FeedLachsforelle
TierreichAppetit-Lexikon 1894

Lachsforelle ist der Familienname eines par nobile sororum, der nach Lachsart wandernden Meerforelle und der nach Forellenart im Süßwasser seßhaften Seeforelle, die sich für den Fischkenner zwar in der Färbung und in der Bildung des Kopfes deutlich unterscheiden, in der Hauptsache aber, in ihrer culinarischen Verwendbarkeit, durchaus Zwillingsschwestern darstellen. Die Meerforelle lebt, wohnt, wandert und werthet wie der Lachs, wird wie dieser zubereitet und daher im praktischen Leben nirgends von ihm unterschieden. Die Seeforelle dagegen, auch Seelachs oder Goldlachs, Grundforelle, Föhre oder Ferche, Rheinlanke oder Illanke genannt, die bei einer Länge von 70 em ein Gewicht bis 18 kg erreicht, hat ein weißes oder gelbliches Fleisch, das entschieden ebenso fett, dabei aber feiner ist als das des Lachses und deshalb nicht blos à la Lachs sondern auch à la Forelle behandelt zu werden verdient. Die Seeforelle bewohnt die tiefern Wasserbecken der mitteleuropäischen Alpenländer, sie ist daher auf dem Franz Josefs— Quai in Wien selten, in manchen Jahren gar nicht zu finden, kostet aber — avis aux amateurs! — nur halb soviel wie der Lachs. Eine Spielart, die Schwelle- oder Maiforelle, silberweiß mit blaugrauem Rücken und höchstens 40 em lang, ist jedoch als minderwerthig und trocken sorglich zu meiden, während eine andere Spielart, die berühmten, in Essig eingelegten Carpioni del lago di Garda, nur genannt zu werden braucht, um den Kenner mit holder Sehnsucht zu erfüllen. Lacrimae Christi, die kostbaren und köstlichen „Thränen des Herrn“, kommen in vier verschiedenen Sorten vor. Die einzig echten Laerimae, nach dem Kloster auf dem Vorsprung des Vesuvs benannt und nach Wilhelm Hamm „vielleicht der einzige Wein Italiens, der ohne Widerstreit in die erste Rangklasse gehört“, bilden eine äußerst feurige, würzhafte und wohlschmeckende Flüssigkeit von lieblich hellrother Farbe und denkbar mildestem Parfüm, werden aber nur in sehr geringer Quantität gewonnen und kaum jemals in den Handel gebracht. Der Thränenwein des Handels ist vielmehr ein bernsteinfarbiger, gleichfalls vortrefflicher und bouquetreicher Muscat, die Lacrimae Christi della Somma, die auf dem Ost-⸗ und Nordwestabhang der „Somma“, eines Bergrückens nördlich vom Krater des Vuleans, in größerer Menge producirt werden. Die dritte Sorte bilden die Laerimae Christi greco, ein weißer, und die vierte Sorte die Laerimae Christi greco-paglia, ein gelber Muscatwein von besonderer Würze und Feinheit, die beide Am Fuße des Vesuvs bis nach Castellamare hin und darüber hinaus aus Greco-Rebsatz gezogen werden. Diese vier wahren Vesuvweine werden von Kennern hoch geschätzt und bestens unterschieden, die Touristen aber müssen sich in der Regel mit einer Art Krokodilsthränen begnügen, denn ihnen werden statt der echten Thränen in der Regel jene allerdings in ihrer Art gleichfalls vortrefflichen und oft sogar vorzüglichen Liqueurweine aufgetischt, die am Averner See und beim Dorfe Santa Maria di Capua weiß und roth in wunderbarer Fülle und anerkennenswerther Güte wachsen.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 302Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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