Wasser ist ein nothwendiger und unersetzlicher Stoff, ja von allen unentbehrlichen Dingen das allerunentbehrlichste, so daß man es zum Besten der Menschheit erfinden müßte, wenn's nicht schon vorhanden wäre. Zahlreiche Versuche haben ergeben, daß der Mensch sich nöthigen Falls ohne Weib, ohne Geld, ohne Champagner, ohne Brot und sogar ohne Verstand durch's Leben schlagen kann, ohne Wasser aber ist's noch Keinem gelungen, weil jeder, der's versuchte, schon nach vier Wochen so schmutzig war, daß er allenthalben kleben blieb und an seinem Fortkommen zweifeln mußte. Aber nicht blos als Reinigungsmittel, sondern ganz besonders auch als Nahrungsmittel ist das Wasser von höchster Wichtigkeit, genau so wichtig und so werthvoll wie das Fett, das Eiweis und die Stärke. Es macht mehr als zwei Drittel des menschlichen Körpergewichts aus, es ist in hervorragender Weise an der Blutbildung und am Geschäft des Stoffwechsels betheiligt, es hilft unermüdlich die festen Nahrungsmittel auflösen und kaubar und verdaubar machen; es steht fortwährend auf dem Posten, um bei unvernünftiger Ueberheizung des innern Menschen mittelst der Transpiration Abkühlung zu schaffen, es ist unablässig für die Wegführung der verbrauchten Stoffe aus dem Körper bemüht, kurzum es ist zu allen möglichen Dingen gut und unentbehrlich, so unentbehrlich, daß die blühendste Schönheit binnen kurzer Frist unabwendbar zur ledernen Mumie eintrocknen müßte, wenn sie ihrem Leib den täglichen Bedarf von 2—3 Kilo Wasser vorenthalten wollte — nicht zu gedenken der zahlreichen Müller, die ohne Wasser gänzlich auf dem Trockenen sitzen, sowie der armen Bierbrauer und Weinhändler, die ohne Wasser unausbleiblich Bankrott machen würden. Wenn bei alledem der mittlere und nördliche Europäer, soweit er ei vilisirt ist, dem Wasser weder als Nahrungs⸗ noch als Genußmittel Gerechtigkeit widerfahren läßt, so sind drei Umstände daran schuld, nämlich: 1. Das Klima, denn um einen Trunk Wasser richtig würdigen zu lernen, muß man einen Cursus in der französischen Fremdenlegion durchmachen oder wenigstens zur Mittagszeit ein Stündchen unter den berühmten Bleidächern campiren; 2, die geradezu fabelhafte Billigkeit des Wassers, die von keinem andern Nahrungsmittel erreicht, geschweige denn übertroffen wird; 3. aber die Gewohnheit, das brave Naß nur in Form von Getränken zu genießen, an denen der Wassergehalt als eine Art nothwendigen Uebels erscheint, als das sind: Wein, Bier, Milch, Branntwein, Kaffee, Thee u. s. w. In manchen Gegenden freilich sind diese Surrogate des Trinkwassers durchaus unumgänglich, weil dort, wie z. B. in den norddeutschen Mooren, die Natur selber die Flüssigkeit nur in einem Zustande liefert, der selbst den Durstigen vom Genusse abschreckt, während an andern Stellen der Mensch die Verunreinigung des Wassers auf sich nimmt und mittelst der Abfälle aus seinem Haushalt und seiner Industrie so gründlich zu Stande bringt, daß selbst die Fische, obgleich von Kindesbeinen her an Wasser gewöhnt, schließlich der Giftbrühe überdrüssig werden und zum Wanderstab greifen. Chemisch reines Wasser, aus 2 Theilen Wasserstoff und Theil Sauerstoff bestehend, findet sich in der Natur überhaupt nicht, selbst nicht in dem berühmten Loka-Elf, einem Flüßchen bei Oerebro in Schweden, das ausschließlich über Granit fließt und daher die wenigste Gelegenheit zur Verunreinigung hat. Die Beimengungen sind theils organischer Abkunft und dann stets bedenklich, größtentheils aber anorganischer Natur, und zwar, von der atmosphärischen Luft abgesehen, hauptsächlich Kohlensäure und Kalksalze, welche letzteren durch die erstere gelöst erhalten werden und sich in Gestalt fester Krusten absetzen, sobald jene entweicht. Auf dem Gehalt oder dem Mangel an diesen Stoffen beruht der Unterschied zwischen Trinkwasser und Kochwasser, oder, wie man gewöhnlich sagt, hartem und weichem Wasser. Das kohlensäurereiche Wasser bildet nämlich eben in Folge des Gehalts an Kohlensäure, die das Naß krystallhell erscheinen läßt, das Gefühl der Kühle erzeugt und anregend auf den ganzen Organismus einwirkt, ein vorzügliches Getränk, gibt aber in Folge des Gehalts an Kalksalzen, die sich beim Erwärmen der Flüssigkeit als Kruste an die Speisen ansetzen und deren Weichwerden erschweren, ein schlechtes Kochwasser ab: man nennt es daher hartes Wasser und im Gegensatz dazu das kohlensäurearme, das ein gutes Kochwasser, aber schlechtes Trinkwasser darstellt, weiches Wasser. Hartes Wasser läßt sich durch vorheriges Abkochen oder durch Zusatz von einer Messerspitzevoll kohlensaures Natron per Liter leicht in gutes Kochwasser verwandeln, während die Umwandlung weichen Wassers in brauchbares Trinkwasser rasch durch einen Zusatz von sogenannter Brauselimonade zu erreichen ist. Mit Rücksicht auf die Herkunft unterscheidet man 1. Regenwasser: weich, aber nichts weniger als rein, sondern in Gutluft-Districten wenigstens mit Ammoniak, Salpetersäure, Staub und 300 Mikrobenkeimen per Liter, in Schlechtluft-Districten auch noch mit Kohle, Schwefelsäure, Chlor und bis zu 20 000 Mikrobenkeimen auf den Liter verunreinigt, daher — entgegen der gewöhnlichen Ansicht! — nur als Waschwasser und zur Branntweinfabrication empfehlenswerth; 2. Quellwasser: hart, je nach den Bodenschichten, die es von seinem Ursprung bis zur Erdoberfläche passirt, mehr oder weniger reich an mineralischen Bestandtheilen, dagegen arm an organischen (wenn nicht aus bituminösem Schiefer kommend!), an Salpetersäure und Chlor und frei von Ammoniak, daher Trinkwasser erster Güte; 3. Brunnenwasser, d. h. Quellwasser, das nicht von selbst zu Tage tritt, sondern durch besondere Vorrichtungen gehoben wird: hart, bei Antritt seiner oberirdischen Laufbahn ganz dem Quellwasser gleich, häufig aber durch miserable Fang⸗ und Leitungsgeräthe (faulende Holzröhren) und in dichtbevölkerten Distrieten fast stets durch die in den Boden gelangenden Fäulnißstoffe grauenhaft verunreinigt, daher mindestens in Großstädten nur dann zu verwenden, wenn die chemische Untersuchung die Unschädlichkeit erwiesen hat; endlich 4. Flußwasser: weich, je nach den geologischen Verhältnissen und dem Culturzustande der Strecke, die es durchläuft, von sehr verschiedenem Gehalt, aber bei seiner Menge, seiner rastlosen Bewegung und der durch Pflanzen und Mikroorganismen bewirkten Selbstreinigung nie so gefährlich wie unter Umständen das Brunnenwasser, daher filtrirt, wie es die Leitungen der Städte liefern, das beste Kochwasser. Eine fünfte Art Wasser, das Mineralwasser in seinen zahllosen Spielarten, ist nicht als Nahrungs-⸗, sondern als Arzneimittel zu betrachten. Das Wasser, das „silberne Naß“, wie man es zum Unterschied vom Wein nennt, hat von jeher, von Pindar bis Wiel, begeisterte Lobredner gefunden, keinen geistvollern aber als Brillat-Savarin, der da sagt: „Das Wasser ist das einzige Getränk, das den Durst wirklich stillt — deshalb kann man auch immer nur eine geringe Menge davon trinken“.