FeedGewürznelke
Haus & KücheAppetit-Lexikon 1894

Gewürznelke (ihrer nagelähnlichen Gestalt halber auch Nägelein oder Gewürzn ägelein) heißt wegen ihres durchdringenden Nelkengeruchs die getrocknete Blüthenknospe des myrthenartigen Gewürznelkenbaums, der auf den Molukken einheimisch, seit 1772 aber auch nach Mauritius, Westindien und Südamerika, seit 1810 nach Sumatra und Amboina und etwas später nach Zanzibar verpflanzt ist. Griechen und Römer kannten dies Gewürz noch nicht. Erst die beiden Byzantiner Aötius von Amida und sein Zeitgenosse Alexander von Tralles (gest. 605 n. Chr.) nennen die Nelke als Drogue und erst der um die Mitte des 7. Jahrhunderts lebende Paulus von Aegina bezeichnet sie auch als Küchengewürz. In Deutschland findet sie sich zuerst als Bestandtheil einer Universal-Mediein erwähnt, deren Recept aus der Zeit Karls des Großen stammt. Der Nelkenhandel lag damals und durch das ganze Mittelalter in den Händen der Araber, die diese Spezerei über Alexandrien zur Ausfuhr brachten, bis 1524 die Portugiesen sich der Molukken bemächtigten. Seit 1599 mußten die Portugiesen dort den Holländern weichen, und nachdem diese 1623 auch noch die Engländer aus dem Felde geschlagen hatten, wurde der Nelkenhandel ein Monopol der holländisch-ostindischen Compagnie, die auch bei diesem Artikel an dem elenden Grundsatze festhielt, lieber an Wenigem viel als an Vielem mehr verdienen zu wollen. Die Compagnie handelte allerdings mit 5800% Gewinn, aber die Bewachung der Inseln verschlang jährlich 3 Millionen Gulden und unterdrückte doch den Schleichhandel so wenig, daß seit 1750 kaum mehr als für 2 Millionen Gulden Nelken zu dem von der Gesellschaft beliebten Preise in Europa abgesetzt werden konnten. Und schließlich nutzte alle Wachsamkeit nichts: Poivre, der verwegene Gouverneur von Bourbon, pfiff auf die von den Mynheers angedrohte Todesstrafe, stahl sich mit einem winzigen Fahrzeuge durch die holländischen Wachtschiffe und kehrte glücklich mit einer Anzahl Nelkenbäume nach seiner Insel zurück (1770), von wo aus dann die Verpflanzung nach Westindien und Cayenne erfolgte. Der wirksame Bestandtheil der Gewürznelken ist vornehmlich das sogenannte Nelkenöl oder Gewürznelkenöl, das, mit Leichtigkeit in Alkohol löslich, vielfach in der Liqueurfabrication verwendet wird und neben der Nelkensäure auch Vanillin enthält. Unter den verschiedenen Sorten gelten die großen Amboina- oder Königsnelken noch immer für die besten. Die vor der völligen Reife gepflückten Früchte des Nelkenbaums, einfächerige Beeren von 25 um Länge und 8 mm Dicke, kommen als Mutternelken in den Handel, werden aber nicht als Gewürz, sondern ausschließlich in der Destillation gebraucht.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 200Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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