FeedHiob
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Hiob ist der Name eines Buchs im alttestamentlichen Kanon, das nach Form und Inhalt zu den großartigsten Überresten althebr. Litteratur gehört. Es ist keine Geschichte, sondern ein Lehrgedicht in dialogischer Form mit dramatischer Entwickelung. Der Zweck des Ganzen ist die Bekämpfung der altjüd. Vergeltungslehre, nach welcher jedes Leiden eines Menschen Strafe eines entsprechenden Vergehens sei, und die Durchführung des Gedankens, daß Gott auch über den Frommen Leiden verhängt, daß dieser darum aber weder mit Gott dem Allmächtigen hadern, noch an seiner Weisheit und Gerechtigkeit zweifeln dürfe, auch wenn er seine geheimnisvollen Wege nicht durchschaut. Zur Veranschaulichung dieser Idee wird erzählt, wie Gott den frommen und rechtschaffenen H. mit immer härtern Prüfungen heimgesucht habe, zuletzt, nach Verlust seiner Kinder und aller seiner Habe, mit ekelhafter Krankheit. Als H., der bis dahin standhaft ausgeharrt, endlich in wilde Klagen ausbricht, suchen ihn seine Freunde Eliphas, Zophar und Bildad als Verteidiger des alten Vergeltungsglaubens zu überführen, daß er nur die gerechte Strafe für frühere grobe Sünden erleidet. Ihnen gegenüber behauptet H. siegreich seine Unschuld, aber wenn er anfangs, im Hinblick auf die alte Lehre, Gottes Gerechtigkeit in stürmischen Worten bezweifelt hat, gelangt er im Laufe des Gesprächs allmählich zu der resignierten Erkenntnis, daß Gottes Ratschluß unbegreiflich sei. Zuletzt tritt Gott selbst redend auf und stellt in glänzender Schilderung seine unermeßliche weltregierende Weisheit der menschlichen Beschränktheit gegenüber. H. erkennt nun das Unverständige seines frühern Trotzes und erhält Verzeihung dafür, aber zugleich bezeugt ähm Gott selbst seine von den Freunden ungerechterweise bestrittene Unschuld und gibt ihm zum Zeichen dafür Gesundheit, Kindersegen und verdoppelten Besitz zurück. Der Plan des Ganzen ist ebenso großartig wie die Durchführung im einzelnen reich an poetischen Schönheiten und herrlichen Weisheitssprüchen. Besonders prachtvoll sind die Schilderungen der Macht und Weisheit Gottes, wie sie in den Wundern der Natur sich offenbart. Der Verfasser ist unbekannt. Die Abfassungszeit kann nicht früher sein als die des Jesaias (nach 722 v. Chr.), und fällt sicher nicht erst in die chaldäische Periode. Wohl aber erst lange nach dem Babylonischen Exil wurde das Buch von einem andern Verfasser durch Einschaltung von Kap. 32—37, den Reden des Clihu, erweitert. Die Unechtheit dieses sprachlich und sachlich von dem ältern Gedicht abweichenden, den Zusammenhang desselben in störender Weise unterbrechenden Zusatzes unterliegt keinem Zweifel. Dagegen ist kein irgend haltbarer Grund zu finden, auch noch andere Bestandteile des Lehrgedichts, z. B. den Prolog, für unecht zu erklären. Kommentare lieferten Stickel (Lpz. 1842), Hirzel (Opz. 1838: 2. Aufl., von Olshausen, 1852; 3. Aufl., von Dillmann, 1869), Schlottmann (Berl. 1851), Delitzsch (Lpz. 1864; 2. Aufl. 1876) und Hitzig (Lpz. u. Heidelb. 1874); neuere Übersetzungen Haupt (Lpz. 1847), Spieß (Buchholz 1852), Kamphausen (in Bunsens Bibelwerko 1865) und Merx (zugleich mit emendiertem Urtext, Jena 1871). Vgl. Budde, Beiträge zur Kritik des Buches H.y (Bonn 1876); Studer, Das Buch H.v (Brem. 1881); Bickell, Dichtungen der Hebräero (Bd. 2, Innsbr. 1882).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 251Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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