FeedJena
ErdkundeBrockhaus 1882

Jena, Stadt im Verwaltungsbezirk Apolda des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, am linken Ufer der Saale beim Einfluß der Kleinen Leutra, Station der Saalbahn und der Weimar-Geraer Bahn. Von den Befestigungen der Stadt stehen noch die vier Ecktürme und ein alter Thorweg; der Graben ist in einen parkartigen Spaziergang umgewandelt, mit den Denkmälern von Oken, Fries, Döbereiner und Friedrich Gottlob Schulze. Auf dem Marktplatze steht das authürtenm Rathaus und die eherne Statue des Kurfürsten ohann Friedrich des Großmütigen, von Drake; auf dem Eichplatze das 1883 enthüllte Denkmal der Deutschen Burschenschaft, von Donndorf. J. hat drei evang. Kirchen (darunter die schön restaurierte Stadtkirche zu St. Michaelis mit 97 em hohem Turm), eine evang. Kapelle, eine kath. Kirche, seit 1976 ein Gymnasium (Carolo-Alerandrinum), zwei Privatrealschulen, eine höhere Töchterschule mit Seminar, zwei Bürgerschulen, die zweite mit dem pädagog. Seminar der Universität verbunden. J. zählt (1880) 10337 meist prot. E., es ist Sitz des Oberlandesgerichts für die thüring. Staaten mit Ausnahme von Schwarzburg-Sondershausen jedoch mit Einschluß der preuß. Kreise Ziegenrück, Schmalkalden und Schleusingen, und eines Amtsgerichts. Der Monumentalbau des Oberlandesgerichts beherrscht mit der neuen Landesirrenanstalt und der Erziehungsanstalt von Dr. H. Stoy die westl. Vorstadt. J. hat Fabrikation geräucherter Fleischwaren, eine große optische Anstalt und mehrere wissenschaftliche Gesellschaften Medizinis ch⸗-Naturwissenschaftliche Gesellschaft, Verein für thüring. Geschichte und Altertumskunde, Geographische Gesellschaft fr Thüringen). Zu einem eigentümlichen Schmuck gereichen der Stadt die an ihren Häusern bei Gelegenheit des 1858 gefeierten 300jährigen Jubiläums der Universität angebrachten Gedenkdafeln verstorbener berühmter Männer. — J. besaß schon 1029 städtische Rechte, war 1672—90 Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Jena, kam hierauf an Sachsen-Eisenach und mit diesem 1741 an Weimar. Ihren Ruf verdankt die Stadt der Universität und der Schlacht von 1806. Bgl. „Schreiber und Färber, «J. von seinem Ursprung bis zur neuesten Zeite (Jena 1850): Günther, J. und die Umgegende (Jena 1857); Ortloff, J. und Umgegendo (3. Aufl., Jena 1876). Den Plan, eine Universität in J. zu stiften, faßte Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige von Sachsen, als er 1547 als Gefangener Karls V. durch J. geführt wurde und hier eine Zusammenkunft mit seinen drei Söhnen hatte. Die Anstalt sollte statt der ihm euttisfenen Universität Wittenberg die Pflegerin der Wissenschaften und Erhalterin der reinen evang. Lehre werden. Drei Klöster mit ihren Gütern wurden sogleich zur Begründung derselben angewiesen. Nachdem die lange vergeblich erbetene kaiserl. Bestätigung erwirkt war, wurde die Universität 2. Febr. 1558 feierlich eröffnet. Sie ist gegenwärtig die gemeinsame Universität der Mer h. sächs. Länder, von denen sie auch nach einer be— stimmt festgesetzten Repartition die nötigen Geldzuschüsse erhält. Die Blüteperiode der Universität ällt in die Regierungszeit Herzog Karl Augusts zu Ende des 18. Jahrh. unter Goethes Leitung. Durch die Schriften und Vorlesungen jenaischer Professoren, wie Erhard Schmid und Reinhold, ward die Kantsche Philosophie zuerst allgemein anerkannt und verbreitet. Fichte, Schelling und Hegel lehrten eine Zeit lang in J. Dieser philos. Glanzperiode gehörten noch viele Männer von großem wissenschaftlichen Ruf und weitreichender Wirksamkeit an, wie die Gebrüder Schlegel, Voß, Fries, Krause u. s. w., in späterer Zeit Oken. Ein eigentümliches und vorzügliches Verdienst erwarb sich die Universität J. dadurch, daß sie fast ununterbrochen die neuen Prinzipien, welche sich von Zeit zu Zeit im Gebiete der Wissenschaften geltend machten, mit bereitwilliger Empfänglichkeit aufnahm und mit eigenem Eifer förderte und pflegte. Als die Verbreiterin der Kantschen Philosophie ging auch die erste Litteraturzeitung für Deutschland, von Schütz 1785 gegründet, von J. aus und trug, wie die seit 1804, nach libersiedelung der Schützschen nach Halle, von Eichstädt besorgte Jenaische allgemeine Litteratur— zeitunge und die 1842—48 unter dem Titel Neue Jenaische Litteraturzeitunge‘ herausgegebene, viel zur Verbreitung neuer geläuterter Ansichten und gründlicher Wissenschaftlichkeit bei. Die in J. zuerst angeregte Feier des Wartburgfestes und die Stiftung der Burschenschaft daselbst, sowie der Umstand, daß Sand (s. d.) zuletzt sich in J. aufhielt, brachten der Universität mannigfache Nachteile, namentlich 1819 das Verbot des Besuchs derselben von seiten preuß. Unterthanen, das erst 1825 wieder aufgehoben wurde. Es lehrten (Sommer 1884) an ihr 35 ord., 8 ord. Honorar-⸗ und 19 außerord. Professoren, sowie 12 Privatdocenten; Vorlesungen hält ferner ein Gymnasialprofessor. Immatrikuliert waren 611 Studenten, zum Besuch der Vorlesungen berechtigt im ganzen 636. Zur Universität gehört ein landwirtschaftliches Institut, eine Bibliothek von 200000 Bänden, ein Münzliabinett, ein archäol., zoolog., anatom., german. und ethnogr. Museum, ein physiol. Institut, ein chem. Laboratorium, ein botan. Garten und eine Sternwarte. Im J. 1884 wurden die beiden neuerbauten Institute, das physikalische und zoologische, eingeweiht. Vgl. Eichstädt, KAnnales academiae Jenensiso (Bd. 1, Jena 1823); Biedermann, Die Universität J.o (Jena 1858); Schwarz, Das erste Jahrzehnt der Universität J.5 (Jena 1858); Keil, (Geschichte des jenaischen Studentenlebensd (Lpz. 1858). Der Ort ist auch geschichtlich denkwürdig durch die verhängnisvolle Schlacht bei Jeng 14. Okt. 1806. Der Oberfeldherr des preuß.⸗sächs. Heers, „Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, welcher den linken Flügel seiner nördlich des Thüringerwaldes genommenen Aufstellung von Napoleon auf dem rechten Ufer der Saale umgangen sah, entschloß sich, die Saale zu überschreiten. Das Korps des Fürsten Hohenlohe, 40000 Mann (Preußen und Sachsen), sollte bei I. diesen Flankenmarsch decken, erhielt aber strengen Befehl, kein Gefecht zu veranlassen. General Rüchel, der mit 27000 Mann bei Eisenach gestanden, rückte in die von der Hauptarmeeverlassene Stellung bei Weimar. Den 13. Okt. setzte sich der Oberfeldherr in Bewegung, stieß aber 14. Okt. bei Auerstädt (s. d.) auf Davoust und wurde geschlagen. Napoleon hatte am 13. das 4. Korps (Soult), die Reservekavallerie und die Garden auf marschieren lassen. J. wurde von den preuß. Vortruppen unter Tauentzien geräumt, und die Franzosen fanden den Landgrafenberg, die wichtigste, alle Wege beherrschende Höhe, unbesetzt. Sogleich wurden alle auf die Hochfläche führenden Schluchten für das Geschütz brauchbar gemacht, das 5. Korps (Lannes) rückte in der Dunkelheit hinauf. den Landgrafenberg besetzten die Garden, in deren Mitte der Kaiser biwakierte. Die übrigen Korps waren im Anmarsch. Am 14. morgens 6 Uhr gab Napoleon den Befehl zum Angriff, den ein dichter Nebel begünstigte. Tauentzien hielt sich in Kloswitz und Lützeroda bis 8½ Uhr, dann erhielt er vom Fürsten Hohenlohe, der noch immer an keine Schlacht glaubte, den Befehl, in die Stellung bei Klein-Romerstädt zurückzugehen, wo dessen Hauptmacht aufmarschierte. Die Franzosen hatten dadurch Raum zur weitern Entfaltung gewonnen. Das 7. Korps (Augereau) kam aus dem Mühlthale herauf, auch das 4. (Soult) rückte allmählich in die Linie ein. Bei Vierzehnheiligen entspann sich ein ernster Kampf, der anfangs für die Preußen günstig verlief. Indessen gewann Napoleon Zeit, seine ganze Macht(ungefähr 100000 Mann) zu entwickeln, und ordnete den allgemeinen Angriff an. Eine Division, aus dem Isserstädter Forst vorbrechend, trennte die Verbindung der Sachsen, welche die Schnecke besetzt hatten, mit den Preußen; gegen den linken Flügel ging Soult mit zwei großen Angriffsmassen vor, Lannes und Ney gegen Vierzehnheiligen. Hohenlohe konnte sich noch immer nicht zum Rückzuge entschließen, da brach endlich die Standhaftigkeit der erschöpften Truppen. Sie fingen an zu weichen, und da sie sich von beiden Seiten umfaßt sahen und immer frische franz. Bataillone einrückten, so löste sich der Rückzug in Flucht auf. Gegen 2 Uhr nachmittags traf General Rüchel mit seinem Korps ein und griff sofort an, um die Schlacht wiederherzustellen; doch nach kurzem Gefecht wurde auch er geschlagen und sein Korps in die allgemeine Auflösung verwickelt. Die Trümmer des preuß.⸗ sächs. Heeres gingen größtenteils nach Erfurt zurück; doch nur einzelne Abteilungen, so namentlich das sächs. Grenadierbataillon Winckel, führten ihren Rückzug in guter Ordnung aus. So war an einem und demselben Tage das verbündete Heer in zwei Schlachten geschlagen, und es folgten nun die schmachvollen Kapitulationen der meisten Festungen; das Hohenlohesche Korps streckte bei Prenzlau die Waffen. Die Schlachten bei J. und Auerstädt waren entscheidend für den ganzen Krieg. Val. Klopfleisch, «Die Schlacht bei J.„ (Jena 1862); Müffling, Darstellung der Schlacht bei J. und des Treffens bei Auerstädto (Weim. 1807); Höpfner, „Der Krieg von 1806 und 18075 (4 Bde., Berl. 1849; 2. Aufl. 1855).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 831Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 3

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Erdkunde 6