Brunnenkresse, Bach⸗ oder Wasserkresse, eine * Wasserpflanze, die in allen Welttheilen mit Ausnahme Australiens wild oder verwildert vorkommt, in einzelnen Landstrichen jedoch, wie z. B. in Böhmen und Schlesien, fast gänzlich fehlt. Die Griechen genossen die wildwachsende Pflanze roh als harntreibendes Arzneimittel, bei den Römern aber, die das Kraut seines rettigartig scharfen Saftes wegen Nasturtium (eigentlich Nasitortium, Nasenschinder) nannten, wurde die Brunnenkresse bereits in der Küche verwendet und zur Kaiserzeit im Garten cultivirt. Nachmals jedoch blieb sie wieder sich selber überlassen, und noch heute wird in Griechenland, Italien und Spanien keine andere als wildwachsende Brunnenkresse gespeist. Die Pflanze fehlt daher auch in dem berühmten Verzeichniß der Gartengewächse in der Wirthschaftsordnung Karls des Großen (um 800) und wird im ganzen Mittelalter nur von der h. Hildegard von Bingen (um 1160) erwähnt, die Brunnecrassum, gekocht und dann kalt gegessen, als Fiebermittel empfiehlt. Erst im 16. Jahrhundert wird ihrer wieder als im Garten gezogener Küchenpflanze gedacht, doch blieb ihr Anbau damals noch auf Flandern und das Gebiet des Niederrheins beschränkt. Dort lernte während des dreißigjährigen Krieges Nicolaus Meißner aus Erfurt den Kressenbau kennen und verpflanzte ihn um 1650 nach seiner Vaterstadt, die seitdem der Brennpunkt der deutschen Brunnenkressenzucht geblieben ist. Erfurt produeirt jetzt im Durchschnitt jährlich 60 000 Bündel Kresse im Werthe von rund 9000 Mark, während allerdings die Vega von Paris jährlich im Durchschnitt 5 Millionen Kilogramm erzeugt und die Stadt 12 000 Franes jährlich nur an Marktgeld (droit d'abri) von den Kressehändlern vereinnahmt. Frankreich hat die Einführung dieses Culturzweiges — zu Anfang des 19. Jahrhunderts verbrauchte freilich Paris bereits für 100—120 000 Franes Kresse, aber ausschließlich wildwachsende — verdankt Frankreich dem Militärlazareth— Kassendirector Cardon, der den Kressenbau in Erfurt kennen gelernt hatte und 1810 im Thale von Nonette zwischen Senlis und Chantilly die ersten „Klingen“ (Kressengräben) anlegte. In Oesterreich brachte Kaiser Ferdinand I., dessen große Verdienste um die Wiener Küche bisher im Stillen geblieben sind, die Brunnenkresse zu Ehren; sie bildete als „Schmackreizung“ ein stehendes Gericht der kaiserlichen Tafel, wurde aber damals (um 1550) und noch zu Hohbergs Zeit (um 1680) mit Zucker statt mit Salz angemacht. Die Trefflichkeit des Brunnenkreß-Salats mit seinem salzig würzhaften, rettigartigen Geschmack ist eine sattsam bekannte Thatsache, deren Erwähnung genügt, um dem Kenner den blühendsten Lenz mit Spargel und grünen Erbsen, jungen Tauben und frischen Makrelen vor die Seele zu zaubern. Außerdem genießt man das Kraut wie Schnittlauch roh auf Butterbrot und gebraucht es hin und wieder als Blattgewürz wie Bohnenkraut oder Petersilie. An manchen Orten, z. B. in Prag, kommt statt der Brunnenkresse die äußerlich ähnliche, aber minder scharf und dafür mehr bitter schmeckende Bitterkresse (Cardamine amara) auf den Markt, ist jedoch am hohlen Stengel leicht von der wahren Salatkresse zu unterscheiden. In Coblenz am Rhein aber servirt man gottvergessener Weise statt der Brunnenkresse gar den zweifellos giftigen, im Schlund wie Schwefelsäure brennenden Sumpfschirm (Sium nodiflorum) und bereitet damit dem arglosen Fremdling ungefähr dasselbe Vergnügen, als wenn man ihm Grüneberger Schattenseite vorsetzte, während er in seiner Unschuld sich auf Rüdesheimer gefaßt gemacht hatte.