Kitanda, 1) s. v. w. Bettlade (in Nubien). Innern Afrika’s, am obern Kongo etc., der meist von Frauen abgehalten wird. „Zu diesen Märkten, erzählt Dr. Pechuel-Loesche, kommen Tausende von Ringeborenen aus der Nachbarschaft und ferneren Gegenden zusammen, um unter sich Feldfrüchte, Haustiere und sonstige Nahrungsmittel, sowie Werkzeuge und Geräte auszutauschen. Selbstverständlich spielen Frauen die Hauptrolle Es finden sich aber auch viele Männer ein, Angehörige aller Schichten der Bevölkerung. Bekanntschaften werden angeknüpft, interessante Neuigkeiten besprochen; man zeigt sich im Staate, man schwatzt und lacht, isst und trinkt miteinander, handelt und amüsiert sich, So gewinnt ein Kitanda zugleich den Charakter eines eigenartigen Volksfestes. Durch einen Marktmeister wird auf dem Platze die Ordnung streng aufrecht erhalten, jeder Streit sofort geschlichtet. Verpönt sind alle Vorkommnisse, welche den öffentlichen Frieden stören, eine Panik der erregten Menschenmenge erzeugen könnten, und schwer geahndet werden Prügeleien oder schlimmere Vorfälle. Daher bleibt das lärmende Treiben, das tolle Gedränge der Marktbesucher geradezu musterhaft harmlos, und ein Bruch des Marktfriedens ist ein die ganze Gegend für lange Zeit aufregendes Ereignis. „Die Kitanden wiederholen sich regelmässig in schneller Folge, in grösseren, dicht bevölkerten Distrikten sogar Tag für Tag. In diesem Falle wechseln sie an verschiedenen Orten ab, Die Sammelplätze liegen stets auf Höhen, selten unmittelbar neben Dörfern, niemals innerhalb derselben. Diesmal mochten ungefähr tausend Weiber versammelt sein. Die Verkäuferinnen hatten sich auf die Erde gesetzt und ihre Waren in den landesüblichen, aus Ölpalmenwedeln geflochtenen, langen und schmalen Körben, in bis einen Meter im Durchmesser haltenden flachen Strohschüsseln und Holztrögen rings um sich aufgelest. Da gab es leckere Bananen, köstliche Ananas, feurigrote Amomumfrüchte, Erdnüsse, Hühner, Eier, Kohl und sogar römischen Salat, der: wahrscheinlich von den portugiesischen Kolonieen im Süden bis hierher vorgedrungen war. In überwiegender Menge fanden wir jedoch die Wurzelknollen und die aus diesen bereiteten Präparate der überaus nützlichen Maniokpflanze zum Verkauf gestellt. An einer andern Stelle boten die Töpterfrauen ihre Erzeugnisse feil: kleine und grosse halbrunde Näpfe, schön geformte Wasserkrüge mit engen schlanken Hälsen, andere mit weiten kurz angesetzten Öffnungen, und sehr grosse Thongefässe, die einem der Spitze beraubten Ei glichen. Die meisten Gebilde zeigten auf rötlichgrauem Grunde das sehr hübsch in dunkler Farbe nachgeahmte Muster der Zeichnung des Malachits. Um die Mittagszeit begannen die Männer einzutreffen und boten auch mancherlei Waren feil, indem sie dieselben gleich den Weibern auf der Erde auslegten oder mit sich herum trugen; kleine und grosse, nicht selten am Hefte mit Messing hübsch verzierte Messer, Beile, von der Küste gebrachtes Steinsalz in Bastsäckchen, Schiesspulver in Fässchen, europäische Kattune und einheimische Stoffe, feingearbeitete Mützen mit erhabenem Muster u. dgl. m. Fische vom Kongo, teils frisch, teils getrocknet, fanden schnellen Absatz, und von Haustieren führte man manchmal originell: ausgeputzte Ziegen und Schweine auf, auch Hunde von guter Abkunft wurden eifrig begehrt. „Wie es ihre Würde erheischte, erschienen die Honoratioren der Gegend zuletzt. Dorfälteste im besten Staate, kleine Häuptlinge tauchten auf, und ein Elfenbeinmakler von jenseits des Kongo stolzierte grossthuerisch einher. Der Ton mehrerer Klingeln, das rhythmische Klappern und Schlagen einheimischer eiserner Doppelglocken, die in Gestalt unseren Kuhglocken ähneln, verkündete die Ankunft hoher Häuptlinge. Gravitätisch sich bewegend, schritten zwei Mächtige der Gegend durch die Menge daher. Vor ihnen liefen Herolde, welche die Glocken, andere, welche die hübsch geformten, am Griff mit blanken Messingbeschlägen verzierten grossen Messer trugen. Diese gelten, wie bei uns die Zepter, als Würdezeichen. Hinter ihnen drängte sich ein zahlreiches Gefolge in wunderlichem Aufputz. „Die wichtigste Verkehrsmünze bildeten etwaerbsengrosse eckige Bruchperlen von durchsichtigem, lasurblauem Glase, welche an der Südwestküste allgemein im Gebrauche sind. Zu hundert oder fünfzig auf Schnüre gereiht oder auch in kleineren Mengen gewissenhaft abgezählt, wechselten sie von Hand zu Hand. Um drei Uhr hörte das Kosten, Betasten, Prüfen und Feilschen auf, dereigentliche Markt war zu Ende; doch erst als sich die Sonne zum Untergange neigte, d. h. gegen 6 Uhr, hatten auch die letzten Nachzügler den Ort verlassen und zogen ihrer nicht eben entfernten Heimat zu.“