Kaffee, der Wein der Denker, nimmt seiner ganz eigenthümlichen Wirkung wegen eine Sonderstellung unter den narkotischen Genußmitteln ein, deren Bedeutung erst in allerjüngster Zeit vollständig erkannt worden ist. Während nämlich Thee, Alkohol, Coca, Tabak, Opium u. s. w. ausschließlich als Sparmittel wirken, d. h. durch Herabsetzung der Lebhaftigkeit der Verbrennung den Stoffwechsel verlangsamen und dadurch die Arbeitsfähigkeit des Organismus verlängern, leistet der Kaffee seinerseits nicht nur dasselbe, sondern beschleunigt noch überdies einestheils die Assimilation der stickstoffhaltigen Nährstoffe und anderntheils die Ausscheidung des Harnstoffes, so daß also unter seinem Einflusse die Functionen des Körpers durchaus im Gleichgewicht bleiben und zugleich, da er den Körper zur Aufnahme größerer Mengen Stickstoffsubstanz befähigt, indirect Arbeit geliefert wird. Kaffee ist daher das allerbeste Schmiermittel für die menschliche Maschine, das zwar keineswegs die eigentliche Triebkraft ersetzen kann, wohl aber deren Thätigkeit wesentlich erleichtert und überdies die vorzeitige Abnutzung der Maschinentheile verhindert. Deshalb glücklich die Stadt, die sich eines trinkbaren Kaffees rühmen darf, und dreimal glücklich Du, Wien, dessen Kaffee nicht blos trinkbar, sondern auch gut und bisweilen sogar vorzüglich ist. „Heiß wie die Hölle und schwarz wie den Teufel“, auf Wunsch auch „süß wie die Liebe“ kann man ihn überall haben, nur in Wien aber hat er jenes unvergleichliche Aroma, jenes ganz eigenthümliche gewisse Je ne sais quoi im Geschmack, das Zunge und Nase bis in den dritten Himmel entzückt und sich selbst bei dem guten und berühmten Karlsbader Kaffee nicht wiederfindet. Macht das die blaue Donau, macht's der grüne Prater, machens die feschen Köchinnen oder macht's die Wiener Luft? — Gott allein weiß es, soviel aber steht fest: wer noch keinen echten Wiener Kaffee gekostet, der weiß kaum wie reiner Kaffee schmeckt. Millionen Kaffeetrinker erfahren das freilich überhaupt nie, denn überall in Europa sieht man dem edlen Mohren drei Lieblingslaster nach: die Mesalliance mit dem Zucker, die seinen Geschmack verdirbt, die morganatische Ehe mit der Milch, die Geruch, Geschmack und Farbe zugleich vernichtet, und das leidige Concubinat mit der Cichorie, das ihn vollständig auf den Hund bringt. Zahlreichen Personen wird freilich nur durch den Cichorienzusatz der Genuß des schwarzen Trankes ermöglicht, denn die Kaffeebohnen stehen hoch im Preise und die Durchschnittsernte von 6½ Millionen Metercentner jährlich deckt kaumhin den Bedarf. Oesterreich führte 1890 schon 350 550 g9, Deutschland aber 1181 000 q und im folgenden Jahre 1 256 000 g ein. Man würde also auch in Deutschland trotz des Massenverbrauchs des Getränkes einen ganz anständigen Mocca zu Wege bringen können, wenn dort nicht die Gewohnheit herrschte, keinen rohen, sondern nur fertig gerösteten Kaffee vom Kaufmann zu beziehen, der seinerseits „um einer Verflüchtigung des Aromas vorzubeugen“, die in warmer Sodalösung gewaschenen Bohnen während des „Brennens“ mit coneentrirter Zuckerlösung, Stärkesyrup oder Vaselinöl besprengt, wodurch sie ein schön fettglänzendes Aussehen gewinnen, aber auch zugleich 3—157 schwerer werden und 5—67% mehr Wasser behalten als die ohne Zusatz gerösteten. Die anregende Wirkung des Kaffeegenusses beruht bekanntlich auf dem Coffein und war in der Heimat des Kaffeebaums, Abyssinien, seit unvordenklichen Zeiten bekannt, bevor sich das Getränk im 16. Jahrhundert über den Orient und seit Mitte des 17. Jahrhunderts über Europa verbreitete. Die Gründung der ersten Kaffeehäuser in den verschiedenen Städten fällt ziemlich genau mit der Einführung des Kaffeegenusses in den betreffenden Ländern zusammen und ergibt nachstehende Reihenfolge: Constantinopel 1554, Venedig 1624, Marseille 1644, London 1652, Paris 1671, Wien 1683, Nürnberg 1686, Hamburg Wittenberg 1700, Stuttgart 1712, Augsburg 1713, Leipzig 1720 und Berlin 1721. Namentlich Die burschitose e Herzogin . von Orleans (gest. 1722) erblickte im Mocca einen wahren Würgengel, dem sie alle vorkommenden Todesfälle zuschreiben zu müssen glaubte. Allerdings war diese brave Herzogin überhaupt mit einem komischen Geschmack begabt. Bekanntlich gibt es auch noch heutzutage Leute, die den Kaffee für ein „Gift“ ansehen oder angesehen wissen wollen, selbst diese aber wagen nicht zu leugnen, daß die Einführung des Dufttranks der Levante zu einem Segen für Europa geworden ist.