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ErdkundeAfrika Hand-Lexikon 1885

Fulah (besser Fulbe, in der Einzahl Poulo, Poullo), grosses Volk im Nordwesten Afrikas, nördlich vom Äquator (von den Europäern auch: Peul, Poul, Fule, Fula, Fuli, Pular oder Toucouleur; von den Djuli oder Mandingos: Fula; von den Haussa: Fuladji, Fellani, Felantschi; von den Kanuri: Fellatah, Fulatah; von den Arabern: Fullan; von den südl.Imoschagh oder Tuaregs: Afut, im Plural Ifullan, von den nördl. Imoschagh Afellen oder Ifellenen genannt. Unter diesen verschiedenen Namen dehnt sich diese Völkerschaft vom Gestade des Atlantischen Ozeans bis an die Ufer des Schari, des grossen südlichen Zuflusses des Tschad-See und umschliesst so von Westen nach Osteneinen Flächenraum von mehr als 3500 km (= etwa 32 Längengraden). In der Breite erstreckt sich ihr Bereich, aber in sehr ungleicher Linie und mit häufigen Unterbrechungen, annähernd zwischen 6° und 17° n. Br. Die F. bewohnen also zum grössten Teil das ungeheure Becken des Dscholiba oder Niger und das Becken des Senegal, d. h. die ganze Westhälfte des Sudans oder mohammedanischen Nigritiens; in der Osthälfte des Sudan trifft man sie in kleinen Niederlassungen bis südlich von EI-Obeid (16 Fulah-Dörfer mit 4000 Einw. in Kordofan), Sie bewohnen’ indes dieses weite Landgebiet nicht allein, sondern gemeinschaftlich mit einer grossen Zahl vonNegervölkern, welche die Ureinwohner sind und vielfach noch die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Aber trotzdem bilden die F. überall die herrschende, die Neger die unterjochte Klasse. Die F.-Niederlassungenöstlichvom Tschad-See sind von muselmännischen Pilgrimen gegründet worden, während dieselben sich auf den Wanderungen nach den heiligen Orten Arabiens befanden. Die F. gliedern sich nach der geographischen wie politischen Lage in die folgenden vier Gruppen: 1) im Westen, am linken oder südlichen Ufer des Senegal entlang vom Meere an bis zum Faleme-Flusse wohnen die Peuls oder Fulah von Futa-Toro; 2) im obern Becken des Senegal: die Fulah oder Pulars von Futa-Djallon und von Fuladugu; 3) am Dscholiba : oder obern Niger: die Fulah von Massina; 4) am mittlern Niger und ostwärts bis zum Schari: die Fulah von Haussa. Diese letzteren haben zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts einen mächtigen Staat, das Kaiserreich Sokoto gebildet, welches die dreianderen F.-Reiche zusammengenommen in Ausdehnung sowohl wie in Machtfülle überragte. In den letzten Jahrzehnten aber ist dieses Reich inzwei Hälften geteilt worden: die östliche Hälfte führt nach der neuen Hauptstadt, welche an die Stelle von Sokoto getreten ist, den Namen „Königreich Wurno‘“; die westliche Hälfte bildet das Königreich Gando. Über die Gesamtstärke der F.-Völkerschaften haben wir keine bestimmten Nachrichten; das Einzige, was wir wissen, ist, dass dieselbe eine sehr bedeutende ist. Sie sind im beständigen Vordringen begriffen, und die mohammedanischen F. haben bereits 1852 den untern Rio Grande erreicht und sich wie ein Keil zwischen diesen sesshaften, der Mandingonation angehörigen Stämme. eingeklemmt, welche sie allmählich immer mehr nach Nord und Süd zurücktreiben. Ende der 70er Jahre entrissen die fanatischen Eroberer dem Stamme der Nalus seine Besitzungen am Combodia und drängten ihn über den Cassini zurück. Auch bis zum Unterlaufe des Rio Nunez haben sich die F. ausgebreitet, doch haben sie hier keine festen Wohnsitze, sondern lassen nur iin Frühjahr die dort befindlichen Felder von ihren Sklaven bebauen und ziehen, sobald die Ernte von Reis, Hiıse etc. in Sicherheit gebracht ist, nıit derselben wieder landeinwärts. Öbleich die F, in bestimmt unterschiedene Gruppen zerfallen, bilden dieselben doch eine einzige Nation, die den gleichen Namen trägt, die gleiche Sprache spricht und den gleichen Typus zeist: Vom Schari bis zum Özsan wird das von allen anderen Sprachen Nigritiens scharf geschiedene „Fulfulde*, die Sprache der F., wenn auch in einzelnen mundartlichen Abweichungen, gesprochen. Gleicherweise zeigtsich der F.-Typus überall dort im übereinstimmender Form, wo keine Vermischung mit den Negern stattgefunden hat. Der F. rechnet sich mit Stolz zur Klasse der weissen Völker, trotz seiner Färbung, die beim unvermischten F. von der Goldnüance bis zum Braun des Milchkaffee oder zum Hellschokoladenbraun varürt. Der F. hat in der That die charakteristischen Kennzeichen der höheren Rassen: das feine glatte Haar und den fast europäischen den F., besonders unter den fürstlichen Geschlechtern, Gestalten, welche man sehr gut für Araber vom Atlas oder für Bauern aus Andalusien ansprechen könnte. Die Reinheit des Typus ist jedoch bei weitem nicht gleichförmig, in der senegambischen Region sowohl, wo die F. seit undenklicher Zeit mit den Negervölkern in Beziehung stehen, wie auchim innern Sudan, wo sie sich in mehr oder weniger früher Zeit ausgebreitet haben, ist ihr Blut vielfach Vermischungen mit. den Negern eingegangen. „Der F. würde seine Tochter keinem Neger geben, auf den er mit souveräner Verachtung herabsieht,“ erzählt ein Reisender von den Haussa; „aber mit Vorliebe nehmen sie selbst hübsche Negerinnen zu Frauen.“ Naturgemäss sindaus dieser Vermischung eine grosse Anzahl von Individuen, bisweilen ganze Stämme, hervorgegangen, welche den Charakter der Mischlingsrassen in allen Graden zeigen. Niemals aber werden aus der Vermischung des F. mit dem Neger wirkliche Neger, sondern immer nur Nigritier (Negroiden). Kapitän Ingram, Gouverneur der englischen Besitzungen am Gambia, schildert die F., welche er im Innern gesehen hat, folgendermassen: „Die F. sind entschieden ein schönes Volk. Viele von ihnen zeigen eine leichte Kupferfärbung; ihre Züge sind regelmässig, ihr. Gesichtsausdruck ist gutmütig. Im Unterschied von den Mandingos oder Djolofs haben sie einen kleinen Mund, europäische Lippen und fast auch Adlernase. Ihr Haar ist weich und seidig, durchaus nicht wollig. Ihre Augen sind schwarz und schön. Die sind gross, wohl proportioniert, von gerademanmutigem Wuchse. Manches junge F.-Weib würdeauchinEuropaals eine Schönheit selten können.“ Kapitän John Mathews, welcher sie im südlichen Senegambien gesehen hat, schildert sie in ähnlicher Weise: „Sie scheinen ein Zwischenglied zu bilden zwischen den Arabern und den Schwarzen. Sie haben viel Ähnlichkeit mit den Stämmen des nördlichen Indien, magere Gestalt, schwarzes, langes und gerades Haar, gelbe Hautfarbe und die Adlernase. Sie sind verbissene Mohammedaner, unternehnien häufige Kriegszüge zum Zweck der Ausbreitung des Korans und machen auf demselben sehr viel Gefangene. die sie als Sklaven an der Küste verkaufen.* Nach Koelle (Polyglotta africana, S. 15) würde Poul (Peul) sprachlich soviel wie „gelb“ bedeuten. Cailli& beschreibt die F. von Futa-Djallon (am obern Senegal) wie folet: „Sie sind im allgemeinen gross und wohlgebaut; ihre Haltung ist stolz und vornehm; ihre kastaniengelbe Färbung etwas dunkler als die der nomadisierenden F.; sie haben krauses Haar (ähnlich wie die Neger), eine hohe Stirn, grosse Augen, Adlernase, dünne Lippen und längliches Gesicht; mit einem Worte: ihre Züge gleichen denen der Europäer.“ Die F. von Futa-Djallon sind auf den Stand der Negroiden herabgestiegen oder der Toucouleurs, d. h. two colours (engl., Ss. v. w. „zwei Farben‘), wie man diese aus Kreuzung hervorgegangene Rasse nennt. Kapitän Lambert, welcher 1860 ihr Gebiet bereiste, verglich ihren Häuptling mit einem Römer aus der Verfallzeit. Von den F. am DBenue, an der Grenze von Adamaua (südwesti. vom Tschad - See) gibt Dr. Baikie das folgende Bild: „Ihr Äusseres ist von dem des Negers sehr verschieden. Ihr Profil ist häufig ein europäisches; ihre Haut niemals schwarz, sondern von sehr heller Färbung. Ihr Wuchs ist von einer mittlern Grösse; ihre Gliedmassen, ohne muskulös oder üppig voll zu sein, verkünden Stärke und Beweglichkeit. Die Stirn ist hoch und oft gut entwickelt; das Gesicht ist lang, das Kinn spitz. Die Nase ist gerade, zeigt bisweilen die Adlerform; die kräftig entwickelten Lippen deuten auf eine äthiopische Verwandtschaft. Sie nehmen intellektuell eine hohe Stufe ein. Nach unserm langen Verkehr mit soviel rohen und wilden Stämmen erscheinen uns ihre Manieren civilisiert und angenehm. Die Mehrzahl von ihnen träet die Tobe& (ein weites, rockähnliches Kleidungsstück), auf dem Kopfe einen Turban oder eine Art Strohhut. Als Muselmänner scheren sie sich in der Regel das Haupt, lassen aber ihren Bart am Kinne in spitzer Form wachsen. Ihre Weiber sind die ansenehmsten, welchen wir auf unseren Wanderungen in diesen Ländern begeonet sind.“ Einer der merkwürdigstenCharakterzüge im innern Staatsleben der F, ist die Abteilung des Volkes in verschiedene Kasten, von denen die einen aus unvermischten F. bestehen und eine überwiegende Stellung einnehmen. Die Kasten dieser ersten Kategorie sind: die Torodo oder Torob&, bei denen allein man eine Vermischung mit fremdem DBlute (wolof) wahrnimmt; sie bilden die Kaste der Gelehrten und Marabuts, sowie die Aristokraten; die Bailo sind Huf-, Kupfer- undWafienschmiede, sowie Goldarbeiter; die Tiapato und die Koliabe sind Jäger und Krieger; die Tiabalu liegen dem Fischfang ob (eine Beschäftigung, die indes schon als unehrlich angesehen wird). Die Kasten der zweiten Kategorie sind: die Sisilbe oder Syllebawa (von Mandingo-Abstammung); dieLaube(Tischler, meist noch Götzenanbeter) gelten als die Diener der edleren Kasten: die Mabube oder Mab& sind Weber; die Waulube sind fahrende Bettler. Der Umstand, dass eine Kaste der Ackerbauer fehlt, deutet auf den ur- ‘ sprünglich nomadischen Charakter der F. Nach einer Überlieferung, welche unter den senegambischen F. besteht und von verschiedenen Reisenden berichtet wird, sind die FE. aus dem Norden in ihr jetziges Landgebiet einzewandert. Sie erzählen, dass ihre Väter über dem Senegal drüben in einem Lande wohnten, aus welchem sie vertrieben wurden, und dass sie nach Überschreitung des Flusses in dem jetzt von ihnen bewohnten Gebiet Fuss gefasst haben. Barth nennt als Heimatland der F. die Oasen im Süden von Marokko und Tuat; das jetzige Reich Futa-Toro wurde durch den erobernden Marabut Abd-el-Kader gegen Ausgang des letzten Jahrhunderts (um 1770) gegründet, Futa-Djallon etwa um dieselbe Zeit von dem Haussa-Marabut Alfa-Sidi, welcher seine Macht auf die zur Mandingorasse gehörenden Djallonkes ausdehnte; der Staat Massina im Südwesten von Timbuktu wurde durch Seko-Ahmadu, ebenfalls ein erobernder Marabut, gegen Anfang desjetzigen Jahrhunderts errichtet. Die F. hatten um den Besitz von Timbuktu, als des wichtigsten Handelszentrums in diesen Landen, fortwährend Krieg geführt mit den Berberstiämmen der südlichen Sahara. Endlich gelang es dem aus Futa-Toro stammenden Marabut El-Hadji-Omar, am Dscholiba und im obern Senegalbecken ein muselmanisches Reich zu begründen, welches die gesamten westlichen F.: Stämme zu. einem politischen Ganzen vereinigen sollte in ähnlicher Weise, wie die östlichen Fulah unter der Autorität des Sultans von Haussa vereinigt sind.

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 1, S. 443Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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