FeedIngelheim
ErdkundeBrockhaus 1882

Ingelheim, zwei unweit des Rheins nahe beieinander, an der Linie Mainz-Bingen der Hessischen Ludwigsbahn liegende Marktflecken im Kreise Bingen der hess. Provinz Rheinhessen, bedeutend durch ihren trefflichen Rotwein und ihre histor. Denkmäler und Erinnerungen. Oberingelheim an der Selz mit (1880) 3093 meist prot. C., Sitz eines Amtsgerichts, ist ein ehemaliges Reichsdorf, wird schon 760 als Zubehör der kaiserl. Pfalz in Niederingelheim erwähnt. Es hatte mit diesem zusammen ein Ritter⸗ und Amtsgericht und kaiserlich bestätigte Privilegien. Die uralte, jetzt evang. Kirche hat viele Grabmäler und Glasmalereien, welche Scenen aus Karls d. Gr. Leben darstellen. Die alte Stadtbefestigung ist zum Teil noch vorhanden. Niederingelheim (1880) mit 2693 meist prot. E. ist besonders berühmt durch den Palast Karls d. Gr., der, zwischen 768 und 774 auf der Stelle einer ältern kaiserl. Billa gebaut, auf 100 zum Teil aus Ravenna, zum Teil vom Felsberg im Odenwald stammenden Marmor- und Granitsäulen ruhte. Hier hielt Karl d. Gr. 774 einen Reichstag, und auch unter seinen Nachfolgern, die oft hier residierten, wurden hier mehrere Kirchen- und Reichsversammlungen gehalten. Kaiser Friedrich I. ließ 1154 den Palast ausbessern; Karl IV. überließ ihn 1356 an Kurpfalz. Namentlich in der sog. Bayrischen Fehde 1504, dann im Dreißigährigen Krieg und zuletzt bei dem Einfall der Franzosen 1689 ist die alte Kaiserpfalz gänzlich verwüstet worden. Der Platz, auf dem der Palast stand, kam 1875 in den Besitz eines Barons de Bary, welcher auf demselben ein neues, großartiges Schloß zu bauen anfing. Nach dem Tode de Barys wurden jedoch die Arheiten eingestellt. Einige Syenitsäulen, aus dem Palast stammend, finden sich an verschiedenen Orten in den Rheinlanden, so z. B. im Schloß zu Heidelberg, am Brunnen auf dem Schiller-Platz in Mainz, und anderwärts zerstreut; nur eine befindet sich noch in J. in einer Mauer des Schloßgartens. Vgl. Hilß, »Der Reichspalast zu J.» (Oberingelh. 1868). An J. knüpft sich auch die Sage von Eginhard und Emma. übrigens führen von diesen Orten die 1737 in den Reichsgrafenstand erhobenen und noch jetzt im Rheingau stark begüterten Grafen von J. mit dem Beinamen Echter von und zu Mespelbrunn den Namen. Sie stammen aus einem schon 948 urkundlich erwähnten Reichsministerialengeschlecht, welches ursprünglich als Burgmannen in die kaiserl. Pfalz eingesetzt war.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 597Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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