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Haus & KücheAppetit-Lexikon 1894

Weizen, die wichtigste und älteste Getreidepflanze der alten Welt, ist ursprünglich vielleicht in Mesopotamien zu Hause, wurde aber schon im Jahre 3359 v. Chr. in Aegypten, um 2700 v. Chr. in China und in einer kleinkörnigen Spielart um 1000 v. Chr. auch von den Bewohnern der norditalienischen und Schweizer Pfahlbauten cultivirt, die unsern gewöhnlichen Weizen erst zu Christi Zeit von den Römern erhielten. Nach den Antillen kam der Weizen 1494 durch Columbus, nach Mexico 1528, nach Lima 1535, nach Paraguay 1580, nach Tahiti 1768, nach Java 1784, und heute ist der Weizenbau nicht blos über die ganze gemäßigte und subtropische Zone beider Welten, sondern auch über die Nachbarschaft des Aequators verbreitet — hier freilich nur in einer Meereshöhe von 3000 Metern. Das Weizenkorn enthält neben 13½¼½9% Wasser und 697% Stärke auch Stickstoffsubstanz (Protein) und 274 Fett; es übertrifft daher den Reis, den Mais und seine drei europäischen Collegen sowohl an Nahrhaftigkeit wie an Wohlgeschmack und bildet in der That das Hauptnahrungsmittel Europa's, in dessen Erzeugung gegenwärtig Ungarn allen übrigen Ländern voransteht, von dem aber auch Oesterreich jährlich etwa 11 Millionen und Deutschland etwa 25 Millionen Doppelcentner produciren. Wie der Roggen, kommt es kaum anders als in Mehl⸗ oder Griesform zur Verwendung, liefert aber erforderlichenfalls auch Grütze, Graupen und Stärke, und dient zum Bierbrauen und Branntweinbrennen. Ungemahlen wird es jetzt in Europa nicht mehr genossen, wohl aber war dies noch im vorigen Jahrhundert der Fall, wo man in Frankreich die Fromentée und in England das Frumenty oder Frumity daraus herstellte, ein ländliches Sonntagsgericht aus enthülstem Weizen, in Milch gekocht und mit Zucker und gestoßenem Zimmt bestreut, also genau das Urbild des gegenwärtigen Reisbreies. In Syrien bereitet man aus ungemahlenem Weizen eine Art Getreideconserve, das Bürgul, indem man die Körner mit Hefe einkocht und dann den Brei an der Sonne dörrt. Dieser Kornkuchen hält sich jahrelang und wird mit Oel bestrichen verspeist. Vgl. Brot und Mehl.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 584Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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