FeedSchnecken
TierreichAppetit-Lexikon 1894

Schnecken sind zwar der Erdengüter höchstes nicht, doch aber zur Erregung angenehmer Empfindungen geeignet. Als Füllsel für einen saftigen Kapaun gebraten, vermögen sie sogar weniger empfängliche Gemüther mit stiller Sehnsucht zu erfüllen, und in der Gestalt von Tartarin-Schnecken, die mit gemesserten Zwiebeln, Schalotten und Tomaten in Butter gedünstet, mit Bratensauee getränkt, mit gehackten Knoblauchzehen und Feinkräutern gewürzt und mit frischer Butter servirt werden, bereiten sie unstreitig beinahe ebensoviel Vergnügen wie die Aufschneidereien ihres unvergeßlichen Pathen, des großen Tartarin von Tarascon. Auch mit Kapern und Sardellen in legirter Buttersauce gedünstet oder mit Knoblauchbutter geröstet und auf duftiges Sauerkraut gebettet oder gefüllt mit Essig und Oel gegeben, verfehlen sie eines angenehmen Eindrucks nicht. Die deutsche Küche des 18. Jahrhunderts schwang sich sogar zu Schneckenklößen, Schnecken-Pasteten, gebackenen Schnecken und endlich auch zu gespickten Schnecken auf, die sie mit rührender Sorgfalt am Spieße briet; der Neuzeit dagegen genügt schon der einfache Schneckensalat und die schlichte Schneckensuppe, die als angenehme Abwechslung sogar von verhärteten Fastenbrechern geschätzt wird. Diese Suppe wird in England bisweilen aus der gewöhnlichen Gartenschnecke mit weißem oder gelbbraunem Gehäus und in Frankreich auch wohl aus der großen, schwarzen Nacktschnecke bereitet; sonst aber und besonders in Deutschland verwendet man zu diesem wie zu allen andern Schneckengerichten ausschließlich die hellbraune, graustreifige, beinahe hühnereigroße Schnirkel-, Weinbergs⸗ oder Deckelschnecke, die eben deshalb einen Gegenstand des Delicatessenhandels und sogar der Viehzucht bildet. Als den Begründer der Schneckengärtnerei nennt Plinius den antiken Hagenbeck Fulvius Lupinus, der um 50 v. Ch. bei Tarquinir in Etrurien die ersten Schneckengehege anlegte und zugleich eine eigene Mast für seine Zöglinge erfand, die indessen artlich von unserer, nur in Mitteleuropa . eßbaren Schnecke verschieden gewesen sein dürften: Im Mittelalter nahmen die Klöster die Schneckenzucht wieder auf, und hauptsächlich in Deutschland wurden die Schneckengerichte so beliebt, daß selbst die Reformation ihre Popularität nicht zu erschüttern vermochte: in Anhalt gehörten sie beispielsweise noch während des 17. Jahrhunderts zu den Leckerbissen der Herrentafel. Damals gab es auch in Niederösterreich Schneckengärten, während Ungarn diese Einrichtung erst um 1860 durch den Pomologen Siebenfreud in Tyrnau kennen lernte. Während des 18. Säculums trat allmälig Schwaben als Schneckenproducent hervor, und gegen Ende desselben begann Ulm nicht nur Wien zu versorgen, sondern auch nach Italien zu exportiren, bis Vorarlberg und die Schweizer Kantone St. Gallen, Appenzell, Zürich und Graubünden dieses Geschäft an sich zogen. Um 1825 wurde der jährliche Schneckenversandt von Ulm die Donau hinunter auf 400 Tonnen à 10 000 Stück berechnet. Norddeutschland aber hatte sich inzwischen ganz entschieden von der Schneckenkost abgewendet, und mit der Zeit ahmten Oesterreich und der Süden dieses Beispiel nach. Von 1840 ab ging daher der Ulmer Molluskenhandel ganz allmälig den Krebsgang und heute spielt er nur noch eine sehr bescheidene Rolle — doch stehen die „schwäbischen Schnecken“ in Wien noch immer im Ansehen und werden in auserlesener Waare mit 3 —5 Mark per Hundert bezahlt. Der Pariser Consum beträgt jetzt rund 400 000 kg im Jahre. Der Preis für das Hundert Schnecken schwankt in Paris zwischen 0.4—1:2 Mark. Wie die Austern und Muscheln, ist die Schnecke ein vorzugsweise leimhaltiges Nahrungsmittel; sie bedarf daher einer Säurezuthat, um gut verdaulich zu werden, und zugleich eines Zusatzes von Butter oder Oel, der ihre Fettarmuth ausgleicht. Mit diesen Beigaben bildet sie ein recht gesundes und sogar nahrhaftes Essen, und rechtfertigt damit das Sprichwort: „Besser a Schneck, als gar kein Speck!“

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 499Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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