Lavater (Joh. Kasp.), einer der merkwürdigsten Männer des 18. Jahrh., wurde 15. Nov. 1741 zu Zürich, wo sein Vater Arzt war, geboren. Er erhielt seine Vorbildung auf dem Akademischen Gymnasium seiner Vaterstadt und widmete sich 1759— 62 daselbst dem Studium der Theologie. Mit Heinrich Füßli klagte er den Landvogt Grebel, dessen Bedrückungen und Ungerechtigkeiten zu rügen niemand gewagt hatte, 1762 bei der Regierung an, reiste in Gesellschaft Füßlis 1763 über Leipzig nach Berlin und dann zu dem Propst Spalding nach Barth in Schwedisch⸗-PVommern. Nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt 1764 machte er sich zuerst durch seine trefflichen „Schweizerliederd (Bern 1767) bekannt, denen die schwärmerisch-ascetischen (Aussichten in die Ewigkeito (3 Bde., Zür. 1768 - 73; 3. Aufl., 4 Bde., 1777—78) folgten. Er wurde 1769 Diakonus, 1775 Pfarrer an der Waisenhauskirche zu Zürich, 1778 Diakonus an der dortigen Peterskirche und, nachdem er einen Ruf nach Bremen abgelehnt, 1786 Pfarrer an derselben Kirche. Seine früh geübte Beobachtungsgabe hatte ihn in Stand gesetzt, sich von allen Personen, mit denen er in Berührung kam, nach einigem Umgange bald ein treffliches Bild ihrer Natur und ihres Charak—⸗ ters zu machen. So kam er auf den Gedanken, die Linien des Menschenprofils für zuverlässige Merkmale des Charakters zu erklären und die Physio—⸗ gnomik zur Wissenschaft zu erheben. Nachdem er seit 1769 mit Ausführung dieser Idee sich beschäftigt, ließ er seine Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebes (4 Bde., Lpz. u. Winterth. 1775—78; franz. mit vielen Zusätzen von L., 3 Bde., Haag 1781—85; im Auszuge von Armbruster, 3 Bde., Winterth. 1783—87; 2. Aufl. 1829) erscheinen, wodurch er eine ungemeine Berühmtheit erlangte. Eine Menge von Chodowiecki, Lips, Schellenberg u. a. gestochener und meist wohlgetroffener Porträts und Schattenrisse merkwürdiger Personen empfahl das Werk ebenso wie der Luun des schwülstigen, in poetischen Kraftworten und begeisterten Ausrufungen hinrollenden Stils. Aus der darüber entstandenen litterarischen Fehde, in welcher besonders G. Chr. Lichtenbergs witziger Aufsatz «Über Physiognomik wider die Physiognomeno den Ausschlag gab, trug der unbefangene Teil der Leser die Überzeugung davon, daß die Grundlage der Physiognomik L.s nur in dessen persönlichen Gefühlen zu suchen sei. Besonders witzig wurden L.s Erfindungen von Musäus in dessen «Physiognomischen Reiseno persifliert. Trotzdem blieb L.s Popularität unerschüttert. Aus den verschiedensten Teilen Deutschlands, ja Europas wandten sich Männer und Frauen an ihn als ihren Vertrauten und Berater und seine Reisen waren Triumphzüge. Wegen seines freimütigen Auftretens gegen die franz. Usurpation wurde er im Mai nach Basel deportiert. Nach einigen Monaten entlassen, nahm er in Zürich seine Amtsthätigkeit wieder auf, bis sie 26. Sept. 1799, als Masséna Zürich wieder einnahm, für immer gehemmt wurde. Auf der Straße beschäftigt, Bedrohten beizustehen, schoß ein wahrscheinlich betrunkener Grenadier ihn durch die Seite. Nach langen Qualen starb er 2. Jan. 1801. Er selbst gab seine „Vermischten Schriften‘ (2 Bde., Winterth. 1774—81), sowie seine «Sämtlichen kleinern prosaischen Schriftens (3 Bde., Winterth. 1784—85), Geßner „L.s nachgelassene Schriftend (5 Bde., Zür. 1801—2) und Orelli «L.s ausgewählte Schrifteno ( Bochn., Zür. 1841—44) heraus. Unter seinen Dichtungen sind neben den schon erwähnten „Schweizerliederno seine bis in die neueste Zeit Vgl. Geßner, Lebensbeschreibung L.5o (3 Bde., Winterth. 1802 —3), 4Goethes Briefe an L.v „(herausg. von Hirzel, Lpz. 1833); Hegner, „Beiträge zur nähern Kenntnis und wahren Darstellung L.sv (Lpz. 1836); Bodemann, «L. nach seinem Leben, Lehren und Wirken dargestellto (Gotha 1856; 2. Aufl., 2 Bde., 1877); Ehmann, Briefwechsel zwischen L. und Hasenkampo (Bas. 1870).