Rettig, oberdeutsch auch Radi, niederdeutsch Reddick, das allbekannte Gartengewächs mit rübenförmiger Wurzel, wird in der Regel für einen geborenen Chinesen ausgegeben. Da er sich indessen noch nie im Reich der Mitte als Wildling hat betreten lassen, so dürfte seine Urheimat einige Meilen weiter westlich, und zwar südlich vom Kaukasus zu suchen sein, von wo er dann schon in vorgeschichtlicher Zeit einerseits nach China und andererseits nach Europa gelangt sein dürfte — falls er nicht etwa gar nur die Culturform des über das ganze gemäßigte Europa verbreiteten wilden oder Kriebelrettigs bildet! Dies dahingestellt, bleibt doch ausgemacht, daß bereits die Bauhandwerker der Pyrami denzeit sich an der bissigen Wurzel erbauten, und daß schon das Germanien des Arminius Riesenrettige von Kindesgröße erzeugte, wie sie heute nur noch bei Brünn in Mähren, bei Erfurt in Thüringen und im fernen Indien gezogen werden. Man unterscheidet zur Zeit drei Hauptformen: den zweijährigen Winterrettig mit schwarzer Wurzel, den einjährigen Sommerrettig mit weißgrauer Wurzel und den zierlichen Monatsrettig oder das Radieschen mit haselnußgroßer, weißer, blauer oder rother Wurzel. Von diesen drei Incarnationen der Familie Raphanus ist das Radieschen die vornehmste: es darf als Frühlingsgruß des Küchengartens selbst auf fürstlicher Tafel erscheinen und wird mit Butter oder Salz von männiglich mit riesigem Vergnügen roh gegessen — d. h. soweit männiglich gute Zähne hat. Von den beiden andern Formen, die sich nie so hoch versteigen, feiert der Winterrettig, gescheibelt und mit Salz oder Essig gewürzt, vornehmlich auf dem Biertische seine Triumphe, während der mildere Sommerrettig roh mit Essig und Oel und Kümmel als Rettigsalat oder gekocht in der Rettigsauce den Speisetisch des Bürgers ziert; beide treten auch wohl, in Streifen geschnitten und gesotten, als Beilagen zu Fisch oder Rindfleisch auf. Als Curiosum sei dabei des Umstandes gedacht, daß der gescheibelte Rettig für minder verdaulich gilt als der der Länge nach gespaltene. Die Bissigkeit der Rettigarten beruht auf dem Gehalt der Wurzel an organisch gebundenem Schwefel, an Phosphorsäure und Senföl. Diesem letztern insbesondere verdankt der Rettig seine magenreizende Wirkung und damit den größten Theil seiner Beliebtheit, die sich übrigens auf Oesterreich und den deutschen Süden beschränkt, denn im Norden ist seine Stelle eine äußerst untergeordnete.