FeedFasan
TierreichAppetit-Lexikon 1894

Fasan, ein Aristokrat vom reinsten Wasser, der sich nur ganz ausnahmsweise zur bürgerlichen Tafel herabläßt, obgleich er in Mitteleuropa keineswegs selten ist, vielmehr in Oesterreich zu 150 000 und im Königreich Preußen zu etwa 135 000 Stück alljährlich erlegt oder vielmehr niedergemetzelt wird. Denn wenngleich zum hohen Waidwerk gerechnet, bildet die Fasanenjagd doch ein recht mittelmäßiges Vergnügen, da der Vogel, weil zumeist künstlich gezüchtet, sich in der Freiheit durchaus träge und albern, kurzum als ausgemachter Dummkopf benimmt, der den lahmsten Sonntagsjäger zum Schusse kommen läßt. Deshalb ist er auch das einzige angemessene Objeet für die modernen Mitrailleusen-Jagden, bei denen das Schwarzwild dutzendweis, das Rothwild mandelweis, die Feldhühner schockweis und die Hasen hundertweis niedergestreckt werden, weil den edlen Waidwerkern vor lauter zugetriebenem Gethier absolut kein Raum bleibt, um die beliebten Löcher in die Luft zu schießen. So weit jedoch der Fasan in geistiger Hinsicht hinter unserm Birk⸗ und Auerwild zurücksteht, so weit überragt er es in culinarischer Hinsicht durch die Weiße und die Zartheit seines Wildprets. Allerdings muß auch er eine hinlängliche Zeit des Hangens und Bangens durchmachen, bis er kaubar und verdaubar wird, ist dies aber nach den Regeln der Kunst geschehen und trug das Exemplar vor Allem sein erstes Winterkleid, so bildet der Fasan als Spießbraten mit Brunnenkreß-⸗Salat oder auch als Pfannenbraten mit Sauerkraut, namentlich aber mit einem Füllsel aus Schnepfenfleisch, Ochsenmark, Speck, Würz—- kräutern und Trüffeln einen wahrhaft königlichen Bissen, „würdig, Engeln vorgesetzt zu werden, wenn diese noch wie zu Loths Zeiten auf Erden reisten“ (Brillat-Savarin). Auch die nähere Bekanntschaft mit einem gedämpften oder gesulzten oder eingemachten Fasan hat ihre eigenen wohlthuenden Reize, und selbst der vertraute Verkehr mit einem Fasanen-Purée in Pastete oder einem Fasanen-Salmi besitzt seine sehr angenehmen Seiten. Die eigentliche Glanzepoche des Fasanen jedoch, die Zeit, wo er für die Blume alles wilden und zahmen Geflügels galt und um keinen Preis anders als gebraten aufgetragen werden durfte, ist schon seit einem halben Jahrhundert vorüber. Der Geschmack der Neuzeit wendet sich immer entschiedener vom fauligen Hautgout des Wildes ab, die wahrhaft feine und gute, die wirkliche Tafel „auf der Höhe des Jahrhunderts“ (fin de siècle) schließt schon heute und mit vollem Recht alles nicht durchaus frische Wild rücksichtslos aus, und so setzt sie auch den faisandirten Fasan ohne alle Umstände dem getrüffelten Puter und dem saftigen Masthuhn nach. Gerade diese Abneigung gegen den Faulgeruch des Wildes aber sichert dem Fasan von Neuem den Vorzug vor allem andern großen Federwild, weil er unter diesem dasjenige Wildpret liefert, das den wenigsten Hautgout entwickelt. Seine buntgefiederte Gnaden dürften sich daher auch für die Zukunft im Besitze jener vollkommenen Hochachtung behaupten, die ihm von der Gegenwart gezollt wird, und die ihm schon das Alterthum entgegenbrachte. Denn trotz seiner geistigen Beschränktheit, die ihn zum selbstständigen Kampf um's Dasein gänzlich unfähig macht, ist der Fasan doch schon an 3000 Jahre auf europäischem Boden heimisch, da bereits der erste Goldwährungsmann, der Kolchisfahrer Jason, ihn von den Ufern des Phasis (im heutigen Mingrelien) nach Griechenland gebracht haben soll. Von einem so geistvollen wie dem griechischen Volke läßt sich ohne Weiteres annehmen, daß es den bunten Gesellen nicht blos angegafft, sondern auch gegessen haben wird, urkundlich bezeugt indessen erscheint der Fasanenbraten erst zur römischen Kaiserzeit, also im 1. Jahrhundert n. Chr. In Deutschland taucht der Fasan zur Zeit Karls des Großen auf, der ihn neben dem Pfau, dem Feldhuhn und der Turteltaube „ehrenhalber“ auf seinen Gütern züchten ließ. Am Bodensee jedoch erscheint er schon im 11. Jahrhundert als leckere Klosterspeise, und in Desterreich, Böhmen und Sachsen war er im 16. Jahrhundert bereits so häufig, daß die Kursächsische Landesordnung von 1543 ihn als Herrengut unter ihre Fittige nahm und Kaiser Ferdinand J. bereits eine große Autorität im Fasanessen abgab. Von Böhmen her brachte ihn der vortreffliche Graf Anton Günther der Marstaller im Jahre 1606 nach Oldenburg, und von dort aus gelangte er nach Holland und England, während Spanien und Frankreich ihn schon lange vor Deutschland aus Italien erhalten hatten. Die Insel St. Helena erhielt ihn 1788 von Bombay aus, und auf der Insel Caprera wurde er seit 1868 durch Garibaldi eingebürgert. Gegenwärtig ist er in Griechenland und Spanien selten, in Italien und Norddeutschland schon zahlreicher, noch häufiger in Frankreich und England und am häufigsten in Ungarn, Steiermark, Ober⸗ und Niederösterreich, Böhmen, Mähren und Preußisch-Schlesien. Wien verzehrt im Durchschnitt jährlich 25 000, Paris 120 000 Stück, und zwar so ziemlich zu ein und demselben Preise, nämlich zu durchschnittlich 6 Mark pro Exemplar.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 158Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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