Gurken waren den alten Aegyptern und selbst noch den Griechen Homers (um 900 v. Chr.) total unbekannt, obgleich ihre Cultur in Ostindien, wo die bittere Hardwicksgurke als präsumptive Stammmutter namentlich in der Provinz Kumaon weite Strecken bedeckt, mindestens 3000 Jahre alt ist und auch in Ungarn nach Ausweis der Funde zu Szilahom in die vorgeschichtliche Zeit zurückreicht, während die Pflanze damals den Schweizer Pfahlbautenbewohnern noch fremd war. Zu den Griechen kam die Gurkenzucht wahrscheinlich erst im 7. Jahrhundert von Kleinasien her, wurde aber bald mit solchem Eifer betrieben, daß das Städtchen Mekone (Mohnstadt) bei Korinth darüber sogar seinen Namen verlor und sich fortan Sikyon (Gurkenstadt) nannte. Gleichen Anklang fand das eigenthümliche Gemüse bei den Römern. Kaiser Tiberius (ermordet 37 n. Chr.) liebte frische Gurken als tägliches Gericht und ließ sie in fahrbaren, mit Marienglas gedeckten Beeten für die Küche ziehen; Plinius gedenkt auch bereits der Salzgurken und Athenäus um 200 n. Chr. der Senfgurken. Dem südwestlichen Deutschland wurde das indische Gewächs spätestens durch Karl den Großen zugeführt, im Südosten aber und im ganzen Osten überhaupt dürfte es damals schon längst durch die Slaven heimisch gewesen sein, welche nicht blos wie die Tataren und Mongolen — China erhielt die Gurke ums Jahr 200 v. Chr. aus Indien — wahrhaft leidenschaftliche Verehrer der Gurke sind, sondern sich auch von jeher vortrefflich auf ihre Verwendung und Cultur verstanden. Der echte Russe vermag ohne Salzgurken kaum zu leben, die Lausitzer Wenden wußten schon vor 150 Jahren ohne Mistbeete die schönsten Frühgurken zu ziehen, und auffälliger Weise ist die berühmte saure Gurke nur in den deutschen Landestheilen wahrhaft volksthümlich, in denen ehemals Slaven seßhaft waren. Gegenwärtig ist die Gurke über alle fünf Erdtheile verbreitet, als Hochburgen der Gurkenzucht aber sind zu nennen: in Ungarn Moderndorf bei Tyrnau, wohin eine militärische Einquartierung um 1830 eine ganz eigenthümliche Culturmethode verpflanzte, in Oesterreich Zuaim in Mähren und Saaz in Böhmen, das im Fasching sogar einen eigenen „Gurkenkönig“ wählt, in Deutschland Berlin und Lübbenau am Spreewald, das jährlich 1½ Million Gurken erzeugt, endlich in Holland, Rotterdam, das schon im April ganze Schiffsladungen nach England verfrachtet. In neuester Zeit hat die Obst- und Gemüse-Cultur von A. Breden in Wien wahre Pracht-Exemplare in Riesen-Format von vortrefflicher Güte in Versandt gebracht. Der Nahrungswerth der Gurke ist bei ihrem enormen Wassergehalte (977%) gleich Null. Wer aber möchte deshalb den Gurkensalat entbehren? Gehörig gepfeffert, bildet diese einfache „Schmackreizung“ bei schweißtreibender Sommerzeit eine sehr erquickliche Begleitung für jeglichen Braten, und namentlich für den Bratfisch, der gar nicht besser escortirt werden kann. Wer freilich der übeln Gewohnheit huldigt, die Gurkenscheiben vor der Oelung „gehörig auszudrücken“, um den Saft zu entfernen, der könnte statt eines Paares Gurken ebenso gut ein Paar Glacéhandschuh zu diesem Salate nehmen — dem Magen würde das vollkommen gleich sein. Als Gemüse hat die Gurke stets etwas Fades und wird mit Recht von der guten Tafel fern gehalten. Als Conserve dagegen steht sie völlig auf der Höhe der Zeit. Essig⸗ und Pfeffergurken werden in ganz Europa als Appetitwecker gewürdigt und bilden einen Gegenstand des Delicatessenhandels. Der Gebrauch der geschälten Salz⸗ oöder Senfgurken dagegen ist auf Mittel- und Nordeuropa beschränkt, und noch enger begrenzt ist das Gebiet der sauren Gurke, die ungefähr zwischen der Pfeffer- und der Senfgurke die Mitte hält. Wo die saure Gurke aber herrscht, da ist sie auch ein wahrhaftes Volksgericht, dem Hoch und Niedrig die gebührende Ehre anthun. Die eigentliche Saison der sauren Gurken sind Juli und August, die schrecklich bekannte „Sauregurkenzeit“, in der die Fische nach Luft und die Zeitungs-Redactionen nach Stoff schnappen. In dieser öden Zeit, wo sogar die Fiakerpferde dem Müßiggange fröhnen, in dieser wahren saison morte ist die saure Gurke der einzige Trost, der schon manchen verzweifelnden Sommerfrischler wieder aufgerichtet hat, denn Alles in Allem hat das Sprichwort Recht: „Saure Gurken sind schließlich auch Compot“.