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AllerleiAppetit-Lexikon 1894

Bordeaur, Stapelort der Medoeweine — An deine Hügel und Keller Gedenk' ich im Nord wie im Süd, Und ein Meer sehnsüchtiger Träume Durchflutet mein durstig Gemüth. Denn dort blühen und reifen sie, die Hochgewächse des Meedoc, d. h. der Landschaft unterhalb Bordeaux zu beiden Seiten der Gironde bis hinab zum Meere, dort lagern und rasten sie, die Tonnen voll flüssiger Weisheit, bevor sie hinausgehen in alle Welt, um zu lehren alle Völker — die das nöthige Geld für diesen Unterricht in der Tasche haben. Die Bordeauxweine, die in England mit demselben Rechte Clarets heißen, nach welchem der Champagner in Deutschland „Seet“ genannt wird, nämlich nach dem Gewohnheitsrechte, zeichnen sich bei vollkommen harmonischem Geschmack, der jeden Grundgeschmack zur Geltung kommen und keinen schroff hervortreten läßt, namentlich durch eine gewisse feine Herbe, durch ein höchst angenehmes Bouquet und durch mildes Feuer aus. Man classifieirt die Weine in Bordeaux nach „Gewächsen“ (erus), d. h. nach bestimmten, genau begrenzten Standorten der Reben, und unterscheidet danach neben den „Hochgewächsen“ (grands erus) noch Gewächse erster bis vierter Qualität; nach diesen Qualitätweinen folgen in absteigender Linie die „Bürgerweine“ (bourgeois), die „Landweine“ (paysans) und endlich als der schrecklichste der Schrecken der „Kutscherwein“ (petit vin), der aber immer noch bei Weitem trinkbarer ausfällt, als der Suréner oder der deutsche Grüneberger. Unter den Rothweinen des Bordelais gelten als Hochgewächse: Chateau Lafitte, Chateau Margaux, Chateau Latour und Haut-Brion; zu denen erster Qualität zählen: Montrose, Mouton, Rauzan, Leoville, Vivans-Durfort, Gruau-Laroze, Lascombe, Branne, Pichon-Longueville, Dueru-Beaucaillou und Cos-Destournel; von den Gewächsen zweiter und dritter Qualität endlich sind zu nennen: Cantenac, Kirwan, Saint-Julien, Saint-Laurent, Saint-Estephe, La Lagune und Pouillae. Die Weißweine des Bordelais, die auch nach dem Dorfe Sauterne benannt werden, sind wegen ihrer Süße und Vollmundigkeit berühmt. Die Krone derselben und vielleicht aller französischen Weißweine überhaupt ist der Chateau d'quem von der Besitzung des Barons de Lur-Saluces bei Sauterne, ein wahres Wundergewächs, in welchem feines Bouquet, Vollgeschmack, Feuer, Süße und Würzigkeit sich zu einem bezaubernden Ganzen vereinen. An den Mauem schließen sich als Gewächse erster und zweiter Qualität: Suduiraut, Guirand, Vigneau, Chateau Latour blanche, Coutet, Peyraguey, Rabaut, Doisy-Védrines, Filsot, Crü de Malle u. a. m. Der Trinker merke noch, daß die Bordeauxflasche sofort nach dem Einschenken wieder verkorkt wird; das Gegentheil verräth einen Mangel an Lebensart, denn je gehaltvoller der Wein ist, um so leichter und schneller verflüchtigen sich seine edlen Bestandtheile. Im ganzen 18. Jahrhundert hieß übrigens der Bordeauxwein nach einer Weinherrenfamilie de Pontae im Medoe in Nordeuropa einfach „Pontac“, und unter diesem Namen ist er auch von Karl Bellman (gest. 1794) poetisch verherrlicht worden. Stoff und Sänger waren in diesem Fall einander werth, denn der Schwede Bellman war nicht blos der größten Dichter, sondern auch der besten Trinker einer.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 52Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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