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TierreichAppetit-Lexikon 1894

Muscateller, im Mitteldeutsch Muschatel, trägt seinen Namen angeblich von dem Umstande, daß „Fliegen (muscael) und Wespen mit besonderer Gier den Beeren nachstellen“, in Wahrheit aber wohl von dem ausgeprägt pikanten, meist an Moschus (muscus!) erinnernden Parfüm der reifen Traube. Dies Parfüm wechselt wie die Farbe der Beeren mannigfach ab, bald ins Rosenduftige oder Kamillenartige, bald ins Obstähnliche oder Wanzenhafte, immer aber ist es in irgend einer ausgesprochenen Schattirung vorhanden, und diese Eigenschaft vor Allem wird dem Weine im Mittelalter jene ungemeine Beliebtheit verschafft haben, die durch die allbekannte Anekdote von dem Augsburger Prälaten Johann v. Fugger, der sich am Est Est zu Tode nippte, köstlich illustrirt wird, am ergreifendsten und innigsten aber im schönsten aller mittelalterlichen Weinlieder zum Ausdruck gekommen ist: Der liebste Buhle, den i han, Der leit (liegt) beim Wirth im Keller, Er hat ein hölzern Röckli an Und heißt: der Muscateller. Der Musscateller des Mittelalters war süß, feurig und schwer, den heutigen Liqueurweinen seines Stammes ähnlich bis gleich und vorzugsweise italienischen Ursprungs, denn das Vaterland des Muscatellers ist Italien, wo die Rebe, die Vitis apiana des Plinius, schon zur Kaiserzeit nach ihrem Werthe geschätzt wurde. Treffliche Kenner, darunter auch Hamm, glauben zwar nach den Berichten der Spätlateiner und der Humanisten den antiken und mittelalterlichen Muscateller für ein überlegenes Gewächs halten zu müssen, wer jedoch mit der Ausdrucksweise des Mittelalters vertraut ist, das nur gar zu gern des schönen Effectes wegen die Mücke einen Elephanten und den Schuft einen großen Mann nannte, für den leidet es keinen Zweifel, daß die modernen Sorten den alten Marken mindestens ebenbürtig und wahrscheinlich sogar überlegen sind. Der beste unter den dermaligen Muscatweinen Italiens ist nach Hamm's zuverlässigem Spruche der Monte Pulciano (s. d.) — er zählt aber nicht, weil er nicht zu haben ist, und so verbleibt die erste Stelle dem bewährten Est Est oder Monte Fiascone, dem hitzigen, stark aromatischen Product der Höhen am Bolsener See, von dem der germanische Welschlandfahrer dem Landsmann Fugger zu Ehren noch heutigen Tages gern zu kosten pflegt, bis er die rothe Marke nicht mehr von der weißen unterscheiden kann. Dem Est Est ebenbürtig ist die bernsteinfarbene Lacrimae Christi della Somma, und dieser zunächst steht der von Alters her berühmte Syracusaner, der weiße, feurige, köstlich mundende Siraeusa Albanulle, dessen geistiger Gehalt noch nie und von niemand in Zweifel gezogen worden ist. Dann folgen der rothe, thurmhoch beseligende Catania, der röthliche kaum minder schwere Mos cato Capriato, der feurige, duftige Monte Gibello und der rothe Aetna-Madeira, Essenza dell' Etna oder auch Nettare genannt — vier Sieilianer, deren Studium die berauschendste Wirkung übt, die man sich nur denken kann. Daran schließen sich die mildsüßen, fenchelschmeckenden rothen Calabreser, der Otranto und der Francavilla, ferner die weißen und rothen Weine von Santa Maria di Capua, die den Namen der Lacrimae Obristi zu usurpiren pflegen, endlich der balsamduftende Farnese und der weiße, schwelgerisch süße Orvieto, dem sich in Toscana der gelbe, süße Rio mit ausgeprägtem Muscatnußbouquet und in Piemont der rühmlichst bekannte Moscato von Canelli an die Seite stellt. Dazu liefert Sardinien noch den trefflichen Alghero-Muscat und Elba den süßen, rothen Aleatico, einen Kochwein, dessen Herstellung eines der süßesten Geheimnisse der Elbaner bildet. Und alle diese Weine sind nicht nur kostbar, sondern — was die Hauptsache ist! — auch trinkbar. Gerade in dieser Hinsicht stehen die französischen Muscateller bei aller sonstigen Ueberlegenheit den italienischen entschieden nach: sie sind reine Liqueurweine, an denen man nur nippen darf, und daher zu einem engern Freundschaftsbunde gänzlich unbrauchbar. Ihr Chorführer ist der mild süße Rivesaltes von Perpignan, der erste Damenwein der Welt, voll Feinheit, Duft und Feuer und im Alter völlig dem Malvasier gleich. Ihm zunächst folgt der hochsüße, obstduftende Frontignan, dann der Lünel. Im zweiten Range stehen die minder feinen, aber gleichfalls äußerst gaumengerechten Muscatweine von Bergerace, der Monbazillae mit dem Saint-Laurent des Vignes, für deren vorzüglichste Marken der Raulis-Mestre, der Marsalet-Viger und der Consul-Erignae gelten. Dazu liefert das Languedoe den würzigen Maraussan und den gehaltvollen Sauvian (dessen beste Sorte der Despagnac bildet), die Grafschaft Avignon den Beaume und die Provenee eine ganze Reihe von Sorten, von denen der Cassis, der Roquevaire, der Barbantanne und der La Ciotat von Marseille die nennenswerthesten sind. Spanien erzeugt neben dem purpurglühenden Moscatel de Alicante (s. Alicantwein) den köstlichen Moscatel de Malaga und Moscatel de Motril (. Malaga), sowie im Sherrywein-District den goldgelben, süßöligen Vino de Pajarete und den hellgelben, kamillenduftenden Manzanilla (s. Sherry). Portugal bringt im weißen Setuval von der gleichnamigen Stadt in Estramadura eine sehr geschätzte Sorte auf den Markt. Ungarn liefert im weißen Weyrer vom Neusiedlersee und im weißen Badaesony aus der Plattensee-Gegend nur Sorten dritten Ranges, die vom Muscateller von Villäny und von Tokay-Hegyallya nur wenig übertroffen werden. Dagegen producirt Dalmatien nicht blos die leidlichen weißen und rothen Moscatos von Arbe, Brazza, Spalato und Cattaro, sondern auch den hocharomatischen, lünelähnlichen rothen Tartaro von Sebenico und vor Allem den purpurglühenden, rosenduftigen Moscato di Rosa von Almissa. Auch Istrien hat unter den Sorten seines einst weltberühmten Reinfalls einen trefflichen Muscateller (vgl. Reinfall). In Griechenland endlich ist, wie im Mittelalter Candia, gegenwärtig Cephalonia der Hauptsitz der Muscatellerproduction, der drei Sorten auf den Markt bringt: den vollen, gehaltreichen Ausbruch Moscato Necetar, einen Damenwein ersten Ranges, den zarten, hochgelben Gran Moscato di Lixuri und den einfachen, aber edlen Moscato di Argostoli (durch H. Chardon in Coblenz a. Rh. zu beziehen). Hamm nennt die Cephalonia-Muscate „entschieden die besten von ihrer Art“ und sagt damit allerdings viel, aber doch nicht zuviel, weil sie an sich vorzüglich und überdies zur Zeitvielleicht die einzigen sind, die völlig unverkünstelt zum Verkauf kommen.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 361Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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