Neunaugen beruhen auf einem Versehen Vater Adams, der offenbar bei der Taufe dieser Thiere außer dem wirklichen Sehorgan und den sieben Kiemenspalten auch das Nasenloch jeder Körperseite unter die Augen gerechnet hat. Die Niedersachsen sagen daher lieber Bricke oder Pricke, vom Adjectivum pricke, das eine der reizendsten Eigenschaften der Damen bezeichnet, denn pricke bedeutet „drall und prall“ und pricke sein heißt „von kernig festem Fette strotzen“ — wie ein frisches junges Mädchen, eine wohlgenährte frische Bratwurst oder ein hoffnungsvolles Schweinchen mit vielversprechendem Speckansatz. Das Neunauge ist in der That ein ausgesprochener Fettfisch, der mit 25 75 Schmergehalt dem Aal am nächsten kommt, wie er denn überhaupt diesem Aristokraten ungemein ähnlich sieht bis auf den Kopf, der beim Aal spitz und fein geschnitten, beim Neunauge dagegen gorillaartig plump ist. In Europa kommen drei Neunaugenarten vor, von denen aber nur zwei von culinarischer Bedeutung sind und von diesen nur eine, das Flußneunauge, sich auch in Oesterreich findet. Das Flußneunauge, die Bricke oder Pricke der Niedersachsen, bewohnt die Küstenmeere und Flüsse Europas, Nordamerikas und Japans, erreicht bei 30 40 em Länge ein Gewicht von 759og und wird sowohl im Herbste, wenn sie dem Meere zueilt, wie im Frühjahr, wenn sie zum Laichen in die Flüsse zurückkehrt, namentlich in der Memel, Oder, Weichsel, Elbe und Weser massenhaft abgefangen und marinirt zum Versandt gebracht. Von den österreichischen Bricken sagt Hohberg im Jahre 1682: „Werden für ein Herrenessen gehalten, aber ihr Brät ist zähe und hart verdaulich; zu Linz und Ebersberg im Lande ober der Enns kann man sie zur Laichzeit gar wohl bekommen“. Die zweite Art dagegen, das Meerneunauge oder die Meerpricke bekannter unter dem Namen der Lamprete, die sich sonst in allen europäischen Meeren findet, fehlt im Schwarzen Meere und daher auch im Donaugebiet. Die Lamprete besucht die Flüsse nur im Frühjahr zur Laichzeit und bildet dann, da sie bei 70—90 em Länge bis 1½ kg schwer wird, einen wichtigen Gegenstand der Fischerei, namentlich in Frankreich, aber auch in Süd-England und früher auch in Italien. Für den Versandt wird sie ganz wie das gewöhnliche Neunauge zugerichtet, d. h. abgebalgt, leicht geröstet und dann in eine reichlich mit Lorbeerblättern und Gewürz versetzte Essiglake eingelegt oder aber geräuchert. In dieser Form gehören Neunauge und Lamprete zu den Dingen, die man von hinten in Angriff nehmen muß, um den rechten und vollen Genuß davon zu haben. Im Uebrigen wird das Neunauge ganz wie der Aal zubereitet und überdies als Garnitur zum Sauerkraut-Salat verwendet, ist aber dabei wirklich des Guten zuviel, denn dieser Salat ist schon an sich schwer verdaulich genug.