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GeschichteAppetit-Lexikon 1894

Roggen, der Nährvater der Schwarzbrotesser, d. h. eines Drittels der europäischen Menschheit, gehört unstreitig zu den Urbewohnern des Kaiserstaats, denn er verwildert hier nicht nur leichter als in sonst einem Lande, sondern wurde auch nach Ausweis der Gräberfunde in Ungarn bereits vor und in Mähren mindestens während der Bronzezeit cultivirt, da hingegen die Römer ihn erst im Jahrhundert n. Chr. Geb. als Getreide der Tauriner im Alpengebiet kennen lernten, die Griechen ihn erst im 2. Jahrhundert n. Ch. aus Thracien und Macedonien erhielten, das mittlere und westliche Europa ihn erst den Hunnen und der Völkerwanderung zu verdanken scheint, Calabrien ihn erst zur Hohenstaufenzeit und Sieilien gar erst im 18. Jahrhundert empfing. Ueber seine intimern Familienverhältnisse indessen waren die Gelehrten lange im Zweifel, bis es endlich 1890 dem Russen Batalin gelang, im perennirenden Bergroggen den Stammvater unseres ein⸗ oder zweijährigen Ackerroggens zu ermitteln. Der Roggen ist nun zwar, da er sich nie so fein vermahlen läßt wie der Weizen, weniger verdaulich und das Roggenmehl bei einem Durchschnittsgehalte von 58½% Stärke, 794 Gummi, 11½76 Stickstoffsubstanz, 3.97% Zucker, 274 Fett und 13½74 Wasser weniger nahrhaft als das Weizenmehl, aber die Pflanze stellt auch weit geringere Ansprüche an den Boden und an die Sonne, und kommt daher auch in Gegenden fort, wo der Weizenbau völlig unthunlich ist. Sie bildet daher nicht nur in Rußland und Deutschland das Hauptgetreide, sondern auch in Oesterreich wird jährlich annähernd doppelt soviel Roggen als Weizen gewonnen und durchweg im Lande selber verbraucht, während von der Weizenernte der fünfte bis sechste Theil in's Ausland geht. Der Roggen liefert geröstet ein erträgliches und ziemlich verbreitetes Kaffee-Surrogat, sowie der Destillation unterworfen, den sogenannten Kornbranntwein. Das Mehl aber dient hauptsächlich zur Bereitung verschiedener Brotsorten, über die sich im Artikel Brot Näheres findet. Am Niederrhein wird es auch mit Wasser oder Milch zu einem Brei verkocht, der mit frischer Butter nicht übel schmeckt, jedoch wie Kleister an den Zähnen klebt und daher ein Zwangsmittel zum Langsamessen darstellt, welches nicht nach Jedermanns Geschmack sein dürfte.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 459Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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