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ErdkundeBrockhaus 1882

Lausanne, Hauptstadt des schweiz. Kantons Waadt, liegt 520 müber dem Meere,‚ 145 müber dem Spiegel des Genfersees, 52 km nordöstlich von Genf und ebenso weit südwestlich von Freiburg in dem Hügelgelände, das sich von der Hochebene des Jorat (s. d.) südlich zum See hinabsenkt. Auf und zwischen drei durch den Flon und dessen Zufluß Louve getrennten Hügeln erbaut, ist die Stadt in ihren ältern Teilen ein malerisches Gewirr krummer, steiler Straßen und Gäßchen, langer Treppen, unregelmäßiger Plätze, Terrassen u. s. w., während die neuen Quartiere, zum Teil durch Auffüllung und UÜberwölbung den Flüssen abgewonnen, breite regelmäßige Straßen und Plätze zeigen. Auf dem nördl. Hügel zwischen dem Flon und der Louve, der das Quartier der Cité (Altstadt) trägt, liegen das alte 1397—1431 erbaute Schloß der Bischöfe, später der bernischen Landvögte von L., das jetzt als kantonales Rathaus dient, die Akademie, ein großes unregelmäßiges Gebäude, 1587 errichtet, das außer den Lehrsälen für die Kantonsschule und die drei Fakultäten der Akademie das naturhistor. und das antiquarische Museum und die Kantonsbibliothek (60000 Bände) enthält; die Kathedrale, in welcher 1536 die Disputation von L. abgehalten und damit die Reformation des Waadt eingeleitet wurde, ein schöner got. Bau, 1235 —75 an der Stelle einer ältern Kirche errichtet, mit einem 76 m hohen Turm, prächtigen Portalen und Fensterrosen und zahlreichen Grabmälern; endlich in der untern Cité das Kantonsspital und die deutsche Kirche. Von der Cité durch das im Thal des Flon gelegene Quartier du Pont geschieden, erhebt sich auf dem südl. Hügel das Quartier du Bourg, dessen Hauptstraße, die Rue du Bourg, einst der Sitz des bischöfl. Adels und der städtischen Geschlechter, jetzt noch eine der ansehnlichsten Straßen ist. Das Westende derselben mündet auf den Platz St.⸗Frangois mit der spätgot. Kirche gleichen Namens, in der 1449 das Konzil von Basel zu Ende geführt wurde, und ein großer Viadukt, der Grand-Pont oder Pont-Pichard, 1839—44 erbaut, 26 m hoch, 188 m lang, führt von dem Platze über das tiefe Thal des Flon zum Quartier St.⸗Laurent hinüber, das den westl. Hügel einnimmt und die 1719—63 erbaute Kirche gleichen Namens umgibt. Zwischen St.Laurent und der Cité liegt im teilweise aufgefüllten und überwölbten Thal der Louve das Quartier de la Palud, dem das alte Rathaus an der Place de la Palud, das Kunstmuseum (Musée Arlaud) und das monumentale Kornhaus auf dem geräumigen Platz de la Riponne angehören. In dem west ich anstoßenden Quartier du Grand Pré befindet sich die kath. Kirche. Von den übrigen öffentlichen Gebäuden sind zu erwähnen das neue Palais des Bundesgerichts auf der Promenade Montbenon, das Theater in dem eleganten Bahnhofquartier, das vorzüglich eingerichtete Blindenasyl, die große Irrenanstalt 3½ km nordwestlich der Stadt im Bois de Cery gelegen und das nach pennsylvan. System eingerichtete Zuchthaus. Rings um die Stadt schließt sich ein Kranz schöner, von Weinbergen, Gärten und Parkanlagen umgebener Villen und Landhäuser, der sich südlich bis zu der Vorstadt Ouchy erstreckt, die 380 müber dem Meere, 1½ km südlich von L. am See liegt, ein altes, früher bischöfl. Schloß und einen geräumigen Hafen besitzt und mit der Stadt durch eine pneumatische Eisenbahn verbunden ist. Die schönsten Punkte der Stadt und ihrer ungemein anmutigen Umgebung sind die Promenaden Derriere Bourg und Montbenon, die Terrasse der Kathedrale und das Signal von L., ein Hügel, der sich /½ km nördlich vom Schlosse zu 648 müber dem Meere erhebt und eine herrliche Aussicht über die malerische Stadt, den See, die Alpen und den Jura gewährt. Mit Einschluß seiner großen Gemarkung zählt L. (1880) 30 179 E., worunter 25 950 Protestanten, 3900 Katholiken, 158 Jsraeliten und 171 Andersgläubige; 78 Proz. der Bevölkerung sprechen französisch, 17 Proz. deutsch, 5 Proz. andere Sprachen. Mittelpunkt eines vorherrschend agrikolen Kantons, Sitz des eidgenössischen Bundesgerichts (seit 1875), der kantonalen Regierung, der Behörden des Bezirks L. (93 qkm, 37247 C.), einer Akademie, einer technischen Schule und vieler andern Unterrichtsanstalten ist L. mehr eine Beamten⸗ und Gelehrtenstadt, als ein eigentlicher Industrie⸗ und Handelsplatz. Von Industriezweigen sind zu erwähnen die Chokoladenfabrikation, die Maschinenindustrie und die Tabakfabrikation. Dem Handel, meist Wein⸗, Korn⸗ und Holzhandel, dienen die Bahnlinien Genf-L.⸗Brig, L. ⸗Freiburg-Bern, L.⸗ Pverdon-Neuchätel, L.⸗Payerne-Liß, die schmalspurige Bahn L.⸗Echallens, die pneumatische Bahn L.⸗ Ouchy und die Dampf⸗ und Segelboote des Sees. Auch der Fremdenverkehr ist sehr lebhaft und die vorzüglichen Bildungsanstalten führen eine Menge junger Leute, namentlich aus England, Deutschland und der deutschen Schweiz, in die Institute und Pensionate der Stadt. Von den gemeinnützigen und gelehrten Vereinen sind hervorzuheben die Naturhistorische, die Historische, Rie eiGeseschat die Litterarische und die Gemeinnützige Gesells haft. Das jetzige L. wurde wahrscheinlich zu Anfang des 6. Jahrh. gegründet, nachdem die röm. Stadt Lousonna, die 3½ km südwestlich von L. bei der Mündung der Flon lag, zerstört worden war. Die neue Stadt blühte so rasch auf, daß schon um 590 Bischof Marius seinen Sitz aus dem verfallenden Aventicum nach L. verlegte. Die Herrschaft der Bischöfe, die schon 1125 Reichsfürsten waren und zu den mächtigsten geistlichen und weltlichen Herren der Westschweiz gehörten, dauerte bis 1536, wo die Berner die Waadt eroberten, den Bischof und das Domkapitel vertrieben und die Reformation einführten. Beim Umsturz der alten Eidgenossenschaft 1798, welcher der bernischen Herrschaft ein Ende machte, wurde L. die Hauptstadt des Kanton Léman der Helvetischen Republik, aus dem durch die Mediationsakte 1803 der Kanton Waadt geschaffen wurde. Vgl. Blanchet, XL. des les temps ancienso (Lausanne 1863).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 853Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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