worden waren, eine peinliche Mabetroffe der unmittelbar und mittelbar davon betroffenen Kabinette hervorrief. Vom 9. Okt. 1870 bis zum 25. Jan. 1871 stand er als Generalgouverneur und Stellvertreter des Königs an der Spitze der Verwaltung Roms. Aufsehen erregte seine Schrift Un po' piü di luce sugli eventi politici e militari dell' anno 18665 (Bd. 1, Flor. 1873; deutsch, Mainz 1873), worin namentlich Bismarcks Politik angegriffen und die Depeschen Govones (s. d.), der den Vertrag mit Preußen 1866 vermittelt hatte, veröffentlicht wurden. Diese Indiskretion hatte eine Interpellation Nicoteras im ital. Parlament (3. Febr. 1874) zur Folge, worauf der Minister Visconti-Venosta Abhilfe für weitern Mißbrauch amtlicher Dokumente versprach. Die Fortsetzung von L.s Schrift unterblieb und L. zog sich ins Privatleben zurück. Er schrieb dann noch «I segreti di stato nel governo costituzionales (Flor. 1877), das wenig beachtet ward, und starb zu Florenz 5. Jan. 1878; die Leiche wurde in Biella beigesetzt.