FeedHeinrich von Veldeke (d. i. Feldchen)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Heinrich von Veldeke (d. i. Feldchen), der Vater der mittelhochdeutschen höfischen Poesie, war am Niederrhein, bei Spalbeke in der Nähe Mastrichts, zu Hause, ritterlichen Standes und vielleicht Dienstmann der Abtei St.⸗Truyden (St.⸗ Trond). Außer einer Reihe von Minneliedern bearbeitete er auf die Bitte der Gräfin Agnes von Loz (Loen) nach lat. Quelle die Legende vom heil. Servatius, die, lange verloren geglaubt, erst von Bormans aufgefunden und herausgegeben wurde (Rastr. 1858), ein mattes, schwächliches Gedicht, offenbar eine Jugendarbeit und daher in der Sprache noch mehr zum Niederländischen hinneigend. Weit bedeutender und in ihrer Wirkung fruchtbarer ist die epische Dichtung Eneiden (dreisilbig zu sprechen), die nicht sowohl nach der Aneiso des Virgil als nach dem franz. Gedicht des Benoit de Sainte-More verfaßt ist. Nachdem der größte Teil derselben schon zu Anfang der achtziger Jahre am Hof zu Kleve niedergeschrieben war, wurde ihm bei Gelegenheit der Vermählung des Landgrafen Ludwig von Thüringen mit einer Gräfin von Kleve durch Graf Heinrich von Schwarzburg das Buch entwendet und nach Thüringen gesandt. Erst neun Jahre später kam er wieder in dessen Besitz, und er vollendete es in Thüringen, wohin er der Gräfin, seiner Gönnerin, gefolgt war, um 1190. Durch die allen Ansprüchen genügende Ausgabe von Behaghel (Heilbr. 1882) ist die ältere von Ettmüller (Lpz. 1852) antiquiert. H.s Name bezeichnet einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der deutschen Poesie. Ohne selbst ein hervorragender schöpferischer Geist zu sein, blieb ihm doch der Ruhm durch Jahrhunderte ungeschmälert, Edas erste Reis auf den Baum höfischer deutscher Dichtung geimpft zu haben », wie Gottfried von Straßburg bildlich sich ausdrückt. Diese Bedeutung H.s hat aber ihren wesentlichen Grund darin, daß er der erste ritterliche Dichter war, der, angeregt durch die in der franz. Poesie schon früher eingetretene Formvollendung, den reinen Reim, den geregelten Versbau und überdies das minnigliche Element, als ein Hauptmotiv der ritterlichen Kunstdichtung, in die Ethik einführte. Nicht geringen Anteil an dieser durchgreifenden Wirkung hatte aber gewiß die Entführung seines Hauptwerks nach Thüringen. Indem er der Gräfin von Kleve dahin folgte, verpflanzte er die neue Kunst vom Niederrhein nach Mitteldeutschland.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 66Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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