FeedWildpret
Sport & SpielAppetit-Lexikon 1894

Wildpret, das Fleisch der wildlebenden Thiere oder kurzweg des Wildes, ist ein Segen für die Küche und wird stets als Leckerbissen in Ehren gehalten und als angenehme Abwechslung im Einerlei der Schlachtfleischgerichte mit Freuden begrüßt werden, wenngleich die Zeit der blinden Verehrung, die mehr der Stellung der Herren Jagdbesitzer als dem Werth der Waare Rechnung trug, für immer dahin ist. Heute finden der altersgraue Hirsch und der betagte Auerhahn trotz ihrer schönen Titel als „Stolz der Wälder“ und „Wonne des Waidmanns“ auf der feinen Tafel keine Beachtung mehr, sondern werden mit derselben Geringschätzung behandelt wie ein Stück greisenhaften Kuhfleisches oder das bekannte ehrwürdige Rebhuhn, das man höchstens einem Todfeind aufzutischen sich erlaubt. Die Vergötterung des Hautgout, des famosen „Fäulnißgeschmacks“, zählt neuerdings zu den überwundenen Standpunkten, gerade wie die Verehrung des Alterthums für den Teufelsdreck und die Begeisterung des Mittelalters für den Wanzengeruch der schwarzen Johannisbeere. Unstreitig aber ist diese Wandlung des Geschmacks eine Wendung zum Bessern, denn sie macht der unwürdigen Nachsicht gegen Schüsseln ein Ende, die längst als minderwerthig bekannt waren, aus hergebrachter Ehrfurcht vor dem Namen „Wildpret“ aber immer noch in der feinen Küche geduldet wurden, und den Kenner nicht selten in die unangenehme Zwangslage brachten, entweder seinen Magen oder seinen Gastgeber vor den Kopf stoßen zu müssen. Im Einzelnen ist das Wildpret natürlich ebenso verschieden wie die Thierarten, von denen es stammt; im Allgemeinen aber läßt es sich dahin charakterisiren, daß es, und zwar sowohl das Federwildpret wie das Haarwildpret, ein dichteres Gewebe besitzt, d. h. mehr Faserstoff und weniger Fett und Wasser enthält als das Schlachtfleisch und das Hausgeflügel, und demgemäß unter den Zähnen fester und widerspenstiger erscheint. Das Wildpret ist daher weniger leicht kaubar, aber sein Geschmack ist entschiedener, ausgeprägter, weniger fade, und sein Gehalt an Stickstoffsubstanz ist größer. Es bildet deshalb ein ganz vorzügliches Nahrungsmittel, das allerdings gute Kauwerkzeuge und einen dienstfähigen Magen verlangt, aber auch ausgezeichnet nährt, wenn diese Bedingungen erfüllt werden. Dabei bildet sein kräftiger Geschmack einen verlockenden Köder sowohl für Diejenigen, die des alltäglichen Schlachtfleisches überdrüssig sind, als auch für Kranke und Genesende, die nach einem Reizmittel für den mangelnden Appetit suchen oder auch ein plötzliches Verlangen zu befriedigen wünschen. Mögen daher die Wirthschaftsgelehrten immerhin an den Fingern vorrechnen, daß ein Hase während seines Lebens mehr an Nahrungswerthen auffrist, als er je im Tode zurückerstatten kann; das Vergnügen, welches der Genuß eines zarten Dreiläufers bereitet, deckt diesen Ausfall reichlich, und nicht blos der Tisch des Millionärs, sondern auch der des schlichten Bürgers und des Kranken würde unter der Ausrottung des Wildes leiden, wie sie mehrfach von übereifrigen Nationalökonomen befürwortet worden ist, die über der unablässigen Beschäftigung mit ponderablen Werthen ganz vergessen haben, daß es noch etwas Höheres gibt als das Sattwerden, nämlich mit Genuß satt zu werden.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 587Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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