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NaturlehreBrockhaus 1882

Infusorien, Infusions-oder Aufgußtierchen, hat man eine Klasse der Protozoen oder Urtiere (s. d.) genannt, welche alle so klein sind, daß sie nur mit dem Mikroskop erkannt und untersucht werden können. Mit den übrigen Protozoen haben sie die Bildung des ganzen Körpers aus einer einfachen, halbweichen, kontraktilen Substanz gemein, welche sich nach außen zu einer zuweilen festen Hautschicht verdichtet und mancherlei Anhänge trägt, nach innen dagegen 0 flüssig wird und den ganzen Körper erfüllt, ohne eine eigentliche Leibes- oder Darmhöhle zu bilden. Bei den J. ist die Hautschicht meist dünn, bei wenigen so zart, daß der Körper die verschiedensten Formen annehmen kann, oder zu einem starren, glasartigen Panzer verdickt (Eeridinium); bei den meisten ist sie kontraktil, aber fest genug, um dem Tierchen eine beständige, aber stets unsymmetrische Form zu erhalten. Die Bewegungswerkzeuge sind entweder peitschenförmige Geißeln (Monaden) oder kontraktile, formbeständige, meist mit Knöpfchen versehene Saugröhren (acineig), oder endlich bei der großen Mehrzahl schwingende, bald den ganzen Körper überziehende, bald auf einzelne Zonen beschränkte Wimpern, die willkürlich bewegt werden können und sowohl zum Schwimmen als auch zum Herbeiwirbeln der Nahrung dienen. Bei einzelnen Gattungen werden diese Wimpern an einzelnen Körperstellen so dick, daß sie Haken und Borsten bilden, durch deren Schnellung sich die Tiere springend bewegen können. Zu den Bewegungswerkzeugen gehört auch bei den sog. Glockentierchen (Vorticella) der elastische, mit einem Muskel versehene Stiel, der sich plötzlich schnellend in eine Spirale zurückziehen und wieder ausdehnen kann. Die meisten J. bewegen sich frei kriechend oder schwimmend im Wasser; einige sind mit einem Stiel oder durch eine Hülse angeheftet. Viele leben in gemeinsamen Stöcken, die meisten aber als Einzelindividuen. Die Ernährung geschieht in verschiedener Weise. Die einen leben durch Endosmose in Flüssigkeiten, welche aufgelöste organische Stoffe enthalten (Opalina); andere saugen ihre Beute mittels Saugröhren aus (Acineta); die meisten haben einen Mund, der durch einen zuweilen mit reusenartigen Gebilden umgebenen kurzen Schlund die Nahrung in den innern Körperraum schickt, wo sich blasenförmige Hohlräume darum bilden, die man früher für Magenblasen angesehen hat. Die unverdauten Stoffe gehen durch einen After ab. Der Umtrieb der Säfte wird durch an bestimmten Körperstellen ausgehöhlte, kontraktile Blasen, deren sich eine oder mehrere in einem Individuum vorfinden, bewerkstelligt, welche sich allmählich mit wasserheller Flüssigkeit anfüllen, die bei der Zusammenziehung durch sternförmige Kanäle in die Körpersubstanz hinausgepreßt wird. Bei einigen Gattungen hat man deutlich offnungen dieser Blasen nach außen beobachtet. Die Fortpflanzung geschieht bei den J. auf mehrfache Weise: 1) durch Teilung, indem ein Individuum sich allmählich in zwei spaltet; 2) durch Knospung, indem an der Basis oder dem Stiel festsitzender Arten neue Individuen hervorsprossen. Hierdurch werden die bald baumartig verästelten (Epistylis), bald klumpig zusammengehäuften (Ophrydium) Stöcke der gesellig lebenden J. erzeugt. Endlich 3) auf eigentümlichem Wege, wobei die Konjugation oder Verschmelzung zweier Individuen und der Kern (Nucleus), den alle J. besitzen, eine wesentliche Rolle spielen und letzterer in eine große Menge von Keimkörnern zerfällt. Was man früher für Embryonen gewisser J., wie Stentor, ansah, ist jetzt als eingedrungene Schmarotzerinfusorien erkannt worden. Nervensystem, Sinnesorgane u. s. w. sind bei den J. unbekannt. Alle J. sind Wassertiere; sie nähren sich teils von kleinern mikroskopischen Tierchen und Pflanzen, teils von modernden Substanzen und finden sich überall, wo nur Wasser vorkommt, weit seltener aber im Meere als in süßen Gewässern. Ihr Erscheinen in Aufgüssen vegetabilischer und tierischer Substanzen hat zuerst ihren Namen veranlaßt. Die meisten Arten haben die Fähigkeit, beim Austrocknen der Rapsehr keit oder bei Mangel an Nahrung sich einzukapseln und, in der Kapsel eingeschlossen, in einer Art Scheintod zu verharren, bis Zutritt von Flüssigkeit sie wieder zum Leben erweckt. In diesem eingetrockneten Zustand können sie durch Luftströmungen und Winde weithin verführt werden und so plötzlich an Orten und in Flüssigkeiten auftreten, wo man sie nicht vermuten sollte. Ihr massenhaftes, scheinbar plötzliches Auftreten in Flüssigkeiten wird besonders durch die schnelle Vermehrung mittels Selbstteilung bedingt und hat durch Hervorbringung grüner und roter Färbungen zuweilen zu abergläubischen Auffassungen Veranlassung gegeben. Ob sich J. durch Urzeugung entwickeln können, ist eine jetzt noch lebhaft bestrittene Frage. Ihre Rolle im Haushalt der Natur beruht wesentlich auf der Organisierung und Belebung modernder Stoffe durch Aneignung. Da die meisten gallertartig sind und ihre Körpersubstanz bald nach dem Tode zerfließt, so haben sich nur chr wenige, mit starren Panzern versehene Arten (Peridinium) in den Ablagerungen der Schichten erhalten. Die Schichtbildung, welche man bisher den J. zuschrieb, gehört entweder andern Protozoen, wie namentlich den sog. Wurzelfüßern oder Rhizopoden, oder den mikroskopischen Kieselpflanzen (Bacillarien) an, die man früher mit Unrecht den J. zuteilte. Man teilt die J. jetzt wesentlich nach den Bewegungswerkzeugen in Sauger (Kcineta), Wimperträger und Geißelträger. Werke über die J. haben Ehrenberg, Dujardin, Stein, Claparede und Lachmann, außerdem Balbiani, Engelmann, Bütschli u. a. wesentliche Beiträge geliefert.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 596Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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