FeedMassai
TierreichAfrika Hand-Lexikon 1885

Massai, das kriegerische Nigritier-Volk, welches das zwischen 29 nördl. und 40 südl. Br. sich erstreckende Gebiet des östlichen Äquatorialafrika bewohnt. Rebmann (Ende der vierziger Jahre) war der erste, welcher bis in ihr Gebiet (Landschaft Matschame am südwestl. Abhange des Schneebergs Kilima Ndjaro) vordrang; Krapf (1849 u. 1851) folete mit seinen Reisen nach Ukamba; dann kamen: v.d. Decken’s Expedition mit Thornton (1861) nach den Bergländern des Kilima Ndjaro und desselben Forschers Ersteigung des Kilima Ndjaro bis zur Höhe von 42U0. m (1862); des englischen Missionär New Reise zum Kilima-Ndjaro (1871), Hildebrandt’s Expedition zum Kenia (1875), des Engländers Thompson Reise durchs Massai-Land bis zum Naiwascha-See (1883), Keith Johnston’s Reise zum Kilima Ndjaro (1884), endlich Dr. Fischers Reise im Autftrage der geograph. Gesellschaft in Hamburg 1881 unternommene Forschungsreise vom Pangani-Flusse bis zum Naiwascha-See, welche die zuverlässigsten Nachrichten über diese bisher nur wenig gekannten Völkerschaft und das von ihr bewohnte grosse Landgebiet brachte. Dem 1885 veröffentlichten Berichte über Fischers Reise entnehme ich die dort gegebene Beschreibung der berichtet folgendermassen: ‚Der Name Massai ist diesem Volke nicht von den umwohnenden Negervölkern oder Küstenbewohnern gegeben, sondern sie bezeichnen sich auch selbst so. Sehr oft habe ich sie in ihren Reden sich selbst Olmassai nennen hören. Von den Wandorobo werden sie Loigop (plur. eloigop?) genannt, d.h. Eigentümer des Landes. Bei den Bewohnern von Umbugwe unweit von Ugogo heissen sie Wahumba. Die Wakuavi scheiden sich in zwei Stämme, die Olgorti und die Ilkidong; erstere wohnen resp. wohnten in den bewaldeten östlich vom Vietoria-Nianza gelegenen Distrikten um das Flüsschen ngare dabasch (breites Wasser‘; dabasch bedeutet breit aber dünn, seicht), letztere haben ihre Heimat in der Landschaft Leukipia; Ilkidong (eigentlich Tabaksdose) sollen sie deshalb heissen, weil sie den Schnupftabak über alles lieben. Letztere sprechen einen anderen Dialekt wie die Massai und ihre Brüder vom ngare dabasch, auch sind sie körperlich zu unterscheiden. Von fast durchweg tiefschwarzer Hautfarbe sind sie lang und sehr dürr, ihr Haar ist weniger gekräuselt (nach Angabe eines Händlers schlicht), das Gesicht mager, die Züge scharf und im allgemeinen den Somal sehr nahestehend. Dass Somal, Wakuavi, Galla und Massai eine gemeinsame Abstammung haben, ist wohl nicht zu bezweifeln; dafür spricht nicht nur Körperbildung und Lebensweise, sondern auch die Sprache, welche von der der umwohnenden Negerstämme, die alle mehr oder weniger mit der Suaheli-Sprache verwandt sind, sehr verschieden ist. Die Massai besitzen im allgemeinen eine schlanke Statur, doch ohne mager zu sein, vielmehr sind die jungen Leute meist von runden Formen, die Muskeln treten deutlich hervor; kleinere Leute sieht man sehr selten. Die Köpfe sind länglich mit nach hinten zurückweichender Stirn, in der Gesichtsbildung und im Ausdruck kommen jedoch die grössten Verschiedenheiten vor; man bemerkt sympathische, angenehme Züge neben gemeinen tierischen, geradezu edle Formen neben den plumpsten Negergesichtern. In der Nasenbildung ist die Verschiedenheit besonders gross und sie erinnert zuweilen nicht im geringsten an den Negertypus. Die Hand ist schmaler und länger, als beim Neger. Die Hautfarbe ist eine dunkle, vom dunkelbraunen bis tiefschwarzen; hellere Individuen sind sehr selten. Auch die Weiber sind nicht heller gefärbt und was die rötliche Beimischung betrifft, so muss man mit dieser Bezeichnung sehr vorsichtig sein, da die Massai so wie viele andere Völker sich mit Fett und einer roten Schminke einreiben. Die Weiber haben meist eine kleine abgestutzte Nase, Massıg fleischige Lippen, mehr hager als wohlbeleibt, und haben nicht selten eine Andeutung von schiefgestellten Augen; am auffallendsten ist aber, besonders bei den älteren, das Vorstehen der oberen mittleren Schneidezähne, das bei den Männern viel weniger häufig, und zuweilen so stark ist, dass sie die Lippen kaum schliessen können und ich zuerst an ein künstliches Vordrängen dachte, Ein Ausbrechen der Vorderzähne findet nicht statt, wie von anderen Reisenden angegeben worden. Verheiratete Leute und alle weiblichen Individuen rasieren den Schädel, An anderen Stellen des Körpers ist die Entfernung der Haare allgemein üblich, wie denn auch die Barthaare ausgerissen werden. Die jungen dem Kriegerstande angehörigen Leute tragen das Kopfhaar jeder nach seinem Geschmacke, so dass man den verschiedenartigsten Haartouren begegnet. Bald ist das Haar in kleine Stränge gedreht, die gleichmässig den Kopf umhängen, bald hinten chignonartig zusammengefasst, vorne & la Poni auf der Stirn legend; oder es hängt hinten ein langer mit Bast umwickelter Haarzopf herab; sehr beliebt sind auch drei bogenförmige aufwärts gekrümmte Hörnchen, die über der Stirn vorspringen. Die Haare sind immer mit roter Schminke und Butter tüchtig eingefettet, ebenso der Körper, den sie, vom Regen abgesehen, nie mit Wasser in Berührung zu bringen scheinen. Im Gesichte wird rote oder weisse Schminke oft in dicker Lage aufgestrichen. „Obwohl im allgemeinen patriarchalische Verhältnisse ‘bestehen, indem es kein Oberhaupt und keine eigentliche Häuptlinge giebt und jeder sein eigener Herr ist, so besteht doch in’ militärischer Beziehung ein Zusammenhalten und eine gewisse Ordnung, welche man bei der grossen Freiheit der Individuen nicht erwarten sollte. Das Volk scheidet sich in Krieger und Nichtkrieger: elmuran (sing. muran) und elmorua (sing. morua; eine Übergangsklasse bilden die Le. veles, Leute, die zwar schon verheiratet sind, aber unter Umständen noch in den Krieg ziehen. Unter den Nichtkriegern finden sich oft sehr junge Leute, die entweder von ihrem Vater einen grossen Viehstand ererbt, oder mit wenigem zufrieden sind, oder keine Neigung zum Räuberleben haben. Die einzige Triebfeder zum Kampfe ist nämlich das Rind; da der Verbrauch an Rindern ein so grosser und da jeder Mann eine gewisse Anzahl von solchen besitzen will, ehe er heiratet, so muss er sich dieselben auf Raubzügen zu den benachbarten Völkern zu erwerben suchen. Den Elmuran ist nicht gestattet, zu heiraten, auch enthalten sie sich durchaus des Genusses alkoholischer Getränke und des Tabaks und zwar, wie sie auf mein Befragen angaben, um nicht an Kraft und Widerstandsfähigkeit zum Kampfe Einbusse zu erleiden. Die Krieger gliedern sich in 4 Klassen: mrischo, kischangöp, ngarebut, liteijo; die erstgenannte ist die erfahrenste, älteste, die den andern gleichsam als Führer dient. Bei den nicht mehr in den Kampf ziehenden Elmorua unterscheidet man 3 Klassen: wolkidot, ondoat und niangus. Eine jede dieser Klassen hat ihre sogenannten leigwenan, d.h. Sprecher, welcher in Versammlungen die betreffende Klasse vertritt, für Sie spricht, mit den Fremdlingen verhandelt und zuweilen einen sehr bedeutenden Einfluss besitzt. Diese Sprecher, besonders die der Jüngeren Kriegerklassen sind den Karawanen oft von grossem Nutzen, indem sie dieselben schützen und zu ihren Gunsten sprechen, natürlich um hernach ihre Belohnung zu erhalten. In den Distrikten Kinangop nördlich vom Naiwascha-See, Nakuro und Ndoro finden sich drei berühmte und einflussreiche Sprecher: Terere, Leiwoss und Lesingo. Ausser diesen Leigwenan haben dann die sSogenannten Leibon mehr oder weniger Macht; es kann jeder Leibon werden, der das Zeug dazu hat, nämlich der sich auf Zauberei versteht, und nicht selten nehmen Fremdlinge diese Stellung ein, Sie müssen durch ihre Zaubermittel Glück im Kriege bringen, das Land vor Unglück und bösen Mächten beschützen, Regen erwirken. Ein. Ober-Leibon existiert für das ganze Massai-Gebiet, sein Titel ist Mbatian, der sich meist in dem Distrikt Kisongo aufhält und bei dem sich auch die Wakuavi Rat holen. Seine Aufgabe ist es hauptsächlich, den günstigen Augenblick zur Unternehmung von Raubzügen zu bestimmen und durch seine geheimen Künste den Kriegern Sieg und Glück zu verleihen, Vor jedem Raubzuge ziehen einige Krieger zu dem Mbatian hin, der für seine Bemühungen eine gewisse Anzahl Rinder erhält. Der Mbatian ist der besitzendste Mann des Massai-Landes, er soll über 5000 Rinder haben; er hat dagegen auch die Krieger, welche bei ihm weilen und sich Rat bei ihm holen, als seine Gäste zu verpflegen, auch erhalten die Karawanen, die in sein Gebiet kommen, freien Unterhalt; doch betragen die Geschenke, die er erhält, wohl mehr als die Rinder wert sind, die er spendet. Ausser diesem Oberzauberer hat jeder Distrikt einen oder mehrere gewöhnliche, die die kleineren Geschäfte besorgen, Krankheiten heilen, Diebe ausfindig machen etc. Sie sind gewöhnlich von einigen Kriegern gefolgt und älteren Leuten, von denen einer einen Ledersack mit den Zaubermitteln trägt, eine Anzahl Kürbisfläschehen, in denen sich das Zauberpulver befindet. Alle Zauberer zeichnen sich durch besondere Wohlbeleibtheit aus, als Zeichen dafür, dass sie der Ruhe zu pflegen und reichliche Milechnahrung zu geniessen in der Lage sind; einige And so dick, dass sie sich kaum fortbewegen können. Das am meisten angewandte Pulver ist ein sehr feines von hellgelbbräunlicher Farbe und von sehr angenehmem aromatischen Geruch. Ausserdem trägt jeder Leibon ein Horn von Gazella Granti an einem Riemen an der Seite; in demselben befindet sich eine weissliche thonartige Masse, mit der anderen ein Zeichen auf die Stirn gemacht wird. Wenn nun auch die Macht, welche die Leibon auf die jungen Leute ausüben, nicht sehr bedeutend ist, ja in vielen Fällen eher eine Furcht vor diesen herrscht, so verstehen sie jedenfalls, den Aber glauben zu ihrem Vorteil auszubeuten — ob die Herren Zauberer selbst immer an ihren Hokus Pokus glauben, ist mir sehr zweifelhaft. Die Zauberer, welche richt die Gunst und das Zutrauen der jungen Krieger haben, können sich nicht halten und es kommt vor, dass Leute, welche im Verdacht stehen, gefährlichen Zauber ihren Landsleuten gegenüber auszuüben, getötet werden. Jedes männliche Individuum geniesst dieselben Rechte, jedes erhalt seinen Anteil an dem Tribut, den die Fremdlinge entrichten müssen und zwar erhält jede Klasse einen Tribut für sich, der innerhalb dieser verteilt wird. Es ist daraus erklärlich, dass der Tribut in diesem Lande ein enormer sein muss, denn man trifft ja fast alle Tage mit neuen Horden zusammen. Die Spr echer und Zauberer erhalten gewöhnlich noch Extrageschenke, damit sie allzuunverschämte Forderungen der jungen Krieger mässigen sollen. „Mit dem Eintritt der Mannbarkeit, dem 12. Jahre, findet die Beschneidung (Incision , nicht Circumeision) der jungen Leute statt und dann ıhre Aufnahme unter dıe Kimurran, unter denen sie sich eine würdige Stellung durch Auszeichnung im Kampfe zu erringen haben. Bis zur Heilung der Wunde tragen diese Jünglinge einen eigentümlichen aus Bälgen kleiner Vögel hergestellten Schmuck; derselbe wird, mit den Schnäbeln an einer Schnur aufgereiht, kranzartig um den Kopf gelegt. Auch bei den Mädchen findet eine Operation statt; sie haben dann das Gesicht mit Mehl weiss bestrichen und legen einen aus Eisenkettchen und Kaurimuscheln gebildeten Schmuck um die Stirn, den einzigen ethnologischen Gegenstand, den zu erlangen mir unmöglich war. Die Lager der Krieger und Nichtkrieger werden getrennt angelegt, doch wohnen auch von letzteren einige angesehenere ältere Leute unter den Kriegern. Nachdem die jungen Männer des Räuberlebens müde sind und sich eine ihren Ansprüchen entsprechende Anzahl Rinder erbeutet haben, nehmen sie ein Weib oder mehrere und treten damit unter die Elmörua. Da eine dienende Klasse und Sklaven nicht existieren, so ist die Vielweiberei eine Notwendigkeit; so finden wir bei den reicheren Leuten, die einen Viehstand von mehreren hundert Rindern haben, 10 Frauen und mehr, die mit ihren Kindern das Vieh pflegen und die häuslichen Arbeiten verrichten. Da übrigens bei den Massai mehr denn bei anderen unzivilisierten Völkern ein Unterschied zwischen Armen und Reichen hervortritt, so schliessen sich ärmere Leute, d. h. solche, die es aus irgend welchem Grunde zu keinem nennenswerten Besitzstand gebracht haben, den Wohlhabenden an und verrichten Dienste bei diesen. Es findet kein Kauf des Weibes statt; der Sohn bezeichnet dem Vater das Mädchen, welches er zu heiraten wünscht; dieser geht zu dem Vater schickt der Bräutigam einige Rinder und Esel, zum Verschtffen. zurückzulassen ; jedes Hütte für sich und bestimmte Anzahl Rinder auf letztere packt sie ihre Habseligkeiten und zieht zu ihrem Manne während es ihr freisteht, die Rinder ) Ins Ebene Ebele =; Kind Malimba. Kleinvieh zur Wartung, Besitzer mehreren 100 Stück Vieh legen ihren eigenen Kraal an, während sich sonst viele zu einem Lager vereinigen. Solche Lager haben die Form eines Kreises, an dessen Peripherie die Hütten liegen, während in der Mitte Nachts die Rinder ruhen. Das Ganze wird mit einem Dornenwall umgeben. Die Hütten sind 6 Fuss lang, 5 Fuss breit und 3!/, bis 4 Fuss hoch, das Dach ist schwach gewölbt; der Eingang schmal. Sie werden durch in die Erde gesteckte Zweige hergestellt, die oben zusammengebogen und mit Rindermist beworfen werden; bevor Letzteres geschehen ist, wird die Hütte mit Häuten bedeckt und mit einem dichten Flechtwerk aus Rohr umgeben. Diese mit Rindermist beworfenen Hütten halten für die kurze Zeit, für die das Lager an ein und derselben Stelle weilt, dem Wetter stand. Beabsichtigt man das Lager zu verlassen und einen anderen Platz aufzusuchen, so wird zunächst ein Teil der Weiber und das Vieh vorausgeschickt, während die Herren Ehemänner erst mit dem anderen Teil ihres Hausstandes nachrücken, nachdem das neue Lager schon einigermassen hergerichtet ist und sich der nötige Rindermist angesammelt hat. Der Wandertrieb ist so mächtig, dass auch ohne Gras- und Wassermangel die Lagerplätze immer verändert werden. Der Massai kennt nicht nur seinen Distrikt sondern sein ganzes Land auf das genaueste, und die jungen Leute durchwandern es nach allen Richtungen, indem sie allenthalben in den Lagern der Krieger Gastfreundschaft geniessen. Zuweilen sind ganze Distrikte ausgestorben, während andere übervölkert sind. Ein wanderndes Lager macht einen eigentümlichen Eindruck und man wird lebhaft an den Auszug Abrahams erinnert. In langer Reihe schreitet der Zug dahin. Vorauf ziehen einige Bewaftnete, dann folgt das Rindvieh, dann Ziegen und Schafe, hinter diesen die Esel und Lastochsen und den Schluss machen die Weiber und Kinder, welche erstere ebenso bepackt sind, wie die Lasttiere. Wo das Gerippe der Hütten, wie bei den in der Nähe von Kikuju wohnenden Massai, aus Bambus besteht, wird auch dieses auf den Rücken der Ochsen oder Esel mitgeführt, die ausserdem eine Menge Häute zu schleppen haben, die hochaufgetürmt durch seitlich angebrachtes flügelförmigesGitterwerk zusammengehalten werden. Die Weiber sind mit den kleinen Kindern, mit Milchgefässen und sonstigen Hausgeräten bepackt, das sie alles auf dem Rücken tragen. „An Hausgeräten ‘gebrauchen sie begreiflicherweise nicht viel, einige kleinere und grössere (Gefässe aus Flaschenkürbis, ein Beil, kleine Messer einige Kochtöpfe, die sie bei den Wandorobo oder den benachbarten Negerstimmen erhandeln, das ist alles, was sie bedürfen. In der Hütte ruhen sie auf einer Rinderhaut, die auf Zweigen (wenn möglich vom Elelescho-Baume) liegt. Auch die Kleidung wird noch immer ausschliesslich aus Häuten oder Fellen bereitet, obwohl nun schon Jahrzehnte hindurch die Karawanen ihr Land besuchen. Die Krieger gehen alle nackt, nur ein kleines Ziegenfellchen hängt auf der linken Schulter oder der Brust. Die verheirateten Leute haben ein ebensolches grösseres, welches oft bis über die Hüften reicht. Die Zauberer, auch manche reiche Leute hüllen sich oft in einen bis zu den Knieen reichenden Mantel von Rinderhaut, oder haben kleinere aus zusammengenähten Fellen von Affen (Cercopithecus pygerythrus), Klippdachs (Hyrax) oder Wildkatzen, die sie durch die Wandorobo erhalten seltener sieht man ein Leopardenfell. Die Weiber und Mädchen sind in einen‘ weiten Mantel. von weichgegerbter, mit roter Erde und Butter eingeriebener Rinderhaut gehüllt, der jast b1Ss auf dıe Füsse reicht und meist eine Brust freilässt; um die Hüfte wird er durch einen Riemen zusammengehalten. - Schmucksachen bilden auch bei den Massai eine Hauptrolle. Die Krieger sind wahre Stutzer, was man auch schon an den künstlichen Haartrachten sieht. Die verschiedenartigsten Ohrringe, bei denen die Bisenkeftchen as en Verwendung finden, die oft bis auf die Schultern herabhängen, aus Blei, Messing, Perlen werden getragen, zuweilen eh 20 cm here aus Bat gedrehte, mit roter Sehne und Butter De Den Oberarm zıeren Armbänder aus Perlen oder zweischenkelige aus Elfenbein oder Horn. Die ee schmücken Ringe aus dünnem Messing - oder De draht, zuweilen mit langen den Finger schildartig überziehenden Fortsitzen, Über dem Handgelenk werden Bänder aus Perlen angebracht, und um die Hüften läuft ein mit Perlen besetzter Lederstreif, an dem kleine Eisenkettchen herabhängen. Ferner tragen die Krieger um de Hüfte befestigte, nach Bon herabhängende herr mige Stücke Ziegenfell, die als Sitzüber dem Kopfe befestigt, werden. Bei Wanderungen besonders in dornigem Terrain werden Sandalen getragen. Der Krieger besitzt dann noch seinen besonderen Kriegsschmuck und legt alles darauf an, im Kampfe recht schnee und wild zu erscheinen. Einen allgemein beliebten Schmuck bildet ein Kar schwarzer Straussfedern, die, zwischen zwei Streifen rede festgenäht, um das Gesicht gelegt und “oben dann noch mit einigen weissen Federn. verziert sind. Unterhalb des Kniees: befestigt man nach vorne abstehende, mit den langen schwarz und weissen Haaren versehene Fellstücke des zentralafrikanischen Stummelaffen (Colobus gereza). Auch Sporengeklirre lieben diese Krieger, das sie täuschend ähnlich durch winzige Schellchen hervorbringen, die sie um das Fussselenk befestigen; grössere Schellen werden um 58 Oberschenkel gebunden. Mächtige Speere mit breiter Spitze, ein kurzes zweischneidiges Schwert, eine Keule, die oft aus dem Horn des Rlinozeros geschnitzt ist und ein grosser Schwarz weiss-rot bemalter Schild aus Büffel- oder Rinderhaut bilden die Bewaffnung. Mit dem Speere wird nur gestossen, nicht geworfen ; Wurfwaffen existieren nicht. Die Elmörua führen neben einem kleinen Speer auch Bogen und Pfeil. Endlich dienen dem Krieger noch die oben erwähnten Kriegsmäntel als Schmuck im Kampfe; sie werden um den Hals befestigt, oder zuweilen durch einen Schlitz einfach über den Kopf gezogen und wallen nach hinten herab. Ber den Weibern besteht der Hauptschmuck in dickem Eisendraht, der spiralförmig um Öber-, Bern und Unter- ‚schenkel gewickelt wird und an den Gelenken tellerartig sich verbreitert; natürlich beschwert das den Körper nicht wenig und die Schönen können sich nur ei drehend und watschelnd vorwärts bewegen; auch der Hals wird besonders 5 den südlichen Massai mit bis an die Schultern abstehenden Eisendrahtreifen umgeben; all dieser Schmuck bleibt bis zum Tode ohne abgenommen zu werden am Körper. Die Ohrläppchen werden, wie auch bei allen männlichen Individuen eingeschnitten und allmählig kolossal ausgedehnt, so dass sie oft fast die Schultern erreichen. Die verheirateten Frauen tragen zu dem vielen Eisen- und Perlschmuck, welcher letztere um den Hals getragen wird und auf der Brust herabhängt, auch 'noch schwere 6 em im Dorint messende Ohrringe von spiralig zusammengedrehtem dickem Messingdraht, welche mit einem über den Kopf laufenden Lederriemehen gehalten werden müssen und mit einem anderen an den Öhrläppchen angebunden sind; sie sind so schwer, dass die Kopfhaut einen tiefen Einschnitt erleidet. Es ist unbegreiflich, dass diese so durch Schmuck belasteten und behinderten Frauen noch so arbeiten können, wie sie es besonders bei den steten Wanderungen und Neueinrichtung des Lagers notwendig thun müssen. Bei dem Perlschmuck ist weiss, rot und dunkelblau die häufigste Farben-Zusammenstellung, seltener findet man grüne, hellblaue oder fleischfarbene Perlen. Ihr Farbensinn steht nicht hinter dem der Suaheli zurück, wie auch daraus hervorgeht, dass sie für die verschiedenen Färbungen ihrer Rinder sehr zahlreiche Bezeichnungen haben. Die dunkelblauen Perlen werden von den Weibern aber immer mit eroök, (schwarz) bezeichnet. „Die Nahrung der Massai und Wakuavi besteht ausschliesslich aus Fleisch und Milch. Auch der Honig wird nicht verschmäht und oft zusammen mit Fleisch genossen. Die Krieger geniessen nur das Muskelfleisch und die Milch des Rindes; Eingeweide, Gehirn, Ziegenfleisch und Ziegenmilch verschmähen sie, das ist für die älteren Leute und für die Weiber. Letztere kaufen auch wohl Bananen und Negerkorn in Tschaga und Kikuju, wenn Fleischnahrung mangelt oder die Milch knapp ist. Es gilt geradezu für ein Verbrechen Fleisch und Milch zusammen zu geniessen. Man lebt 10 oder 15 Tage nur von Milch und dann nur von Fleisch. Man nimmt sogar eine Brechkur vor, ehe man- von Fleisch- zur Milchnahrung oder umgekehrt übergeht, indem man frisches Blut und Milch zusammentrinkt, wonach Erbrechen und Durchfall eintreten soll. Auch wird Fleisch niemals mit einem (sefässe in Berührung gebracht, in welches Milch gethan war, und ich sah, dass ein Weib einem Träger den Verkauf von Milch zornig ver weigerte, weil er einen Topf brachte, in dem noch Fleischreste sich befanden. Ferner ist es nicht gestattet, die Milch zu kochen; mein Koch musste dies immer heimlich thun, um keinen Anstoss zu erregen. Ist nicht genügend Milch vorhanden, so kommt es vor, dass die jungen Leute ein kräftiges Rind aus der Herde nehmen und nachdem es von einem kundigen Manne am Halse zur Ader gelassen ist, ihren Mund anlegen und das Blut unmittelbar aussaugen. Sobald das Rind schwach wird, stopft man die Wunde zu und lässt es laufen. Die Milch wird dreimal am Tage genossen, entweder frische oder in Gährung übergegangene. Den Fremdlingen wurde Tr immer nur Ziegenmilch gebracht, meist in saurem Zustande and so scharf, dass sie oft kaum zu geniessen war. Rindermilch zu verkaufen wird den Weibern meist nicht gestattet. Das Fleisch wird entweder an Holzspiessen oberflächlich geröstet oder, weniger häufig, gekocht und ohne Salzzusa!z mit der Brühe genossen; mit letzterer wird häufig das Holz eines „mrukutän“ genannten Baumes gakocht. besonders bevor man in den Kampf ziehen will, welches so stark erregende Rigenschaften besitzt, dass die jungen Leute oft in heftiges Zittern verfallen. Bevor die Krieger sich auf den Kriegszug begeben, ziehen sie sich kurze Zeit in den Wald zurück, leben nur von Fleisch, ordnen ihren Kriegsschmuck und en sich für den Kampf vor. Dies soll die einzige Zeit sein, wo diese Helden ungefährlich sind, denn während dieser Weihezeit dürfen sie nicht stehlen noch töten. Wir haben mehrmals kleinere Abteilungen solcher Krieger angetrofien. Die zur Nahrung dienenden Rinder werden nicht geschlachtet, sondern man tötet sie, nachdem man sie niedergeworfen hat, durch Erstickung; dauert dies zu lange, so versetzt man dem Tiere einen Schlag mit der Keule in’s Genick. Kranke oder magere Rinder werden von den Elmuran verschmäht und häufig den Wandorobo überlassen. Die jungen Leute sind fast immer auf dem Krieoszuge; sie sammeln sich entweder distriktsweise oder auch, wenn es einen Raubzug gegen ein mächtigeres Volk oilt, aus mehreren zusammen; die jüngeren noch unerfahrenen Krieger ziehen gegen die schwächlicheren Negerstämme, besonders gegen die zwischen Pangani und Taoga wohnenden Wadigo. „Die Waruvu, Wasegua u. Wanika halten auch den Massai nicht Stand. Grössere Anstrengung dagegen erfordern die Raubzüge gegen Umbugweg, besonders aber gegen die Kavirondo, einem grossen, kriegstüchtigen Stamme am Victoria Nyanza (bei 19 s. Br.); von diesen sowohl, wie auch von den Wakamba werden sie oft mit Verlusten zurückgeschlagen. Die Massai aus den nördlichen Distrikten unternehmen Raubzüge gegen die Suku am Mbaringo-See, nach Kikuju, gegen die Somal und zum Samburu-See hin. Die in dem Distrikte Ndoro hausenden Massai, am südwestlichen .Abhange des Kenia, besitzen Kamele, die sie den Somal geraubt haben. Auf den Kriegszügen werden Rinder zum Unterhalt mitgeführt ; eine Tagereise weit von dem zu bekriegenden Gebiet wird das Lager aufgeschlagen und nachdnm man sich durch Späher vorher orientiert, wo die Rinder des Feindes weiden, versteckt man sich Nachts in dem umliegenden Gebüsch. Sobald sich am andern Morgen das Vieh auf der Weide ergeht, bricht man mit Ungestüm unter lautem Brüllen hervor; die Einen stürzen sich auf die Hüter des Viehes, die Andern suchen möglichst viel Rinder von der Herde abzuschneiden und fortzutreiben. Zuweilen brechen die Massai auch in die Ortschaften der Neger selbst ein, welche letztere meist dien Flucht ergr ein Bei den Waruvu, die von ih en sichern Inseln aus Feuerwaffen, mit denen sie einigermassen umzugehen wissen, gebrauchen, müssen sie meist Tote zurückläßgen. Alljährlich erscheinen die Massai an der Küste; im Wanika - Lande gelangen sie Bi zu den englischen Missionen unweit Mombasa und vor einigen Jahren noch haben sie auf den Pangani gelegenen Plantagen -eine Menge Bo niedergemetzelt, Be-. sonders { in den Monaten August, September, Oktober, wo sie mit ihren Herden: zu den ah mehr Gras bietenden Küstengebieten ziehen und wo sich dann zwischen Pangani-Fluss und Pare-Gebirge zahlreiche Massai-Lager finden, lachen sie die Küstengebiete so unsicher, dass oft der Verkehr zwischen Pangani und Mombasa aufgehoben wird. Einige ältere Leute begleiten die Krieger auf solchen Raubzügen, um zur Vorsicht anzuhalten und das Herkoinmen besonders bei der späteren Verteilung der Rinder zu wahren. Es soll Vorkomuacn dass zu ungestüme, tüchtige und be rühmte Krieger vor dem Kampfe von ihren Karen gebunden werden, 'um sie vom Kampfe fern zu halten. Oft haben sie gefangene Neger von den Kallensinmen be sich, welche ihnen den Weg zeigen und die Orte angeben müssen, wo Vieh vorhanden ist. Jeder Krieger hat seinen speziellen Kameraden, der im Kampfe an seiner Seite bleibr; fällt einer von beiden, so ist es Pflicht des Überlebenden, irgend «in Stück von den Waffen seines toten Freundes den in der Heimat zurückgebliebenen Verwandten heimzubringen: gelingt ihm das nicht, so findet er Keinen Freund mehr. Im Kampfe um der Rinder: willen zu sterben ist dem Massai eine: Freude, im Kampfe um diese fürchtet er den Tod nicht; wenn der Mann in der Heimat den Tod nahen fühlt, so lässt er sich zu seinen Rindern bringen um unter ihnen zu sterben. Es ist rührend, mit welcher Liebe und Sorgfalt sie ihre Herden pflegen und warten, wie vertraut sie mit den einzelnen Tieren sind und wie die Tiere auf das Rufen und Pfeifen ihrer Herren hören. Die Weiber, welche bei den Auszügen hinter den bepackten Ochsen herziehen, unterhalten sich förmlich mit diesen, schmeicheln ihnen und sprechen ihnen Mut zu, rasch vorwärts zu gehen, was bei Mohammedanern immer eine grosse Heiterkeit hervorruft. Nicht selten hängt man den Rindern glockenartigen Zierrat aus Elfenbein um den Hals, auch kleine selbstangefertigte Glöckchen, die denselben Ton haben, wie diejenigen der Alpen-Kühe. „Kastration, besonders beiden Eseln, wird auch geübt. Die Rinder der verschiedenen Besitzer erhalten bestimmte’ Abzeichen eingebrannt. Es besteht eine enorm reiche Nomenklatur für die verschiedenen Altersstufen, Färbungsen und Geschlechter des Viehes. Da die Rinder aus den verschiedensten Gebieten zusammengeraubt sind, so ist kein bestimmter ‘Typus vorhanden; viele der Händler können dem Vieh gleich ansehen, aus welchem Lande es herstammt. Interessant ist es zu sehen, wie die tinder sich benehmen, wenn eine Karawane sich naht; sobald sie die in langer Reihe dahinziehenden fremden Erscheinungen wahrnehmen oder die ihnen fremde und unsympathische Ausdünstung wittern, kommen sie — es sind..oft an tausend beisammen — brüllend: heran, bleiben dicht vor der Karawane stehen mit gespitzten Ohren ünd unaufhörlich brüllend, andere laufen in grosser Unruhe hin und her und die Massai haben oft Mühe, siein Ordnung zu halten. Die Massai selbst und besonders die Weiber haben durchdringenden Geruch nach Rindern; die Ausdünstung der Küstenbewohner ist auch ihnen unangenehm und nicht selten hielten sie, die vorbeiziehenden Karawanen betrachtend, wohlriechende Kräuter vor die Nase. Auch der Duft, welchen die vegetabilische Nahrung verbreitet, ist ihnen höchst widerlich und ich war einmal Zeuge, wie ein junger Massai einem hungrigen Träger mit den Worten: „Dein Frass riecht schlecht“ mit dem Speer durch den Kochtopf. stiess. Die Ochsen, welche den Karawanen verkauft werden, sind häufig nicht viel wert und oft so wild, dass man Massai für einige Perlschnüre mieten muss, um sie zu bändigen oder, wenn man sie mit auf den Weg nehmen will, der Karawane nachzutreiben. Es gewährt einen prächtigen Anblick, die jungen nackten Krieger einem wütenden Ochsen entgegenrennen zu sehen, wie sie ihn an den Hörnern packen und zu Boden werten. „Was die religiösen Gebräuche betrifft, so treten solche bei den Massai in keiner Weise hervor; auch mein Dolmetscher, der wie schon erwähnt ein geborner Mkuavi war, erklärte mir, dass nichts der Art bestände. Fetische besitzen sie nicht. Ein Mohammedaner teilte mir mit, dass sie vor dem Kampfe zuweilen „Ngai“ bitten, ihnen. Glück zu verleihen. Vielleicht sind- die Vorbereitungen zum Kampf auch mit religiösen Vorstellungen verknüpft. Das Wort Ngai habe ich häufig genug gehört. Wenn es donnerte, riefen sie, „Ngai“ den Vulkan nennen sie Dönyo Ngai, wenn ich Raeketen steigen liess, schrieen sie ngai, ngai und viele sagten, als sie mich zuerst erblickten: ngai, besonders immer, wenn ich Streichhölzer anzündete. Wenn man will kann man ja dieses Wort mit „Gott“ übersetzen. Jedenfalls ist das Wort ein Ausdruck für Dinge, die ihnen unerklärlich sind, und ihnen eine übernatürliche Kraft zu sein scheinen. — Wie bei allen unkultivierten Völkern beschäftigt man sich auch hier nur mit dem bösen Prinzip und ist bemüht, durch allerhand Zaubermittel das Unheilbringende zu bannen. All der mittelalterliche und zum Teil noch heute bei uns zu findende Aberglaube von Hexen, bösem Blick, guten und unheilbringenden Tagen steht hier noch in voller Biete Leute, die verdächtig sind, gefährlichen Zu ber (bei den? Suaheli „utschavi* genannt) auszuüben, werden nicht allen getötet. Vor bösem Zauber sucht man sich dadurch zu schützen, dass ınan Rindermist auf Stirn und Backen streicht; viele kamen ins Lager, wenn sie sich mit diesem Schutzmittel versehen hatten. Junge Mädchen tragen gespaltene Hölzchen um den Hals, um gegen bösen Blick gesichert zu sein, sb interessant mit BE darauf, dass. noch heute die er vielfach ähnliche Dinge tragen, um dem bösen Blick zu begegnen. Die Massai beerdigen ihre Toten nicht; sie legen sie, nachdem der Sahrang! entfernt, aa einen Baum, den Vögeln und Hyänen zum Frasse. Unter ersteren ist es besonders der Marabu- Storch, welcher dreister wie die Geier Sch zuerst heranwagt und damit, beginnt, der Leiche die Augen auszuhacken. Diese sonst sehr Salsnen Vögel zeigen sich den Massai gegenüber” sehr zutraulich, finden sich immer bei ihren Lagern und folgen sogar den Kriegszügen. Zuweilen gestatten die Massai nicht sie zu tölen. Dass dagegen eine Art Hyänen-Kultus bestehe, wie andere Reisende berichtet haben, davon konnte ich nichts bemerken; wir haben häufig diese Tiere durch Selbstschüsse getötet, ohne dass die Eingeborenen Einsprache erhoben oder Anstoss daran genommen hätten. Sie sehen es als eine Entweihung der ‚Erde an, eine Leiche zu beerdigen und als einer meiner Träger — der einzige von den 230, der nicht zur Küste zurückkehrte — von einem Büffel getötet wurde, musste seine Beerdigung heimlich des, Nachts geschehen und dafür, dass das Kornfeld (wir befanden uns damals bei den Wakuavi von Ngurumän) mit dem Blute des Unglücklichen befleckt wurde, musste eine Sühne gezahlt werden. — Eine eigentümliche Rolle — eS spielt auch der Glaube an eine Zauberkraft hier mit — spielt bei den Massai das Handspucken. Wenn der Mbatiän besucht wird oder überhaupt ein Mann, dem. man Zauberkräfte zutraut, so hält man die Hand hin, damit jener darauf spucke. Von mir wurde das auch verlangt und da ich anfangs etwas blöde darin war, So hiess es immer: „mehr!“ Als wir nach einem sechsstündigen heissen Marsche ohne Wasser in jenes oben erwähnte Gebiet von Kibalbäl kamen, wo sich viele Lager befanden, kamen die jungen Krieger in solcher Anzahl mit dem Verlangen ihnen auf die Hand zu spucken, dass mein Speichel schliesslich nicht mehr ausreichte. Auch bei Verkäufen und Geschenken ist dies Sitte. Nachdem man Handels einig geworden, spuckt der Verkäufer auf das. Verkaufsobjekt, ebenso der Geber eines @eschenkes auf dieses, als ein Zeichen, dass man es nie mehr zurückfordern werde. Als Zeichen der höchsten Deteuerung der Wahrheit eilt das Zerreissen einiger Grashalme. Der Handel mit den Massai ist ein sehr langwieriger; man erhält niemals, wenn man nach dem Preise einer Saehe fragt, eine definitive Antwort und ist nie sicher, dass der Verkauf nicht wieder rückgängig gemacht wird. Als wir eines Tages nach langen Unterhandlungen ein Rind gekauft hatten, der Kaufpreis bezahlt worden und das Rind geschlachtet war, verlangte der frühere Besitzer noch eine Zugabe wegen des „unerwartet vielen Fettes“, das das Tier zeige. Zuerst wurde sie ihm abgeschlagen, als er dann aber die Leute seiner Klasse zusammenberief und eine Besprechung des Falles verlangte, und die Reden kein Ende nehmen wollten, waren wir froh, den Lästigen durch Zugabe von 15 Schnüren Perlen loszuwerden. — ‘In ihren eigenen Versammlungen und inden Verhandlungen mit den Fremd- :lingen geht es im allgemeinen sehr ordnungsgemäss zu; jeder muss niederkauern, nur der jedesmalige Sprecher hat das Recht zu stehen; derselbe hat einen Stock oder eine Keule in der Hand, mit der er Gesten macht; ein Jeder hat das Recht zu reden, doch hat der Leigwenän der betreffenden Klasse das Vorrecht. Die Massai lieben das Reden ungemein und sind unermüdlich in den Verhandlungen: es ist daher für eine Karawane äusserst wichtig einen guten Dolmetscher zu besitzen, der mit allen Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen bekannt ist, die Feinheiten der Sprache versteht und weiss, wodurch man Eindrücke erzielen kann. Es giebt nur sehr wenige derartige Leute an der Küste. — Das Handreichen zum Gruss ist auch bei den Massai allgemein üblich; wie wohlerzogene Jungen kamen die wildesten Krieger, mir mit dem Worte „ässak* die Hand reichend. Der Gruss unter Männern heisst „söwai“, d. h. so viel wie guten Tag; die Antwort lautet: „hewa“. Der Krieger wird von den Fremdlingen mit Murän angeredet. Die Mohammedaner heissen bei den Massai: Läschomba, d. h. „Freie“ im Gegensatz zu „Singa*, Sklave. Die Zahlworte der Massai gehen nur bis fünfzig; was mehr ist, wird durch das Wort „ip-bi“* ausgedrückt: für alle Zahlen besteht eine eigentümliche Fingersprache, welche allein oder mit mit Aussprechen der Zahlworte angewandt wird. „Obwohl die Karawanen, sagt Dr. Fischer, nun schon eine lange Reihe von Jahren das Massailand besuchen, hat sich doch — abgesehen von den unter den Massai wohnenden Wakuavi — nirgends ein freundschaftliches Verhältnis zu den Eingeborenen gebildet. Daran sind hauptsächlich die jungen Krieger schuld, in denen ihrer Tigernahrung entsprechend auch eine Tigernatur wohnt. Stehlen können auch die älteren Leute nicht unterlassen, doch sie sind wenigstens bemüht, thätliche Streitigkeiten so viel wie möglich zu verhindern; nicht selten wurde auch von ihnen gestohlenes Gut wieder zurückgebracht. Ein hässlicherZug im Charakter der Massai ist der grosse Geiz.® Auch der ärmlichsteNegerstamm in Ostafrika bringt, nachdem er Tribut erhalten, ein Gegengeschenk, und wenn es nur in etwas Mais und Bananen besteht. Die Massai, welche fast tagtäglich Tribut einheimsten, gaben niemals etwas, auch die Leibön, die häufig noch besondere Geschenke beanspruchten, gaben nicht einmal eine Ziege von den Hunderten, die sie besassen — mit Ausnahme eines Mannes allerdings, des einzigen wohlwollenden Massai, der mir begegnet ist. „Die Frauen sind dagegen sehr umgänglich und den Fremdlingen von grossem Nutzen. Trotz ihres, wie wir gesehen haben, sie belastenden Schmuckes sind sie unermüdlich; sobald eine Karawane angekomınen ist, schleppen sie Holz, Laubwerk und Gras herbei, wofür sie einige Pferde erhalten, holen oft Wasser für die ermüdeten Träger, ziehen dann zu ihrem Lager zurück und bringen Milch und Häute zum . Kauf (mit letzteren baut sich der Träger im Massailande eine Hütte). Sie bleiben dann oft den ganzen Tag im Lager, scherzen und lachen mit .den Trägern und es kam auch wohl vor, dass einige, von der Dunkelheit überrascht, nachts im Lager zubrachten. Die Weiber hinterbringen sogar den Fremdlingen feindliche Absichten der jungen Leute und sind in jeder ten. Sie haben auch, wenn man so sagen darf, eine internationale Stellung in dem Verkehr; sie können unangefochten nach Kikuju, nach Tschaga, nach Gross-Aruscha wandern, während die jungen Leute mit den Bewohnern dieser Gebiete in steter Fehde leben. Als wir am Naiwascha-See lagerten, kamen auch eines Tages Weiber von Kikuju in’s Lager, die Mehl zum Kaufe brachten und ungehindert das Massai-Gebiet betreten konnten. Diese waren übrigens, für den Fremdling wenigstens, nicht von den Massai - Weibern zu unterscheiden und verstanden auch die Massai-Sprache etwas, welch’ letztere denn überhaupt die Verkehrssprache bis zum -Mbaringo- und Samburu-See bildet und von den angrenzenden Volksstämmen ebenfalls mehr oder ‚weniger verstanden wird. In Njemsi nehmen die Karawanen Wakuavi-Dolmetscher für die weiter wohnenden Stämme. Das Massai-Weib hat bei Verkäufen auch eine gewichtige Stimme und nicht selten kommt ein Kauf nicht zu stande, weil das Weib irgend einen besonderen Wunsch hat, den der Fremdling nicht erfüllen kann. Die schwere Arbeit scheint der Mann ihr mit möglichst viel Schmuck versüssen zu wollen.“

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 2, S. 893Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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