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Handwerk & GewerbeAppetit-Lexikon 1894

Eis und Schnee sind in den warmen Ländern von jeher als Kühlmittel geschätzt und zu diesem Zwecke aufgestapelt worden. Schon Salomo (Prov. XXV, 13) redet von der erquicklichen „Kälte des Schnees zur Zeit der Ernte“, Alexander 6585 der Große legte bei Belagerung der indischen Veste Aornos oder Petra (329 v. Chr.) regelrechte Eisgruben an, und von den Römern der Kaiserzeit meldet Plinius: „dieser trinkt Eis, jener Schnee. Man bewahrt auch das Eis für den Sommer auf und hat Mittel gefunden, sogar in den heißesten Monaten Schnee zu erzeugen. Manche kochen gar das Wasser und kühlen es dann wieder, denn dem Menschen sagt kein Ding zu, wie die Natur es gibt“. Die Römer kannten also nicht blos das Institut der Eiskeller, sondern auch bereits das Kunsteis, das seit der Pariser Ausstellung von 1867, wo F. Carré seine billig arbeitende Ammoniak-Eismaschine vorführte, sich mehr und mehr dem Natureise auch als Handelsartikel an die Seite zu stellen beginnt. Am ältesten dürfte dieser Roheishandel in Konstantinopel sein, das seinen Bedarf schon zur byzantinischen Zeit vom Olymp bei Brussa holte und noch gegenwärtig jährlich 1½.—1/¾ Millionen Kilogramm Eis oder vielmehr Schnee aus derselben Quelle bezieht. Auch in Mexico war die Agua de nieéve (mit Schnee gekühltes Wasser) schon vor der Ankunft der Spanier bekannt und bei den Azteken ebenso beliebt. Von Italien aus verpflanzte sich der Gebrauch des Roheises bei Tafel nach Frankreich, wo man zum Aerger der braven Elisabeth Charlotte von der Pfalz (gest. 1722) nicht blos das Wasser, sondern auch den Wein damit versetzte, und zu Anfang des 18. Jahrhunderts besaßen auch bereits in Deutschland die Fürstenhöfe und vornehmen Haushaltungen ihre Eiskeller, und war es sogar „in großen Städten allbereits eingeführt, daß man des Sommers Eis vor Geld pfund- und stückweis konnt' zu Kauf bekommen“ (Marperger). Der Großhandel mit Roheis indessen hat erst mit dem Schluß des 10. Jahrhunderts begonnen, allerdings aber seitdem einen fast verblüffenden Umfang angenommen. Die erste Schiffsladung Eis wurde 1799 von New-York nach Charleston abgelassen. Sechs Jahre später (1805) verfrachtete der Bostoner Kaufmann Tunlor die erste Sendung nach Westindien (Martinique) und begann von 1833 ab auch nach Ostindien zu exportiren. Um 1850 bildete sich dann die Wenham-Sea-Company und 1860 betrug der Eisexport der Union bereits 2½ Millionen Metercentner. Während des Seeessionskrieges gerieth auch dieser Handelszweig in's Stocken, nahm aber nach demselben einen neuen Aufschwung, namentlich da die gedachte Gesellschaft nunmehr auch Europa in das Gebiet ihrer Operationen zog und 1865 schon an 450 000 g Gletschereis von Dröbak an der norwegischen Südküste verfrachtete. Zwei Jahre vorher, im December 1863, hatte Davos in der Schweiz die ersten Ladungen Eis nach Paris versandt und damit sein blühendes Eisgeschäft eröffnet. Oesterreich betheiligt sich an diesem Handel durch Sendungen ab Triest nach Aegypten, die zwischen 300—500 g jährlich betragen. Paris verbraucht jährlich etwa 12 Millionen Kilogramm Roheis, der Bedarf der drei biertrinkenden Millionenstädte Europas aber ist begreiflicher Weise ein weit größerer. Das Roheis ist jedoch nur Kühlmittel. Genußmittel dagegen, und zwar ein Genußmittel in des Wortes edelster Bedeutung, ist das Fruchteis, das schrecklich kalte und doch * schrecklich verführerische Gefrorene, das in Wien in derselben vorzüglichen Qualität, aber billiger erzeugt oder vielmehr verkauft wird als in Paris und in Berlin, und das dem Wiener daher mit Recht dermaßen an's Herz gewachsen ist, daß er die Gefriermaschine kurzweg „Gefrornesmaschine“ nennt. Was käme aber auch einer Portion Vanille-, Erdbeer-oder Ananas-Gefrorenem gleich! Der kitzelnde Schmerz, den die Kälte dem Gaumen bereitet, ist mit so überschwänglicher Wollust gepaart, daß man nur mit dem Gefühle tiefsten Mitleids der Vorwelt gedenken kann, die diesen Satrapen-Genuß hat entbehren müssen. Kaum fünf Generationen haben 7 nämlich ein Bewußtsein davon, was Gefrornes oder Fruchteis ist, denn erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts tauchte diese Ambrosia bei den gewählten Soupers in den verschwiegenen petites maisons der damaligen Pariser Faubourgs auf. In solch einem großstidtischen Landhäuschen, an der pikanten Tafel einer Tänzerin, einer Schauspielerin oder einer galanten Frau mochte auch wohl jener Hauptmann Collet studirt haben, der als Emigrant 1794 das Fruchteis in New-York einbürgerte und mit dieser Industrie ein ansehnliches Vermögen gewann, da die zartere Hälfte der großen Handelsstadt wie recht und billig sofort die tiefste Zuneigung zu dem wunderbaren Leckerbissen faßte. In Paris selber gab es noch 1850 nur zwei Fruchteisfirmen, die in dem Rufe standen, ein wirklich klassisches Gefrornes zu liefern und zehn Jahre später hatte sich diese bescheidene Zahl nur erst verdoppelt. Mit der Verbesserung der Eismaschinen aber und namentlich seit der Einführung des Gebrauchs der Fruchtäther oder Fruchtessenzen an Stelle der wirklichen Fruchtsäfte gibt es überhaupt kaum noch ein Kaffeehaus, wo nicht auch Gefrorenes zu haben wäre. Freilich ist es oft danach.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 140Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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