FeedHöllenfahrt
ReligionBrockhaus 1882

Höllenfahrt Jesu. Auf Grund der Stelle 1 Petr. 3, 10 fg. bildete sich in der christl. Kirche frühzeitig die Ansicht, daß die Seele Jesu in der Zwischenzeit zwischen der Kreuzigung und der Auferstehung in die Unterwelt hinabgestiegen und dort den gefesselten Geistern gepredigt habe. Rach Ephes. 4, 9 lehrte zuerst Marcion, daß der Erlöser, um den Sieg über Tod und Teufel zu vollenden, die Gefangenen des Teufels im Triumphe habe fortführen müssen, und ganz dieselbe Anschauung ward durch Origenes auch in der kath. Kirche heimisch. Daneben erhielt sich die einfachere Ansicht, daß das Hinabsteigen Jesu in die Unterwelt zur Vollendung seines Erlösungswerks erforderlich gewesen, damit er in allen Stücken den zu Erlösenden gleich werde. Die Lehre fand allmähli auch ins apostolische Glaubensbekenntnis Aufnahme, doch war der Zusatz descendit ad inferna noch im 5. Jahrh. nur in einigen Gegenden rezipiert und erlangte erst ziemlich spät allgemeine Anerkennung. In der Reformationszeit wurde die Lehre von der Höllenfahrt Christi von neuem in den Streit gezogen. Die Reformierten rechneten die Höllenfahrt 3— um Stande der Erniedrigung, da Christus na semer menschlichen Natur auch die Höllenstrafen habe stellvertretend erdulden müssen, um für die Sünden der Menschen vollkommen genug zu thun, verstanden aber die Höllenfahrt im bildlichen Sinne von der Erduldung der Höllenqualen am Kreuze. Dieselbe, aber buchstäblich als wirkliche Höllenfahrt gefaßte, gelegentlich auch von Luther vorgetragene Ansicht (nur mit Beschränkung auf die Seele Jesu, während der Leib im Grabe verblieben) wurde in der luth. Kirche auch von dem hamburger Superintendenten Joh. Apinus verteidigt, gab aber zu heftigen lterde Veranlassung und ward schließlich im 8. Artikel der Kontordienformel ausdrücklich verworfen. Seitdem galt ebenfalls unter Berufung auf anderweite Außerungen Luthers als orthodox-lutherisch die Lehre, daß die ganze Person Christi nach beiden Naturen in die Hölle gestiegen, um dem Teufel und seinen Genossen Christi Sieg zu verkündigen, daher die Höllenfahrt von den Lutheranern nicht zum Stande der Erniedrigung, sondern als erster Akt im Stande der dalemus gezählt wurde. Der neuere Supernaturalismus hat zwischen beiden Auffassungen wieder ohne rechte Entscheidung hin- und hergeschwankt, während der Rationalismus die biblischen Beweisstellen exegetisch zu entkräften suchte. Die moderne Orthodoxie hat natürlich auch dieses Dogma als wichtige cHeilsthatsacher rehabilitiert, die Vermittelungstheologie blieb bei der supernaturalistischen Halbgläubigkeit stehen, während die freie Theologie der Gegenwart in der Höllenfahrt nur eine mythische Einkleidung des Gedankens sieht, daß die Erlösungsreligion auch den Mächten des Todes und der Finsternis ihre Schrecknisse genommen und die siegreiche Überwindung aller feindseligen Gewalten durch das Evangelium von der Gnade Gottes verbürge. Vgl. Delepierre, L'enfer. Essai philos. et théolog.o (1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 336Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Religion 6