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ErdkundeAfrika Hand-Lexikon 1885

Usagara, Landschaft in Ostafrika, über welche die deutsche ostafrikanische Gesellschaft im Dezember 1854 durch Graf Pfeil und Dr. Peters die Oberhoheit erworben hat; durch kaiserlichen Schutzbrief vom 27. Februar 1885 unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt. Usagara, welches den Kern der Besitzungen an der Sansibarküste bildet, ist unstreitig eine wertvolle Erwerbung. Für eine Plantagenwirtschaft sind in Usagara die günstigsten Verhältnisse vorhanden, obwohl Landwirtschaft nach europäischen Begriffen dort unmöglich ist. Die Gesellschaft hat trotz der kurzen Dauer ihrer Wirksamkeit bereits vielfache Versuche anstellen lassen, um zu erkunden, für welche Arten von Kulturen der Boden der Kolonie sich eignet, und für welche nicht. Solche Versuche wurden u.a. mit Wein- und Seidenbau und mit Tabakpflanzungen unternommen, und die Ergebnisse waren in den meisten Fällen sehr befriedigend. Durch die bisher angestellten Versuche ist bereits festgestellt, dass in Usagara eine grosse Anzahl unserer Gartenprodukte gezogen werden kann. So kommen dort sehr gut fort: Stangen- und Buschbohnen, Erbsen, Wirsing-, Kraut- und Blattkohlarten, Mohrrüben, rote Bete, Kohlrüben, Kohlrabi, Zwiebeln, Lauch, Kopf- und Bindsalat, Küchenkräuter, Gurken, Melonen, Kürbisse, Schwarzwurzeln, Rettige, Radieschen, Knollen- und Bleichsellerie, Körbelrüben, Tomaten, Spinat u. s. w. Beim Gemüsebau zeigt sich aber ein grosser Nachteil: das eingeführte Gemüse kommt zwar gut fort und trägt auch Samen, aber dieser hat bereits afrikanischen Charakter und entartet. Dagegen gedeihen Wein und allerlei Obstarten vortrefflich, und wenn die Weinreben nach jeder Traubenreife geschnitten werden, tragen sie zwei- bis dreimal jährlich. Versuche, den Kartoffelbau einzuführen, haben auch ein günstiges Ergebnis erzielt; die europäische Kartoffel gedeiht an vielen Stellen des Landes sehr gut, ausserdem aber überall die Wiasi, die süsse Kartoffel. Auf grossen Ananasfeldern wachsen Früchte, welche zu den besten dieser Art zählen. Günstige Ergebnisse sind auch mit Roggen und Weizen erzielt worden; Mais gedeiht vortrefflich, und Zuckerrohr kann in den Niederungen überall gepflanzt werden. Das gemässigte Tropenklima Usagaras ermöglicht aber auch den Anbau von Baumwolle, Kaffee, Kakao, Thee, Opium, Vanille, Indigo und anderer Erzeugnisse tropischer Länder, mit denen sich die Plantagenwirtschaft hier vorzüglich wird zu beschäftigen haben. Wenn von Ausnutzung der Reichtümer des Bodens die Rede ist, darf auch der Waldreichtum der Kolonie nicht übersehen werden. Usagara ist reich an herrlichen Wäldern. „Steht man auf einem hohen Berge und übersieht das Land,“ schreibt einer der Beamten der Gesellschaft, „so erblickt man an vielen Stellen Wald und wieder Wald. Marschiert man von einem Ort zum andern, so kommt man oft 6—8 Stunden durch Waldungen, ohne etwas anderes als Bäume und hohes Gras zu sehen.“ Unter den Bäumen, welche die Wälder bergen, befinden sich Riesenstämme von. grosser Härte, der riesige Ceril-Cedro, der Teakbaum (Oldfieldia africana), der Baobab, eine dem Mahagoni-Baum verwandte Meliacee (Khaya senegalensis) u.a. Wegen seiner Härte eignet sich das Holz dieser Wälder sehr gut zur Drechslerei, und es wird gewiss einen bedeutenden Aus-. fuhrartikel bilden, sobald der Transport zur Küste geregelt u. erleichtert sein wird. Die mächtige Triebkraft des afrikanischen Bodens offenbart sich deutlich in den Wäldern Usagaras. „Die Blattbildung fällt mit dem Anfang der Regenzeit zusammen, aber da am Schluss derselben die. Bäume in Saftfülle stehen und der Boden erst allmählich austrocknet, so dauert die Vegetationsperiode noch eine Weile fort, nachdem die Niederschläge aufgehört haben. Am Rovuma, einem Küstenfluss (10% s. Br.), der dem feuchten Äquatorialklima Sansibars näher gelegen ist, verliert die Mehrzahl der Bäume im September das Laub. Indessen finden sich auch immergrüne Formen den Laubgehölzen beigemischt, so dass selbst in der trockenen Jahreszeit die grüne Farbe nicht völlig verschwindet. Das Laub der Sykomore (Ficus Sycomorus), der Banyane (Ficus papulifolia), des Melonenbaumes (Carica Papaya), der Kasuarina und der Akazie sind der treue Ausdruck des Klimas von Ostafrika. Dabei zeigen sich bald eingestreut, bald selbständig und gesellig auftretend, in grosser Anzahl die Baumpalmen, Kalamus, Lianen ete. in grösster Mannigfaltigkeit. So u. a. die Weinpalme, die Dompalme, die Ölpalme, die Fächerpalme, die Bananenpalme (Musa sapientium), welche die reichsten Humusböden bewohnt und in dem Haushalt von Ostafrika eine sehr hervorragende Rolle spielt. Bambusse, baumartige Lilien, Schraubenpalmen (Pandanus), Agaven bieten immer noch Raum zu Ausbreitung der blühenden Orchideen - Teppiche, die sich in den zahlreichsten Formen dem Auge darbieten.* Ich werde niemals, schreibt Karl Peters, die eigentümliche Schönheit des ersten Marschtages vergessen. Wir stiegen vom Meere aus langsam bis auf eine Höhe von 300 Fuss. Hinter uns das Meer begann sich allmählich in jene unsagbar reizvollen Farbentöne der Tropenwelt zu kleiden, und vor uns flammte der westliche Himmel nach und nach in der Glut der untergehenden Sonne. Am fernsten Horizont im Westen lagerte dunkles Gewölk, hinter welchem die Sonne etwa um 6 Uhr zu verschwinden begann. Die Luft war warm und durchsättigt von all den eigentümlich berauschenden Düften der Tropen; bunte, hellsehimmernde Blumen aller Art und von allen Farben strömten fortwährend das süsse, aber gefährliche Gift dieser Dünste aus. Dazwischen wiegten sich nie gesehene Schmetterlinge u. Käfer von glühender Farbenpracht. Fremdartige, bizarre und oft groteske Baumformen traten links und rechts aus dem tiefen Schatten hervor, und über alle hervor ragte von den grösseren Erhebungen die stolz melancholische Palme. Dazu das Schnurren, Pfeifen, Zischen, kurz, alle die unbezeichenbaren Töne der Vogelwelt, die eigentümlichen Zurufe der Neger! Der Abend sauk tiefer herab, und nun begann es in den Gebüschen zu leuchten. Milliarden und aber Milliarden von glühenden Leuchtkäfern schwirrten und sausten an uns vorüber; ein seltsam beklemmendes Gefühl überkam mein Herz, ungewohnt all solcher Eindrücke. Ich fühlte mich wie hinausgeworfen auf einen andern Planeten, wo das Leben noch glühender durch die Natur pulsiert. Ein unaussprechliches Sehnen und eine tiefe Melancholie überkam mich. — Über die Aussichten der Viehzucht in Usagara äussert sich eine der Bekanntmachungen der Geseilschaft auch in sehr günstiger Weise. Das Land eigne sich nicht nur für Rindvieh-, Schaf- u. Ziegenzucht, sondern das Vorkommen von Kühen und Eseln in Muininsagara, Mrogoro und an anderen Orten beweise, dass die gefürchtete T'setsefliege in Usagara nicht vorkommt. Allerlei Geflügel, Hühner, Enten etc. seien bereits im Lande vorhanden. Der Einfuhr und Akklimatisation anderer Tiere dürften keine grossen Schwierigkeiten im Wege stehen. Namentlich könne man hoffen, dass man Pferde werde einführen können, da solche sogar in Sansibar, dessen Klima viel ungünstiger sei, fortkommen. „Als Regel lässt sich aufstellen, dass man die gewünschten Haustiere aus Kolonieen gleicher Zone, Pferde z. B. aus Madagaskar u. Java, importiert, und mit der Veredelung bereits vorhandener Arten (Schafe, Kühe) schrittweise von unten nach obenhin vorgeht.“ Die wichtigste Frage ist die ‘Arbeiterfrage, da in Usagara der Europäer die schweren Feldarbeiten nicht selbst verrichten kann, sondern auf den Beistand von Arbeitern angewiesen ist, welche körperliche Anstrengungen in diesem Klima besser ertragen können als er. Sansibar besitzt ja bekanntlich eine sehr brauchbare Arbeiterbevölkerung, die auch gern in die Dienste von Europäern tritt, aber diese Leute sind verhältnismässig teuer, und die Kolonie muss daher trachten, sich von ihnen zu emanzipieren und billisere Arbeitskräfte heranzuziehen. „Das Material hierfür dürfte in erster Linie in den Sklaven der abhängigen Sultane zu finden sein, welche vielleicht durch das Zwischenstadium einer Art von Leibeigenschaft hindurch zur regelmässigen Arbeit und damit zur Freiheit zu erziehen sind. Gelingt dies, so werden sie der übrigen Bevölkerung ein Vorbild und mit der Zeit auch Lehrmeister werden können. Auch die übrigen Neger werden sich leichter zur Arbeit bequemen, sobald sie sich durch dieselbe den Besitz einer Reihe von ihnen bis dahin unbekannten europäischen Genussmitteln verschaffen können. Für gewisse Kulturen dürfte sich die Einführung fremder Arbeiter empfehlen. So wird man z. B. auf Kaffeeplantagen wahrscheinlich sehr gut Leute aus Java, für Thee und Seidenkultur Chinesen, für anderweitige Plantagenwirtschaft (Zucker, Kakao, Tabak u. s. w.) auch wohl Kulis aus Indien verwenden können.“ Die ersten Versuche hat die Gesellschaft bereits selbst unternommen, um auch in dieser Richtung festzustellen, was den Kolonisten empfohlen werden kann. Ihr Streben ist überhaupt bisher, nachdem sie sich einen grossen Landbesitz gesichert, darauf gerichtet gewesen, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln, welche später sich niederlassenden Kolonisten zugute kommen können, und sie sucht allmählich alles vorzubereiten, was diesen von Nutzen werden kann. So ist auch schon im März 1885 ein Kaufmann nach Muininsagara gesandt worden, um dort eine Faktorei speziell für die Bedürfnisse von Kolonisten einzurichten. Von der eingeborenen Bevölkerung hat der Kolonist keine Schwierigkeiten zu erwarten. Die Häuptlinge sowohl als das Volk sind uns freundlich gesinnt, und sie wissen, dass die Verbindung mit uns zu ihrem Vorteil ist. „Sie haben,“ äusserte sich Dr. Peters, „ein starkes Gefühl für Freundschaft und sind in hohem Grade anhänglich, wo sie ihren natürlichen Herrn erkannt zu haben glauben. Mir sind sie immer wie treue Hunde erschienen, und wenn nur erst ihre Scheu überwunden war, gelang es in der Regel sehr bald, zu einer gewissen Vertraulichkeit mit ihnen zu gelangen. War diese erreicht, so. war damit alles gewonnen, denn man hatte sie alsdann eigentlich in der Hand.“ Die Not, die überall herrscht, treibt sie zum Anschluss an den Weissen, und ihr ist es auch zu verdanken, dass die Sultane sich überall schnell zu so grossen Gebietsabtretungen bereit finden liessen. „Genau wie Deutschland nach der aktiven, so ist Ostafrika kolonisationsbedürftig nach der passiven Seite hin. Die üppigen Landschaften, verödet durch Jahrhunderte lange Sklavenjagden, liegen da wie die Obstbäume der Frau Holle und harren der Hand, bereit, den Segen zu ernten, Selbst in den Schwarzen dämmert die Erkenntnis auf, dass es besser mit ihnen werden wird, wenn Weisse als Herren des Landes unter ihnen wohnen. Heute leben sie dahin wie Fabrikarbeiter ohne Beschäftigung; sie fühlen selbst, dass es der organisierenden Thätigkeit jener unheimlichen Rasse bedarf, als deren Repräsentanten wir bei ihnen erschienen, damit auch sie ein wenig mehr von den Schätzen ihres eigenen Landes geniessen können.“ Als Dr. Peters zu dem alten Sultan Muinin-Sagara kam, war dieser hocherfreut über die Absichten der Weissen, sich in seinem Lande niederzulassen. Er sitze nun hier 70 Jahre, sagte er, und wiederholt seien Weisse mit den ° Gütern Europas durch sein Land gezogen und seine Gäste gewesen; er habe gehofit, dass sie sich einmal auch in seinem schönen Lande niederlassen und dasselbe in ihrer Weise bestellen würden, ‚und nun, fügte er freudig hinzu, „soll ich das selbst noch erleben!“ Das Volk, das diese Berge bewohnt, die Wasagara, trifft man am reinsten in Mpwapwa. Dort sieht man, wenn man von der Küste kommt, zum ersten Male Eingeborene mit langen dünnen Löckchen, in welche allerlei Messing- und Kupferbehängsel, kleine Münzen aus Sansibar u. s. w. eingeflochten sind. Durch die gutgefetteten Löckchen wird zuweilen noch eine Perlenschnur gewunden, das Gesicht leicht mit Ocker gefärbt, die Spitze eines Flaschenkürbis, in welchem sich etwas Tabak (Tumbak) befindet, in jedes Ohrläppchen gesteckt und ein Band, an welchem vier oder fünf Münzen hängen, um die Stirn gebunden. Um den Hals trägt jeder Msagara allerlei Zieraten, „ein Paar schneeweisse Muschelschalen, geschnitzte Holzstückchen, ein kleines Ziegenhorn, eine von dem Medizinmann des Stammes geweihte Arznei, ein Fundo weisser oder roter Perlen, 2—3 durchlöcherte Sungomasi-Eierperlen, eine Schnur Kupfermünzen und hin und wieder kleine Messingketten, welche billigen Uhrketten ähneln. Tättowierungen an Stirn, Brust und Armen sind bei beiden Geschlechtern üblich. Erwachsene Männer und Frauen tragen Lendentücher aus Baumwolle, Kaniki oder Barsati, Jünglinge ein Ziegenfell, und Kinder gehen völlig nackt. Die Bewohner des südlichen Usagara sind freundlicher als jene des nördlichen, die durch die unaufhörlichen Kämpfe mit ihren Nachbarn, den Wasegua, Wahumba, Wagoco und Wahehe, welche ihre Dörfer überfallen, um Menschen zu rauben, gegen alle Fremden misstrauisch geworden sind, aber sobald sie sich überzeust haben, dass der Fremde als Freund kommt, begegnen auch sie ihm mit rückhaltloser Freundlichkeit. Burton und Speke kamen nach Usagara durch den 650 m hohen Goma-Pass in der ersten östlichen Kette des Gebirges und zogen über Zonwe nach Muhama, wo Halt gemacht werden musste. Es stand ein Zug durch eine Wüste bevor, und es mussten deshalb grosse Kornvorräte gekauft und das Korn gemahlen werden, bevor man aufbrach. Auf dem Weitermarsch vermochten die Reisenden von der Höhe der erstiegenen Berge weitlin nach ‚Westen das Gebirge zu übersehen, über das rötliche Braun der näheren Höhen und die durch weisse Nebel verhüllten Thäler hinweg bis zu den blauen Linien, welche den fernen Horizont umsäumten. Der Marsch ging durch von der Sonne versengtes Land dahin, in welchem dunklere Flächen die Stellen bezeichneten, an denen die Eingeborenen das Gras abgebrannt hatten. Ein angenehmer Ruheplatz nach den Entbehrungen des Marsches durch diese Wüste war Rumuma, wo alle Karawanen zu rasten pflegen und wohin die Bewohner der Umgegend ihr Vieh und ihre Feldfrüchte zum Verkaufe bringen. Hinter Rumuma kam man in bevölkerteres Land, das man in der Richtung nach Inenge durchzog. Bei diesem Orte begann der Aufstieg zur dritten Kette des Usagara-Gebirges. Der „Schreckliche Pass“ und der „Windige Pass“ führen zum Westrand des Tafellandes empor, welches die Wasserscheide zwischen dem Rufidschi und den nordwärts fliessenden Zuflüssen des Sa it, Das ganze Tafelland von gogo lag vor den Reisenden ausgebreitet, gegen Westen dehnten sich weite sonnverbrannte Ebenen, im Norden erhoben sich hier und da einzelne Berge, und nach Süden hin zog sich, schwarz - weissen Linien gleich, mit Dschungeln untermischtes Buschland. Der Abstieg nach Ugogo wurde durch die Teufelsschlucht bewerkstellist, durch welche der Weg in jähem Abfall hinabführt. (Roskoschny, Ostafrika.)

Afrika Hand-Lexikon. Ein Nachschlagebuch für JedermannVon Paul Heichen, Leipzig: Gressner & Schramm 1885 · Bd. 3, S. 1302Scan: Staats- und Universitätsbibliothek Bremen · gemeinfrei

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