FeedInkunabeln
Bildende KunstBrockhaus 1882

Inkunabeln, auch Paläotypen oder Alte Drucke, ist die in Deutschland üblichste Benennung der bis zum Jahre 1500 gedruckten Bücher. Der Name J. stammt von dem lat. Worte incunabula, d. h. eigentlich Windeln oder Wickelbänder, tropisch: Geburtsort, Ursprung, weshalb derselbe auch häusig mit Wiegendrucke übersetzt wird. Hains Ka-Am zählt 16299 solcher Werke auf, und da die Auflage derselben gewöhnlich 300 war, so mögen von 1450 bis 1500 an 5 Mill. Bücher gedruckt worden sein; von manchen derselben sind nur wenig Exemplare erhalten geblieben, manche sind gar nicht mehr auffindbar, fast alle aber und selbst die weniger seltenen haben teils ein kunstgeschichtliches, teils ein wissenschaftliches Interesse, letzteres be— sonders die ersten Ausgaben, die sog. editiones principes der ältern Klassiker. Zu den J. im strengsten Sinne des Worts gehören: die Holz— tafeldrucke, die ersten mainzer Typendrucke, die Donata, die Ablaßbriefe von 1454 und 1455, die 36zeilige Bibel, die 42zeilige Bibel (Faksimilie s. Tafel: Buchdruckerkunst 1), das Speculum humanae salvationiso, von welchem eine Ausgabe zur Hälfte reiner Holztafeldruck ist, während in der andern Hälfte der die Bilder begleitende Text Typendruck ist, der Psalter von 1457 u. s. w. Die ältesten J. unterscheiden sich dadurch von den gegenwärtigen Büchern, daß sie keine Titel haben. Die Bibeln beginnen mit den Worten: Uneipit epistola sanéeti iheronimi ad paulinum ete. v Der erste Buchstabe dieser Vorrede ist meist prächtig verziert und heißt Initial, ebenso die Anfangsbuchstaben der einzelnen Bücher, welche aber weniger prächtig ausgeschmückt sind als der erste Initialbuchstabe. In ähnlicher Weise beginnen die deutschen Bücher, z. B.: Je hebet sich an das Buch der haymlichen offenbarung sancti Johannis.v Am Ende des Wortes pflegten die Drucker in einem Schlußworte (Kolophon) anzugeben, zu welcher Zeit, wo und von wem das Buch gedruckt wurde. und diese Angaben bilden die Akten der ältesten Buchdruckergeschichte. Aber diese Schlußschriften kamen anfangs nur ausnahmsweise vor, sie fehlen nicht nur in den ersten mainzer Drucken, sondern auch in den ersten straßburger Drucken Mentels und Eggesteins, sowie in andern J., sodaß nur eine sorgfältige Vergleichung des Typencharakters ermöglicht, den Drucker solcher anonymen Werke festzustellen. Einige der charakteristischsten Typenformen sind in dem Artikel „Buchdruckerkunsto abgebildet. Eine Sammlung der deutschen Inkunabelntypen, wie sie für die Niederlande in Holtrops (Monuments typographiques des Pays-Baso (Haag 1868) vorliegt, ist noch nicht vorhanden. Eine weitere Eigentümlichkeit der ältesten J. besteht darin, daß die Drucker, wie die Kopisten der damaligen Zeit, nur den Text lieferten; die Initialen wurden vom Rubrikator eingezeichnet, der bei den Handschriften zugleich die Revision besorgte, die Satzanfänge mit roten Strichen hervorhob und die Blätter mit fortlaufenden Ziffern versah. Nach und nach emancipierten sich die Drucker von diesem. Bereits in der 42zeiligen Bibel ist die erste Rubrik eingedruckt, ebenso druckte Schöffer in seinem Psalter die Initiale ein, jedoch nicht mittelst der Presse, sondern mit der Hand; der «„Sermo ad populum praedicabilisb (Köln, ther Hoernen 1470) ist das erste Buch mit gedruckten Blattzahlen, J. Nideri praeceptorium divinae legiso (Köln, Koelhof 1472) das erste Buch mit Signaturen. Der 1465 von Sweynheim und Pannartz zu Subiaco gedruckte (Lactantiuso hat die erste eingedruckte Randleiste, die jedenfalls zum Ausmalen für den Rubrikator bestimmt war. Später wurden die Initialen und Randleisten so künstlich geschnitten, daß auf ihre Ausmalung gar nicht mehr reflektiert wurde. Die erste Bibel, welche einen Titel trägt, ist von 1486, dieser Titel war aber nur, was man jetzt einen Schmutztitel nennt, eine einzelne Zeile: (Textus Biblied, um die erste Seite des Buchs vor Staub zu schützen. Später wurden diese Titel länger, 1489 lautet er bereits: Im J. 1492 hat ein Titel einer venediger Bibel das Bild des Apostels Petrus; 1494 druckte Simon Bivilaqua zu Venedig eine Bibel mit dem Titel: und seiner Insignie. Titel in unserm Sinne, mit Angabe des Hauptinhalts, des Verfassers, Herausebers, Buchhändlers und Druckers, sowie der Jahreszahl wurden erst durch die Preßgesetze des folgenden Jahrhunderts hervorgerufen. Manche J. sind den Handschriften so genau nachgemacht, daß sogar die Linien, welche zur Erhaltung der geraden Schriftzeile gezogen wurden, nachträglich in die Druckzeilen eingezeichnet wurden, und zwar kommt dies nicht nur in der frühesten Zeit vor, sondern noch in dem 1494 gedruckten Lancelot v. In Beziehung auf die Korrektheit sind die J. sehr überschätzt worden. Allerdings sind sie als erste Abdrucke der Handschriften korrekter als spätere Nachdrucke, aber die Handschriften hatten selbst schon durch unzuverlässige Abschreiber an Korrektheit eingebüßt, und die ersten Schriftsetzer waren dieselben Kopisten, welche früher an den Handschriften gesündigt hatten. Ratdolt fügte 1477 einem Werke ein Druckfehlerverzeichnis bei, welches ei Folioseiten umfaßte. Einem Unfall beim rucken von Johann Niders Leprae moralesv (Köln 1476) verdankt man eine (nachstehend reproduzierte) Abbildung der Ausn der ältesten Lettern. Es war nämlich beim Auftragen der Farbe ein Buchstabe mn Rreits und auf die Schrift gefallen, wo seine Breitseite sich abdruckte; dieser Buchstabe hat ein Loch und bestätigt die alte Überlieferung, wonach die Buchstaben mit Löchern versehen waren, um, äbnlich wie die Perlen, an Fäden gereiht zu werden, damit sie nicht beim Auftragen der Farbe herausgezogen werden mußten, wie jener, bei dem wahrscheinlich der Faden gerissen war. in sequentibor fed bũtaxat autentic pagma œrba fideliter curabo ↄned potissimũ: nisi qñ alium doctoem n pꝰculis vurha statimsequunt vert me · qr ipsa omnes vᷣidetux coĩtex m Wegen ihrer Seltenheit sind die J. Gegenstand des Sammeleifers der Bücherliebhaber geworden. Außer den ältesten werden geschätzt einzelne Kollektionen oder Suiten, z. B. die von Alopa zu Florenz 1494 — 96 mit Kapitälchen gedruckten sechs griech. Werke (Anthologie, Apollonius Rhodius, Euripides, Kallimachus, die Gnomiker und Musäus), die mailänder griech. Drucke mit einer merkwürdigen runden Schrift, die Drucke von Sweynheim und Pannartz, die Aldinen u. s. w. Proben von Inkunabelndrucken enthalten: Fischer, (Typograph. Seltenheiten»(Mainz 1800); Humphrey, && history of the art of printingo (Lond. 1868); derselbe, Master pieces v (Lond. 1870); Sotheby, „Principia Typographicap (Lond. 1853); Holtrop, Monumenis typographiques o (Haag 1868); Madden, Lettres d'un bibliographen (Par. 187⁵); Dibdin, Bibliotheca Spenceriana (Lond. 1814 —15); Falkenstein, (Geschichte der Buchdruckerkunstv (2. Aufl., Lpz. 1856); Weigel und Zestermann, Die Anfänge der Druckerkunst in Bild und Schriftv (Lpz. 1866); Butsch, „Die Bücherornamentik der Renaissances (Lpz. 1878); Faulmann, „Illustrierte Geschichte der Buchdruckerkunsto (Wien 1882). Bezüglich der Hilfsmittel zur Inkunabelnkunde enthalten Panzers «Annales typographicio, verbunden mit dessen Annalen der ältern deutschen Litteraturo, die vollständigste Nomenklatur bis 1536. Weit unvollständiger, aber mit etwas mehr Detail ausgestattet und etwas weiter fortgeführt sind Maittaires Annales typographicio. Ein brauchbares Werk über die interessantesten J. ist Serna Santanders Dictionnaire bibliographique choisi du 15² siècles (3 Bde., Brüss. 1805—7), welches, zumal von spanischen und niederländischen 96 vieles enthält, was bei Panzer fehlt. Das auptwerk aber ist Hains „Repertorium biblioraphicumo (2 Bde. in 4 Tln., Stuttg. 1826—38). on französischen J. handelt G. Brunet in La France littéraireau XV᷑siècler (Par. 1865), einem an litterarhistor. Material sehr reichhaltigen, aber in Bezug auf Titelangaben weniger genauen Werke. Julss, 5s (ital.), unheilbar. nlet, das Leinen⸗ oder Baumwollzeug, welches zur Aufnahme der Bettfedern dient; im Englischen bedeutet Inlet eine kleine Bucht oder Bai.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 606Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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