FeedLattich
PflanzenreichAppetit-Lexikon 1894

Lattich, der Liebling Aphroditens, dessen breites Blattwerk einst dem schönen Adonis zur Wiege diente, und dessen saftiges Grün fort und fort an Nachtigallsang und Maienduft, an Kapern und grüne Erbsen erinnert, ist der Hauptvertreter der wichtigen Klasse der Salatkräuter und wird daher im gemeinen Leben selber nur Salat oder Gartensalat genannt. Als Stammpflanze ist der gewöhnliche wilde Lattich zu betrachten, der sich nicht nur im mittlern und südlichen Europa, sondern auch im nördlichen Afrika, in Abyssinien, im steinigen Arabien und in ganz Westasien von Palästina bis Sibirien und östlich noch im nördlichen Indien findet, während er in China fehlt und der Gartensalat dort erst zwischen 600—900 n. Chr. bekannt geworden ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach reicht auch die Cultur des Lattichs nicht über die letzten Jahrhunderte v. Chr. Geb. zurück, denn weder im Sanskrit, noch in der Bibel findet er sich erwähnt — es müßte denn Heinrich Heine Recht haben und das Gras, das der König Nebukadnezar aß, in Wahrheit Gartensalat gewesen sein. Der Grieche Theophrast dagegen (um 350 v. Chr.) kannte schon drei Spielarten des cultivirten Lattichs, den breitstengligen (unsern „römischen Salat“), den lakonischen (unsern „Kopfsalat“, den die Neugriechen germaniké salata, deutschen Salat, nennen) und den rundstengligen (unsern gewöhnlichen „Gartenlattich“). Plinius zählte dann schon sieben Spielarten und in den Gartenbauschriften der Gegenwart finden sich einige 40 genannt. Die Matadore darunter sind: der Kopfsalat mit blasig runzligen, sich knospenartig zusammenschließenden Blättern, nach deren Farbe man vom gemeinen grünen Kopfsalat noch den roth gefleckten Forellensalat als besondere Spielart unterscheidet, der krause Salat mit mehr oder weniger geschlitzten krausen Blättern, und der Schnittsalat, lan gblättrige oder römische Salat, der in Paris Laitue romaine und in Rom Laitue parisienne, sonst aber von den Franzosen Chicon genannt wird, mit länglichen, steil aufrechten Blättern, die ihrer glasartigen Zerbrechlichkeit wegen von den Gärtnern aufgebunden werden, was dieser Art, die sich überdies in Folge etwas stärkern Fettgehalts durch weichern Geschmack auszeichnet, den weitern Namen Bindsalat eingetragen hat. Der Lattich besitzt in Folge seines Gehalts an organischer Säure einen angenehm erfrischenden Geschmack und bildet daher, mit Oel und Essig angemacht, im heißen Sommer ein wahres Labsal für den Gaumen. Wer hätte sich nicht schon einmal in irgend einer Dorfeinsamkeit, weitab von Champagner auf Eis und allem Gefrornen, an Speckeierkuchen mit grünem Salat wahrhaft königlich erbaut? Gekochter und gefüllter Salat dagegen ist höherer Blödsinn, absurd wie gekochter Champagner, denn beim Kochen geht eben die eigenartige Frische des Lattichs verloren. Man speist diesen König aller grünen Salate vom frühesten Frühjahr an bis in den Herbst hinein, wo er endlich von der Cichorie und der Endivie abgelöst wird.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 305Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 1

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Pflanzenreich 6