Liqueur ist veredelter Branntwein, etwa wie Chocolade veredelter Cacao und der Mensch ein veredelter Affe ist. Die Grundlage bildet der brave Alkohol, die Veredlung aber wird durch Fruchtsäfte, Kräuterextracte, ätherische Oele, Gewürze und vor Allem durch Zuckerzusatz bewirkt, nach dessen Menge man Doppel-Liqueure mit etwa 500 g und Tafel-Liqueure oder Crmes mit etwa 700-1000 g Zucker auf 1 Liter Flüssigkeit unterscheidet. Die Zahl der verwendeten Zusätze ist Legion, die Zahl der hergestellten Liqueure beläuft sich daher auf mindestens 2 Legionen. Aus Furcht indessen, das Gedächtniß ihrer Kunden zu überlasten, taufen die Fabrikanten ihre Produete gern auf alte, bewährte Namen, so daß z. B. unter dem Titel Absinth einige dreißig, unter dem Namen Goldwasser einige fünfzig und unter der Firma Kümmel mindestens hundert und einige verschiedene Fabricate durch die Welt spazieren. Der Liqueur ist eigentlich älter als der Branntwein, da schon Arnold von Villanova zu Ende des 13. Jahrhunderts ein „Goldwasser“ herstellte, eigentlich zu Ehren aber kam er erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts, als Ludwig XIV. diese „Herzstärkung“, die man bis dahin ausschließlich für Arznei angesehen hatte, regelmäßig zur Beförderung der Verdauung zu nehmen begann und sie dadurch zu einem Bestandtheil der Tafel erhob. Seitdem bildet der Liqueur den Schlußpunkt und, wenn er vorzüglich ist, sogar das Ausrufungszeichen hinter jedem trefflichen und wohlgelungenen Mahle. Der Sonnen-König bevorzugte den Rossolis, am verbreitetsten aber war der Ratafi a. Die besten Sorten lieferte damals das Kloster Mariä Heimsuchung in dem noch heute wegen seiner Liqueure berühmten Flecken La Cöte Saint-André bei Vienne, etwas später kamen dazu noch Straßburg i. E. und Nantes, dessen Fabricate aber zumeist nach England gingen, wo man diesen „Herzstärkungen“ das größte Interesse entgegenbrachte. Aber auch in Frankreich hatte der Liqueur nicht blos glühende Verehrer, sondern auch leidenschaftliche Verehrerinnen, darunter namentlich die schöne, blonde, sentimentale Louise de la Valière (gest. 1710), die seit 1674 im Kloster lebte und dort ihre Sünden und Sorgen im Gebet und im Liqueur ertränkte; unter dem Deckel ihres Betpults stand beständig eine starke Batterie von Liqueurflaschen gegen die Anfechtungen des Bösen aufgefahren. In der That ist die Wirkung des Liqueures der Branntweinwirkung vollkommen gleich. Er regt die Nerven an, fördert die Verdauung und das Denken, und da er überdies bei seinem Würzgeschmack und seinem reizenden Parfum, seiner „Blume“ möchte man sagen, im Augenblicke des Genusses das Nec plus ultra aller feinen und kräftigen Geschmacksempfindungen gewährt, so ist er recht eigentlich der Schnaps des armen reichen Manns, der Lethe, in den sich alle Sorgen mit Wollust versenken lassen, und Wilhelm Busch hat deshalb Recht: Es ist ein Satz von altersher: Wer Sorgen hat, hat auch Liqueur.