FeedLeberentzündung
HeilkundeBrockhaus 1882

Leberentzündung (Hepatitis) tritt in sehr verschiedenen Formen auf, je nachdem nur der Bauchfellüberzug der Leber, oder nur die größern Gallenwege, oder das eigentliche Lebergewebe von der Entzündung befallen werden. Man unterscheidet gewöhnlich folgende nach Ursache, Verlauf und Ausgang verschiedene Formen: 1) Die Entzündung des serösen Überzugs der Leber (Perihepatitis), welche entweder Teilerscheinung einer allgemeinen Bauchfellentzün⸗⸗ dung ist, oder für sich als Folge einer traumatischen oder mechan. Schädlichkeit (Schlag, Stoß, Druck der Lebergegend) auftritt; besonders häufig wird sie bei Frauen durch den anhaltenden übermäßigen Druck fester Unterrocksbänder und Schnürleiber veranlaßt, und führt bei diesen oft zu einer beträchtlichen Verdickung der Leberkapsel oder zur Bildung einer tiefen Querfurche auf der Oberseite der Leber (sog. Schnürleber), wodurch natürlich auch die physiol. Funktionen der letztern mehr oder minder beeinträchtigt werden. Die hauptsächlichsten Symptome dieser Krankheit sind stechende Schmerzen in der Lebergegend, die bei Druck, Niesen, Husten und Tiefatmen heftiger werden; mitunter sind auch Fieber, Appetitlosigkeit, Erbrechen und andere Verdauungsstörungen vorhanden. Die Behandlung besteht in der Entfernung aller einengenden Kleidungsstücke, ruhigem Verhalten, kalten Umschlägen auf der Lebergegend und milden Abführmitteln; bei schwerern Fällen ist die Behandlung dieselbe wie bei der Bauchfellentzündung. 2) Die chronische fibröse oder interstitielle Leberentzündung, auch Lebercirrhose genannt (Hepatitis ditkusa chronica interstitialis), eine eigentümliche schleichend verlaufende Entzündung des Lebergewebes, bei welcher die Leberzellen infolge einer abnormen Massenzunahme des Bindegewebes nach und nach zum großen Teil zu Grunde gehen, und die ganze Leber schließlich zusammenschrumpft, und auf ihrer Oberfläche nicht mehr glatt, sondern mit zahllosen höckerigen oder körnigen Hervorragungen bedeckt ist (sog. granulierte Leber oder Schuhzweckenleber). Die schließlichen Folgen dieser Leberkrankheit, welche übrigens nur vermittelst der Perkussion mit Sicherheit erkannt wird, sind hochgradige Ernährungsstörungen, Abmagerung, Milzschwellung und Bauchwassersucht, an welcher die Kranken gewöhnlich binnen Jahresfrist zu Grunde gehen. Unter den Ursachen der Lebercirrhose, welche am häufigsten zwischen dem 30. und 50. Lebensjahre vorkommt, steht der Mißbrauch stark alkoholischer Getränke (Branntwein, starker Weine und Biere) obenan, weshalb die Krankheit vielfach auch geradezu als Säuferleber lengl. Gin drinkers liver) bezeichnet wird. Die Behandlung kann nur in den ersten Stadien des Leidens durch völlige Entziehung der alkoholischen Getränke, einfache milde Kost, fleißige Körperbewegung und milde Abführmittel dem Krankheitsprozeß Einhalt thun; in den spätern Stadien erweisen sich alle Mittel als nutzlos. 3) Die eiterige Leberentzündung oder der Leberabseeß (Hepatitis suppurativa), eine in den gemäßigten Klimaten seltene, E8 n in den Tropenländern häufigere Form der L., welche in der Regel zur Bildung von bohnen- bis hühnereigroßen Eiterhöhlen oder Abscessen führt. Als Ursachen dieser gefährlichen Krankheit werden mechan. Schädlichkeiten (Druck, Stoß, Fall auf die Lebergegend), der Mißbrauch spirituöser Getränke und scharfer, fetter, übermäßig gewürzter Speisen angeführt; mitunter entstehen Leberabscesse auch nach schweren Verletzungen mit nachfolgender Venenentzündung und Verjauchung, sowie nach bösartigen Ruhranfällen mit ausgedehnterm geschwürigen Zerfall der Darmschleimhaut, indem hierbei von den verjauchenden Stellen feptische Stoffe durch den Blutstrom in die Leber gelangen und in dieser pyämische Entzündungen erregen. 00 Embolie.) Die Krank-Li⸗ beginnt immer mit hohem Fieber, Schüttelfrost, heftigen, nach der rechten Schultergegend ausstrahlenden Schmerzen in der Lebergegend, wozu sich im weitern Verlauf eine schmerzhafte, anfangs Deraet späterhin schwappende Geschwulst in der Lebergegend gesellt; bisweilen ist auch intensive Gelbsucht vorhanden. Die eiterige L. führt häufig durch Erschöpfung und die eintretende Eitervergiftung des Blutes zum Tode; nur wenn der Eiterherd nach der äußern Haut oder nach dem Darm, oder der Brusthöhle durchbricht, erfolgt nach meist monatelangem schmerzhaften Siechtum Genesung. Die Behandlung erfordert in den ersten Stadien der Krankheit kalte, in den spätern warme Umschläge auf die Lebergegend, milde Abführungsmittel und eine reizlose, leicht verdauliche Diät; sobald sich deutliche Anzeichen finden, daß sich ein Eiterherd gebildet hat, so muß dieser auf operativem Wege eröffnet und entleert werden. 4) Die syphilitische Leberentzündung (Hepatitis syphilitica) gibt sich durch tiefe narbenartige Furchen der Leberoberfläche und ein eigentümliches gelapptes Ansehen der Leber, häufig auch durch zahlreiche erbsen-bis walnußgroße, scharf umschriebene weißliche Knoten (Syphilome) der Lebersubstanz zu erkennen, die sich im spätern Verlauf gewöhnlich in eine gelbliche käsige Masse verwandeln und schließlich einschrumpfen und vernarben; sie ist immer ein Symptom der tertiären Syphilis (s. d.) und führt häufig unter den Erscheinungen der Bauchwassersucht zum Tode. Die Behandlung erheischt eine sorgfältige antifyphilitische Kur. 5) Die akute gelbe Leberatrophie (Atrophia hepatis acuta flava) ist eine selten vorkommende, höchst eigentümliche Form der L., bei der ein rapider Zerfall der Leberzellen stattfindet und die Leber selbst binnen kurzer Zeit akut zu Grunde geht. Man findet sie bei der Sektion um die Hälfte verkleinert, blutarm, von gelbgrauer Färbung, ihr Gewebe im höchsten Grade erschlafft, weich und aufgelockert; die mikroskopische Untersuchung ergibt, daß die Leberzellen entweder gänzlich untergegangen oder in ihrem Innern von zahlreichen Fetttröpfchen erfüllt sind. über die Ursachen dieser noch vielfach rätselhaften Krankheit ist nur wenig bekannt; sie befällt vorwiegend Frauen, namentlich Schwangere, und ist wiederholt nach plötzlichen und heftigen Gemütsbewegungen beobachtet worden. Die Krankheit beginnt meist mit heftigen Kopfschmerzen, Erbrechen, mäßiger Gelbsucht und Leberschmerzen, wozu sich gewöhnlich sehr bald heftige Delirien, große Unruhe, Muskelzittern, Krämpfe und schließlich tiefe Betäubung gesellen. Die akute gelbe Leberatrophie führt fast stets zum Tode; hinsichtlich der Behandlung werden drastische Abfuhrmittel und Mineralbäder am meisten empfohlen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 878Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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