FeedReis
Sagen & MythenAppetit-Lexikon 1894

Reis, der Ernährer fast der halben Menschheit, ist wahrscheinlich ein Urbewohner Ostasiens, wenigstens wurde er dort von den Chinesen schon vor rund 5000 Jahren „entdeckt“ und als Getreidepflanze in Dienst genommen. Von China her gelangte der Reisbau noch vor dem Einbruch der Arier nach Indien, dann westwärts in die Länder am Euphrat, wo Alexander der Große ihn vorfand, und spätestens im letzten Säculum v. Chr. auch nach Syrien. Die Araber verpflanzten ihn im 7. Jahrhundert unserer Zeitrechnung nach Aegypten und etwas später nach Spanien und von dorther gelangte er zuerst 1468 nach Italien (Pisa). Nach Westindien brachte ihn Columbus schon 1493, doch vorerst noch ohne Erfolg. Besser glückte die Einführung durch Antonio Ribera in Peru (1560) und durch die Jesuiten in Paraguay (1580) und noch besser 1690 die Verpflanzung von Madagascar her nach Carolina, das sich seitdem zum vorzüglichsten Reislieferanten Europas aufgeschwungen hat. In Frankreich wurde während des 17. Jahrhunderts im Languedoc und in der Provenee, in Deutschland während des 18. Jahrhunderts im Bisthum Bamberg Reisbau betrieben, dann aber, da der Reis als Wasserpflanze eine förmliche Versumpfung der Felder erfordert, aus Sanitätsrücksichten verboten, wie denn auch in Spanien und Italien die Reiscultur aus demselben Grunde schon seit Ende des 16. Jahrhunderts eine bedeutende Einschränkung erfahren hatte und heute hauptsächlich auf das Königreich Valencia und die Lombardei und Piemont zurückgedrängt ist. Oesterreich zieht zur Zeit in der Grafschaft Görz auf rund 500 ha zwischen 11 000 12 000 d jährlich. Die Cultur hat im Laufe der Zeit nicht weniger als 1404 Spielarten geschaffen, von denen der Numi oder Kaiserreis der um 1700 vom Kaiser Kang-Hi gezogen wurde, schon im vierten Monat reift und zwei Ernten im Jahre ermöglicht; der sogenannte Bergreis, der im Gegensatz zum ursprünglichen oder Sumpfreis auch auf trockenem Boden gedeiht, und der Klebreis, der sich beim Kochen nicht in Brei, sondern in äußerst haftbaren Kleister verwandelt, in botanischer Hinsicht die bemerkenswerthesten sind. Für den Handel und die Küche dagegen kommen in Betracht: der lange, weiße, beinahe durchsichtige Carolina-Reis aus dem Süden der Vereinigten Staaten, dem angeborene Tugend und dankenswerthe Sorgfalt der Erzieher den ersten Rang verschafft haben; sodann der weiße oder gelbliche, kleinkörnige Java-Reis, der „Tafel-Reis“ des vorigen Jahrhunderts, der sich indessen jetzt mit der zweiten Stelle begnügen muß; ferner der röthliche, grobkörnige Bengal-Reis und der dünne, weiße Patna-Reis aus Ostindien, die alljährlich in ungeheuren Quantitäten nach Europa kommen und den größten Theil des Bedarfes decken; dazu der mehr runde, dicke, italienische Reis, der vorzugsweise nach Oesterreich, der Schweiz und Frankreich ausgeführt wird; endlich die mittlern und geringern Sorten, wie der Rangun-Reis aus Pegu, der Valencia-Reis aus Spanien, der ägyptische Reis, der Arrakan-Reis aus Hinterindien u. a. m. Früher kam der exotische Reis zumeist als Braß oder Bray, d. h. geschält, zum Versandt, seit Mitte des 19. Jahrhunderts aber wird auf dem europäischen Markte der Paddy, d. h. rohe Reis, bevorzugt und die Frucht erst auf den Stampfmühlen der Importländer enthülst. Der Kaiserstaat führte 1890 im Ganzen 682 022, Deutschland im nämlichen Jahre 947 972, im folgenden aber 1 330 764 g Reis ein. Wien verbraucht zur Zeit durchschnittlich 1½ Millionen Kilogramm jährlich. Die Verdaulichkeit alten, mindestens halbjährigen Reises — der frische erzeugt gerne Diarrhöe! — läßt nichts zu wünschen übrig; die beliebte Reissuppe mit Huhn zählt daher, wenn der Reis gehörig gequellt und gekocht worden, mit Recht zu den verbreitetsten Krankenspeisen. Sein Nährwerth dagegen ist bei dem überwiegenden Stärkemehl⸗ und geringen Eiweißgehalt (83—857, und 367%) ein ziemlich niedriger, so daß er sich in dieser Hinsicht nur wenig über die Kartoffel erhebt. Gleichwohl bildet er das Hauptnahrungsmittel von etwa 750 Millionen Menschen. Reismehl liefert in ganz Ostasien Brot und Kuchen; im ganzen Orient gehört der Pillaw oder Pilau, auf indisch Bhät (eigentlich nur geschälter Reis, in Wasser gekocht und mit Salz gewürzt, in Persien aber in Wasser gesottener und mit Butter gefetteter Reis über einem in der Haut gebratenen Lamm; in Griechenland Reis mit Zwiebeln, Paprika, Tomaten und Safran um einen soliden Kern aus frischem Lamm⸗ oder geräuchertem Rindfleisch; in Rußland Reis, in Fleischbrühe gekocht, mit Butter gefettet und mit Zwiebeln gewürzt u. s. w.), zu den tagtäglichen Gerichten, und in Indien glaubt keine Seele ohne Curry (Reisbrei mit Currypulver und mit Fisch oder Geflügelfleisch gemengt) satt und selig werden zu können. Aber auch in der europäischen Küche gewinnt der Reis immer mehr Boden. Der deutsche Milchreis (Reis, in Milch gekocht mit Butter gefettet und mit Zucker oder einem Mengsel aus Zucker und Zimmt bestreut) kommt freilich unter der Bezeichnung „Ris von Kriechen“ (Griechenreis) schon im Klosterkochbuch von 1350 vor, und in der mittelalterlichen Küche spielten die Blamensiers (verstümmelt aus Blane-manger), eine Art Curry, das aber mit Mandelmilch statt mit Wasser bereitet, mit Schweineschmalz gefettet und statt des Gewürzes mit Rosen oder Veilchen, Aepfeln, Rosinen, Safran, Honig oder Zucker versetzt ward, keine geringe Rolle — aber alle diese Gerichte waren Herrenessen, Festspeisen, Luxusschüsseln, die nur bei feierlichen Anlässen auf die Tafel kamen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dagegen hat sich der Reis immer entschiedener den Volksnahrungsmitteln zugesellt und macht mehr und mehr den Graupen Concurrenz, ohne jedoch seinen Charakter als Luxusspeise gänzlich zu verleugnen, denn noch immer fällt der größte Reisverbrauch in die Perioden wirthschaftlichen Aufschwungs, in Frankreich in die Jahre 1866—1870, in Deutschland in die Jahre 1871—1874. Offenbar werden nicht bloß die Reisknödel, Reisstrudel, Reisceroquettes, Reispuddings, Reisaufläufe und Reiserèmes, sondern auch die höhern Reisgerichte der modernen Küche in guten Jahren mehr poussirt als in schlechten. Zu diesen höhern Schüsseln aber gehören in erster Linie die italienischen Reisbirnen, Reiscroquette-Masse mit getrüffeltem Gansleberfüllsel, in Birnenform gebracht, gebacken und mit italienischem Salat servirt, und vor Allem das italienische Curry (Poulet au risot), gespicktes Huhn mit Knochenmarkfüllsel, in Wein gedämpft, auf Reis gebettet und mit Parmesanreibsel bestreut, ein Gericht Wie die Palme voll von Anmuth Eine Zierde der Natur — nur leider nicht besonders verdaulich und daher mit geziemender Zurückhaltung zu genießen. Reismehl und Reisgries, namentlich von Bremen in den Handel kommend, werden als Suppenstoff verwendet, der Gries auch vielfach in der Brauerei als Malzersatz gebraucht. Außer zur Speise dient der Reis aber auch zur Herstellung geistiger Getränke. Auf Java bereitet man daraus Arak, in Indien Cange und in der Türkei Boza, zwei bierartige Getränke; in Japan endlich die schwächliche Sakaradu, eine Art obergährigen Biers von geringer Güte, ferner den kohlensäurefreien Sake oder Saki, eine Art Reiswein, und aus dem Klebreis insbesondere das süße Mirin. Vgl. Wasserhafer.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 445Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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