FeedHerberge
GeschichteBrockhaus 1882

Herberge, ein schon im Althochdeutschen (heriberga) vorkommendes Wort, welches ursprünglich (wie auch noch das altfranz. herberge oder helberge) das Kriegslager, das Einlager der Soldaten bezeichnete, aber seit der zweiten Hälfte des Mittelalters mit der allgemeinen Bedeutung von Gasthaus, Wirtshaus in alle roman. Sprachen (lital. und span. albergo, wonach auch die neufranz. Form auberge) übergegangen ist. Völker von unentwickelter Kultur, bei denen die Gastfreundschaft noch heilige Sitte, kennen und bedürfen keiner besondern Pflegestätten für Fremde, und die Ausbildung des Herbergswesens erfolgt allenthalben erst mit der Entwickelung des Verkehrs. Im Orient hat man nur Karawanserais (s. d.), welche dem Reisenden nichts weiter als Obdach gewähren. In Griechenland, wo die regelmäßig wiederkehrenden nationalen und städtischen Feste, sowie der lebhafte Verkehr in den Häfen große Menschenmengen zusammenführten, war die Einrichtung von Häusern, die jedem ein Obdach boten, ein Bedürfnis. An jenen Schauplätzen der öffentlichen Spiele oder in der Nähe vielbesuchter Tempel wurde zwar vom Staate für die Unterkunft von Fremden in eigenen Räumen gesorgt, daneben aber bestanden auch in allen größern Orten Gasthäuser (+αοoν) als Privatunternehmungen, von denen nicht nur Leute niedern Standes, sondern auch Reiche und Vornehme, die am Orte keine Gastfreunde hatten, Gebrauch machten. Ähnlich waren die Verhältnisse im Römischen Reiche, wo wenigstens in der Kaiserzeit in allen größern Orten, sowie an den großen Straßenzügen H. für Reiche und Arme (cauponae oder deversoria) bestanden. Nach Einführung des Christentums im Abendlande traten zu diesen H. noch die Klöster und später die Burgen der Herren und Ritter, welche nicht bloß ihren Standesgenossen, sondern auch andern vorsprechenden Reisenden gastliches Obdach gewährten. Die meisten Klöster hatten eigene, zur Aufnahme von Fremden bestimmte Räume oder Gebäude, die deshalb den Namen hospitium oder hospitale führten. Noch gegenwärtig erinnern hieran die von Mönchen unterhaltenen Hospize an den Alpenpässen. ů Mit dem Aufblühen der Städte in der zweiten Hälfte des Mittelalters, namentlich in Deutschland, wurde die Aufnahme und Verpflegung von Fremden zu einem städtischen Gewerbe, wobei sich allmählich ein Unterschied zwischen H. im engern Sinne und Gasthäusern ausbildete. (S. Gast⸗ und Wirtshäuser.) Unter Herberge im engern Sinne verstand man dann vorzugsweise die Art von Gastwirtschaften, welche nur für wandernde Handwerksgesellen einer oder mehrerer verwandter Zünfte bestimmt waren. Die zuwandernden Gesellen fanden in ihrer H. nicht nur ein Unterkommen, sondern erhielten auch Arbeit nachgewiesen. Zugleich kamen in diesen Wirtschaften, die von einem Herbergsvater nebst Herbergsmutter verwaltet wurden, die im Orte arbeitenden Gesellen, vielfach aber auch die Meister zu Beratungen und Festlichkeiten zusammen. Mit dem Niedergange des Zunftwesens und er Einrichtungen verloren auch diese Gesellenherbergen (bisweilen Verkehrey genannt) zum Teil ihre Bedeutung.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 125Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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