Kaffee-Surrogate sind allerdings niemals Genußmittel, aber bei der Volksbeliebtheit des schwarzen Trankes einerseits und dem hohen Preise der echten Kaffeebohnen andererseits eine leidige Nothwendigkeit, welche der weniger Bemittelte sich wohl oder übel fügen muß. Alle diese Ersatzmittel liefern eine schwarze Brühe von brenzlichem Geruch und mehr oder weniger bitterm Geschmack, die sich mit viel gutem Willen wohl für Kaffee ansehen, selbst mit dem besten Willen aber niemals dafür trinken läßt, denn abgesehen vom Geruch und Geschmack fehlt ihr gerade der Bestandtheil, der den wahren Kaffee ausmacht: das Coffein. Auch der Nährwerth dieser schwarzen Gebräue ist in der Regel nicht weit her. Weshalb zieht also das Volk diese bittern, fast widerlichen Abkochungen bei alledem dem hochgerühmten Haferbrei der alten Germanen vor? Die Antwort ist einfach: einmal weil der warme Trank schnell ermuntert und wärmt, zweitens weil die Bitterstoffe sowohl den Gaumen wie die Verdauung anregen, ohne wie die famose Morgen-Mehlsuppe den Magen zu belasten, und drittens auch wohl weil man sich dabei die Wirkung des guten, echten Kaffees vorstellt und sich schon durch diese Vorstellung belebt und angeregt fühlt (Auto-Suggestion). Nicht zu unterschätzen ist auch der Umstand, daß selbst der Aermste nur selten irgend ein Surrogat ohne Beimengung echten Kaffeepulvers verwendet. Die Zahl der Kaffee-Surrogate ist nahezu unbeschränkt, denn kein röst- und mahlbarer Rohstoff von irgend welchem Geschmack ist sicher, nicht eines Tages von einem speculativen Fabricanten „entdeckt“ und als allerneuester und natürlich auch allerbester Kaffee-Ersatz in die Welt eingeführt zu werden. Die bekanntesten Kaffee-Surrogate sind folgende: Feigen-Kaffee, namentlich in Oesterreich und Süddeutschland beliebt, wird aus gerösteten und zerkleinerten Feigen hergestellt, kommt aber nur selten rein in den Handel, sondern wird in der Regel mit andern Stoffen versetzt, so das Karlsbader Kaffee-Gewürz mit 17% Natriumbiearbonat, der Wiener Gesundheits-Kaffee mit Holzbirnen, der Brünner Dampf-Kaffee mit Rüben, der Feigen-Kaffee von A. Hofer in Salzburg mit Lupinen, der von Emil Seelig in Heilbronn mit Cichorien und Rüben, der von Müller & Co. in München mit Rohrzucker, der von Ekhardt ebenda mit Rohrzucker und Cichorie u. s. w.; Eichorien-Kaffee, namentlich in Norddeutschland, Nordfrankreich, Belgien, Holland und Dänemark an der Tagesordnung, neuerdings aber auch in Oesterreich immer mehr Boden gewinnend, weil er billiger ist als der Feigen-Kaffee, wird aus gerösteten und gemahlenen Eichorienwurzeln fabricirt und allerdings selten verfälscht, tritt aber, wenn man den vortheilhaft bekannten sogenannten Anker-Eichorien von Dommerich & Co. in Magdeburg-Buckau ausnimmt, eigentlich nie unter seinem wahren Namen, sondern entweder unter der Firma seines Erzeugers als Brandt⸗, Frank⸗, Hauswaldt⸗, Reusch- oder Völker-Kaffee, oder je nach der Fabriksmarke als Dom⸗, Stern⸗ oder Löwen-Kaffee, nicht selten auch unter einem Phantasienamen als Vietoria-, Germania⸗- oder Spar-Kaffee oder endlich mit beneidenswerther Unverfrorenheit gar als Feinster Moeca-Kaffee, Indischer Sibonny, Bester Java-Kaffee u. s. w. auf; Roggen-Kaffee aus geröstetem Roggen, vielfach Gesundheits-Kaffee und von der Firma Moser in Trier gar Verbesserter homöopathischer Gesundheits-Kaffee titulirt, ferner Mais-Kaffee unter dem Namen Saladin-Kaffee und endlich Weizen-Kaffee spielen für sich eine untergeordnete Rolle, werden aber häufig dem Malz-Kaffee beigemengt; Malz⸗-Kaffee, durch die Empfehlung des würdigen Kaltwasser⸗ und Barfüßer-Enthusiasten Pfarrer Kneipp in Wörrishofen seit nunmehr drei Jahren en vogue gekommen und von der Firma Franz Kathreiners Nachfolger in München gar nach patentirter Methode bereitet, wird aus Gerstenmalz hergestellt und namentlich wegen seines hohen Nährwerths empfohlen — als ob man Kaffee als Nahrungsmittel gebrauchte! Hierher gehört unter anderem auch der Candirte Gersten⸗ und Malz-Kaffee und der „mit Zucker geröstete“, d. h. gleichfalls candirte Korn-Kaffee, beide von E. Seelig in Heilbronn a. N.; Rüben-Kaffee, nach Art des Cichorien-Kaffees aus der Runkel⸗ und Zuckerrübe bereitet, kommt ausschließlich in Verbindung mit dem Cichorien-Kaffee vor, dessen charakteristische Bitterkeit aber nie den starken Röstzuckergeschmack der Rübe zu verdecken vermag; Zucker-Kaffee aus caramelisirtem Stärkezucker kommt als Holländischer Kaffee-Extraet oder als Kaffee-Essenz, ehrlicher als Bestes approbirtes Kaffee-Surrogat von Pfalz jun. in Offenbach a. M. im Handel vor; Carobbe-Kaffee besteht aus geröstetem und gemahlenem Johannisbrot; Mandel-Kaffee, bekannter unter dem Namen Diehlsches Kaffee-Verbesserungsmittel von Diehl in München, wird aus Erdnüssen, von anderen Firmen aber auch zur Abwechslung aus Eicheln und Eichorien hergestellt und kostet, da die Dummen nicht alle werden, 2½.—3 Mark per Kilo; Lupinen-⸗Kaffee aus gerösteten Lupinen, Cichorien, Rüben und Roggen segelt unter dem stolzen Namen Deutscher Volks-Kaffee oder auch Allerwelts-Kaffee; Eichel-Kaffee aus gerösteten, geschälten und gemahlenen Eicheln, 1774 von M. J. Marx in Hannover erfunden, wird wegen seiner Heilkräfte in den Himmel erhoben, aber — Noch trank keiner, dem's nicht graute, Dieses Teufels-Fabricat! Außerdem liefern die Datteln den Arabischen Dattel-Kaffee, die Kichererbsen den Deutschen Kaffee, der sich der Abwechslung wegen bisweilen auch Französischer Kaffee nennt, die mexicanischen Schwarzbohnen den Congo-Kaffee, die Samen der Mogdad⸗-Cassie den Mogdad- oder Neger-Kaffee, die Schalen der echten Kaffeebohne den Sakka-oder Sultan-Kaffee, die Bohnenfrüchte des Durabaums den Sudan-Kaffee, und damit nicht genug, wird auch noch aus den Wurzeln der Möhre, der Zuckerwurz und der Kuhblume, aus den Samen des Spargels, der Hagebutte und der Kaffeewicke, aus Traubenkernen, aus Felderbsen, aus Vogelwicken, aus Sojabohnen, aus Kastanien, aus Holzbirnen und Erdmandeln Kaffee gebrannt, so daß an Surrogaten wahrhaftig kein Mangel herrscht. Von dem aus diesen schönen Dingen bereiteten Tranke freilich muß man bekennen: der ist der beste, den man nicht zu trinken braucht.