Homer (grch. Hom'ros) ist der Name des Lutre Dichters, welcher an der Spitze der griech. itteraturgeschichte steht. Abgesehen von wenigen Grammatikern, den sog. Chorizonten (d. h. Trennenden), hielten die Alten allgemein einen Dichter dieses Namens für den Verfasser der beiden großen epischen Gedichte IJlias (worin Scenen aus dem Kampfe der Griechen vor Troja, um den Mittelpunkt des Zornes des Achilles gruppiert, geschildert werden) und Odysseia oder Odyssee (worin die Irrfahrten und endliche glückliche Heimkehr des Odysseus, sowie der Sieg desselben über die Freier seiner treuen Gattin Penelope erzählt werden). In älterer Zeit schrieb man sogar dem H. allgemein noch andere Epen zu, wie die Thebais und sonstige Gedichte des sog. epischen Eyklus (s. Cyklische Dichter), sowie ein komisches Epos, den sog. Margites (s. d.), ferner die Batrachomyomachia (s. d.) und zahlreiche Hymnen, von welchen letztern 2 9 eine Sammlung, die 5 größere und 28 kleinere Hymnen umfaßt, unter H.s Namen erhalten ist. Was von der Persönlichkeit dieses Dichters berichtet wird, trägt freilich einen durchaus sagenhaften Charakter. Sieben oder mehr Städtestritten sich um die Ehre, seine Geburtsstätte zu sein (nach dem bekannten Hexameter: Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis, Chios, Argos, Athenä; aber auch das kleinasiat. Kyme und die Insel Jos nahmen den Dichter für sich in Anspruch). Nach der verbreitetsten Tradition soll ihn eine Nymphe Kretheis mit dem Flußgott Meles (bei Smyrna) erzeugt haben. Später soll er blind geworden und so als fahrender Sänger in der Welt umhergezogen sein, auch bei diesen Wanderungen auf der Insel Jos, wo man noch in spätern Zeiten sein angebliches Grabmal zeigte, seinen Tod gefunden haben. Als histor. Kern dieser Tradition kann man nur die Thatsache betrachten, daß die den Namen des H. tragenden Gedichte, speziell die Ilias und Odyssee, bei den kleinasiat. Griechen, etwa im 10. und 9. Jahrh. v. Chr., entstanden und von da einige Zeit später (nach der Tradition besonders durch Vermittelung des Spartaners Lykurgos) nach dem europ. Griechenland herübergebracht worden sind. Von den Orten, welche H. für sich beanspruchten, können Salamis, Argos und Athen von vornherein nicht ernstlich in Frage kommen, auch nicht die von Doriern kolonisierte Insel Rhodos; so bleiben von den sieben Orten des Hexameters nur die in Jonien gelegenen Städte Smyrna und Kolophon und die Insel Chios übrig, unter denen Smyrna und noch mehr Chios besonders viel für 19 anführen können, und außerdem erscheint der Anspruch des äolischen Kyme beachtenswert. Dabei kann es sich aber immer nicht um den Geburtsort H.s, sondern nur um die Heimat der Homerischen Gedichte handeln, da die Annahme, daß ein einzelner Dichter Namens H. Ilias und Odyssee gedichtet habe, jetzt nur noch von einzelnen festgehalten wird, und auch dies als überwiegende Überzeugung der Sachverständigen gelten muß, daß der heutige Bestand der Ilias und Odyssee nicht der ursprüngliche ist, jondern daß zu ältern Bestandteilen später andere hinzugekommen sind. Fest steht, daß die Hauptteile von Ilias und Odyssee längere Zeit gedichtet waren, ehe sie niederdem dunch wurden. Die einzelnen Gesänge wurn durch öffentlichen Vortrag von den Dichtern selbst und von andern Sängern (Rhapsoden) verbreitet, welche namentlich bei Festen, wo größere Volksmengen zusammenkamen, sich hören ließen. Wahrscheinlich schuf auf der Grundlage von Liedern, die insbesondere bei den Aolern gedichtet und gesungen wurden, ein großer ion. Dichter den Kern der ias, ein anderer später das Epos von der Rückkehr des Odysseus; andere Sänger fügten diesem Kern beider Epen weitere Gesänge hinzu, wie 3. B. die Telemachie in der Odyssee, d. h. »die Dichtung von dem Auszug des Telemacho. Durch hin-Besandt⸗ Verse wurden dann die ältern und neuern estandteile verbunden. Die zuletzt hinzugekommenen größern Bestandteile waren wohl die Telemachie in den vier ersten und die Erzählung von den Vorgängen nach dem Freiermord und der Wiedervereinigung von Odysseus und Penelope in den letzten anderthalb Büchern der Odyssee, welche päter entstanden sein werden als einzelne Gedichte 3 epischen Cyklus. Wann die beiden Epen zum ersten mal in einer schließlichen Redaction zusammengefaßt und niedereschrieben wurden, it ungewiß. Begründeten Zweifeln unterliegen die vereinzelten Angaben bei alten Schriftstellern, in Athen sei durch Solon oder Hipparch die Anordnung getroffen worden, daß an den Panathenäen die Gesänge der Ilias und Odyssee in der richtigen Reihenfolge hintereinander vorgetragen werden sollten, und Pisistratus habe durch eine Kommission von vier Männern, unter denen Onomakritos sich befand, die einzelnen Stücke der Homerischen Epen zu zwei großen Ganzen zusammenfassen und niederschreiben lassen. In der Zeit des Pisistratus verstand man unter den Homerischen Epen auch nicht ausschließlich Ilias und Odyssee, diese traten vielmehr erst zur Zeit von Plato und Aristoteles in ihrer unvergleichlichen Bedeutung hervor. Damals veranstaltete der Epiker —½ eine Ausgabe der Ilias und der Odyssee. Andere Ausgaben führten ihren Namen von den Städten, in welchen sie entstanden. Am berühmtesten ist die von Aristoteles für Alexander d. Gr. besorgte. „Eine neue Epoche für das Studium der Homerischen Gedichte begann in Alexandria, wo die be-Austopan Gelehrten, wie Zenodotos von Ephesos, Aristophanes von Byzanz und vor allen Aristarchos von Samothrake, den Text der beiden Gedichte (die sie in je 24 Bücher teilten) nach den besten frühern Ausgaben und nach den durch Beobachtung von ihnen aufgefundenen Regeln der Sprache und des Versbaues kritisch festzustellen sich bemühten. Im Zusammenhang damit steht, daß auch erst durch die Alexandriner, ohne Zweifel hauptsächlich durch Aristarch, der Name H.s bestimmt auf Ilias und Odyssee eingeschränkt wurde. Ahnliche Studien, aber mit weniger sicherer Methode, wurden auch in Pergamos, besonders durch Krates von Mallos, den Gegner des Aristarchos, gepflegt. Die mit kritischen Zeichen versehene Ausgabe des Aristarchos verschaffte sich bald allgemeine Geltung, und seine in verschiedenen Schriften KKommentaren zu den einzelnen Büchern der Ilias und Odyssee und Dissertationen über einzelne schwierigere Fragen) niedergelegten Ansichten wurden erläutert und weiter ausgeführt durch zahlreiche unmittelbare und mittelbare Schüler, unter denen Aristonikos, Didymos, Nikanor und Herodianos die bedeutendsten sind. Die Schriften dieser vier Männer bilden die Grundlage der trefflichen Scholien zur Ilias, welche in dem berühmten Coder der Bibliothek zu Venedig erhalten sind (zuerst bekannt gemacht von Villoison, Vened. 1788); eine zweite, auch durc einen Codex zu Venedig, am besten aber durch eine Handschrift im Britischen Museum überlieferte Scholiensammlung ist minderwertig, hat aber doch auch eine selbstandige Bedeutung. Eine Ausgabe aller Scholien unternahm Bekker (2 Bde., Berl. 1825), eine neuere von Dindorf (4 Bde., Opz. 1875—77) ist unvollendet geblieben. Weniger reichhaltig sind die erhaltenen Scholien zur Odyssee (herausgeg. von Dindorf, Oxford 1855). Außerdem sind namentlich noch weitschweifige Koömmentare zu Ilias und Odyssee aus der aldnide Zeit von ralen Erzbischof von Thessalonike (seit 1160) erhalten. m Abendlande waren die Homerischen Gedichte viele icdererwach hindurch vergessen. Erst mit dem Wiedererwachen der humanistischen Studien und der Verbreitung der Kenntnis des Griechischen im Abendlande begann auch wieder das eifrige Studium des H., dessen erste gedruckte Ausgabe, von Demetrios Chalkondylas besorgt, in Florenz 1488 in zwei Foliobänden erschien; zahlreiche andere Ausgaben folgten bald nach. Der aus dem Altertum überkommene Glaube an einen persönlichen H., der mit bewußter Kunst die beiden großen Epen Ilias und Odyssee allein gedichtet habe, wurde nach manchen vereinzelten Zweifeln Früherer, wie des engl. Philologen Bentley und des ital. Philosophen Giambattista Vico, zuerst wissenschaftlich bekämpft von F. A. Wolf in seinen berühmten Prolegomena ad Homerume (Bd. 1, Halle 1795; neuer Abdruck, ebend. 1859 und Berl. 1873; 2. Aufl. 1876; vgl. auch Volkmann, Geschichte und Kritik der Wolfschen Prolegomenav, Lpz. 1874). Dieser stellte die Ansicht auf, daß Ilias und Odyssee weder beide von ein und demselben Dichter, noch überhaupt jede von einem Dichter verfaßt, sondern ein Aggregat von Bestandteilen verschiedener Zeiten und Verfasser, das Gemeingut der an den mythischen Namen des H. sich knüpfenden Sänger⸗ oder Rhapsodenschulen seien; daß die einzelnen Stücke jahrhundertelang nur durch mündlichen Vortrag fortgepflanzt und dabei mannigfach umgestaltet und erweitert und erst unter Pisistratus zu den beiden größern Epen, die wir noch als einheitliche Ganze besitzen, vereinigt worden seien. Diese alsbald von mehrern der bedeutendsten Geister unserer Nation, wie von Goethe (der freilich später seine Ansicht darüber geändert hat), Herder, den Gebrüdern Schlegel, W. von Humboldt, Fichte u. a. mit Bewunderung aufgenommene, von andern Seiten mit dem heftigsten Widerspruch zurückgewiesene Ansicht ist dann durch eine Reihe hervorragender Gelehrter gründlich geprüft und namentlich durch eingehendere Untersuchungen über das Wesen der Volkslieder und der Volkspoesie überhaupt weiter ausgebaut und fester bestimmt worden, wie dies für die Ilias besonders Lachmann und Köchly gethan haben. Diesen Vertretern der Liedert heorie, d. h. der Ansicht, daß Ilias und Odyssee aus einer. größern Anzahl ursprünglich selbständiger Volkslieder zusammengesetzt seien, standen aber immer zahlreiche Verteidiger der ursprünglichen Einheit und planmäßigen Anlage der beiden Gedichte geenüber, unter denen Nitzsch (Beiträge zur Geschichte der epischen Poesie der Griechen », Lpz. 1862) und, mit mannigfach von diesem abweichenden Ansichten, F. G. Welcker („Der epische Cyklus oder die Homerischen Dichter», 2 Bde., Bonn 1835 —49) hervorzuheben sind. Eine vermittelnde Ansicht, wonach die Odyssee ein einheitliches Ganzes, die Ilias aber ursprünglich nach einem relativ engern Plane (als eine Achilleis) angelegt und nachmals durch eine eingeschobene kleinere Ilias und andere Zusätze erweitert worden wäre, hat Grote in seiner «Geschichte Griechenlands v vor— getragen. Neuerdings hat namentlich Bergk (Griech. Litteraturgeschichtev, Bd. 1, bnsi 1872), nachdem schon Wolf selbst auch eine ähn 0e Ansicht angedeutet und G. Hermann ausgesprochen hatte, sich für die ursprüngliche Einheit von Ilias und Odyssee in dem Sinne ausgesprochen, daß ein ursprünglicher Kern der Odyssee wie der Ilias durch Fortsetzer und Diaskeuasten wesentlich erweitert und verändert worden sei. Vor und nach ihm hat Kirchhoff linsbesondere in Die Homerische Odyssee und ihre Entstehungo, Berl. 1859, und „Die Komposition der Odysseer, Berl. 1869, sodann in Die Homerische Odyssee, 2. umgearb. Aufl. der genannten beiden Werke, Berl. 1879) für die Odyssee die Ansicht ausgeführt, daß zu einem ältesten kleinen Epos, der alten Dichtung von der Heimkehr, eine jüngere Dichtung von der Heimkehr, ferner die Dichtung vom Freiermord, die vom Auszug des Telemach, endlich die von den Ereignissen auf Ithaka nach der Wiedervereinigung von Odysseus und Penelope hinzugedichtet seien. Eine ähnliche Ansicht vertritt Christ (EH. und die Homerideno und Zur Chronologie des Epos v, München 1884, sowie in seiner Ausgabe der Ilias, Tl. 1, Lpz. 1884), doch so, 9 er dem ersten Dichter für die Ilias, wie für die Odyssee einen größern Teil des Ganzen und eine bedeutendere Stellung und Wirkung zuteilen möchte. Dagegen hat Kammer, ohne indes allgemeine Zustimmung zu finden, in der Schrift Die Einheit der Odyssee, nach Wiederlegung der Ansichten von Lachmann-Steinthal, Köchly, Hennings und Kirchhoff dargestellto (Lpz. 1873) mit großer Entschiedenheit sich im Anschluß an Lehrs dafür ausgesprochen, daß die Homerischen Gedichte von Haus aus große, in großen Hauptsituationen entworfene Ganze waren, und dies für die Odyssee zu beweisen unternommen, freilich ebenfalls nicht ohne zahlreiche und zum Teil umfangreiche Zusätze und Einschaltungen, Umstellungen und Lücken anzunehmen. Übersichten über diese in zahllosen Einzelschriften zerstreuten Forschungen geben: Friedländer, Die Homerische Kritik von Wolf bis Groter (Berl. 1852); G. Curtius, cÜber den gegenwärtigen Stand der Homerischen Fragey (Wien 1854); Bonitz, elüber den Ursprung der Homerischen Gedichter (4. Aufl., Wien 1874); Düntzer, Homerische Abhandlungeno (Epz. 1872); derselbe, Die Homerischen Frageno (Lpz. 1874). Auch die kritische Feststellung des Textes der Homerischen Gedichte ist durch F. A. Wolf wesentlich gefördert worden, indem derselbe die hauptsächlich aus den Scholien zu ermittelnde Textesrecension des Aristarchos als Norm dafür auf estellt hat. Nach dieser Norm ist auch die kritische Ausgabe der Ilias und Odyssee von La Roche leine 1867 — 76) gearbeitet, während Bekker in seiner letzten Ausgabe (2 Bde., Bonn 1858) und Nauck in seinen Ausgaben der Ilias und der Odyssee (Berl. 1877 u. 1874) den Versuch machten, darüber hinauszugehen; eine neue Ausgabe der Ilias, welche den Anforderungen der Textkritik und der höhern Kritik genügen soll, hat Christ unternommen (Bd. 1, Opz. 1884); unter den Textausgaben 8 die von W. Dindorf (mit den inhaltsreichen Abhandlungen von Sengebusch, 4. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1855—56), unter den Schulausgaben sind die von Faesi (4 Bde., Ilias, 6. Aufl., besorgt von Franke, Berl. 1879fg.; Odyssee, 7. Aufl., besorgt von Kayser, Berl. 1878 fg.) und Ameis und Henze (Ilias, 3. Aufl., Lpz. 1877 fg., Odyssee, 7. Aufl., 1879 fg.) hervorzuheben. Fij/ür die Kenntnis des Homerischen Sprachgebrauchs sind besonders wichtig: Nitzschs «Erklärende Anmerkungen zu H.s Odysseer (3 Bde., Hannov. 1826 — 40), Nägelbachs Anmerkungen zur Iliaso (3. Aufl., bearbeitet von Autenrieth, Nürnb. 1864), Döderleins «Homerisches Glossariumo (3 Bde., Erlangen 1850 —- 58) und Bekkers «Homerische Blätter» (Bonn 1863); zur sachlichen Erläuterung: Friedreichs «Die Realien in der Iliade und Odysseer (2. Aufl., Erlangen 1856), Buchholz' „Die Homerischen Realieno (Bd. 1, Abteil. 1 u. 2, Lpz. 1871—73; Bd. 2, Abteil. 1 u. 2, 1881 u. 1883) und Nägelsbachs «Die Homerische Theologie (2. Aufl., herausg. von Autenrieth, Nürnb. 1861). Ein ausführliches Wörterbuch zu Homer (Lexicon Homericum) gibt Ebeling heraus. Von den Homerischen Hymnen hat zuletzt Baumeister eine Ausgabe mit kritisch-exegetischem Kommentar (Lpz. 1860) geliefert; eine kritische Ausgabe der Batrachomyomachie lieferte derselbe (Gött. 1852) und Draheim (Berl. 1874); eine Textausgabe der Hymnen, Epigramme und Batrachomyomachie ebenfalls Baumeister (Lpz. 1858). Unter den deutschen übersetzungen sind die gelungensten die von Voß (4 Bde., Altona 1793; zuletzt Stuttg. 1883), von Wiedasch (Stuttg. 1830 fg.), von Donner (4 Bde., Stuttg. 1855—59; 3. Aufl. 1874 fg.), von Jordan (Odyssee, Frankf. a. M. 1875, Ilias 1881), in Prosa von Minckwitz (2 Bde., Lpz. 1854—56) und von Zauper (3. Aufl., 4 Bde., Prag 1852—55). Die kleinern dem H. beigelegten Gedichte, Hymnen u. s. w. mit Resten der sog. eyklischen Epen sind neuerdings von Thudichum (Stuttg. 1870) übersetzt worden. [heimmittel.