FeedJucken
HeilkundeBrockhaus 1882

Jucken (pruritus) heißt eine eigentümliche schmerzhafte Empfindung (Hyperästhesie) der äußern Haut oder gewisser Stellen der Schleimhäute (After, Scheide u. s. w.), welche zum Kratzen und Reiben Anlaß wird. Die Empfindung selbst ist verschiedener Art: brennend, stechend, nagend, kriebelnd u. s. w. Ein geringerer Grad dieses Hautschmerzes ist der Kitzel. Das J. begleitet viele Hautausschläge und ist hier am bedeutendsten beim Nesselausschlag; der sog. Juckausschlag (Juckblattern, Prurigo), bei welchem sich flache stecknadelkopf-bis hanfkorngroße heftig juckende Knötchen auf der Haut bilden, hat von dieser Erscheinung den Namen. Dieser echte Juckausschlag findet sich besonders häufig bei der armen und dürftig ernährten Bevölkerung, beginnt fast ausnahmslos schon in der frühesten Jugend und bleibt nicht selten durch das ganze Leben bestehen; Lieblingsstellen der Juckblattern sind die Streckseiten der untern, in geringerm Grade der obern Extremitäten, die hintere Fläche des Rumpfes, die Brust und der Unterleib, wohingegen die Beugeflächen der Extremitäten immer von ihnen verschont bleiben. Auch die Umgegend von Geschwüren juckt oft. Nicht selten tritt auch das J. auf nach der Heilung von Hautausschlägen (Gürtelrose, nässende Flechte, Pocken u. s. w.), bei der Ablösung von Hautschorfen, in frischen und alten Narben. Die häufigste Ursache des J. sind aber Schmarotzer (Krätzmilben, Läuse, Madenwürmer im Mastdarme, in der Scheide), die oft übersehen werden, und Schmutz. Auch die Einwirkung reizender Substanzen auf die Haut bedingt oft J., so z. B. gar nicht selten das Auflegen von Heftpflaster. Zu den innern Ursachen des J. gehören Alkoholmißbrauch, der Genuß reizender und scharfer Nahrungsmittel und Gewürze. Manche Menschen be—⸗ kommen auch nach dem Genusse anscheinend ganz unschuldiger Dinge (Krebse, Erdbeeren, Käse) meist mit Nesselausschlag verbundenes Hautjucken. Ebenso stellt sich J. oft bei solchen ein, welche viel Tabak rauchen; nicht selten auch bei Gelbsüchtigen. Endlich kann das J. auch bedingt sein von Nervenerkrankungen, die entweder ihren Sitz haben an dem peripherischen oder an dem centralen Ende der Nerven. Das J. und Kitzeln in den Schleimhäuten Nase, Kehlkopf) hängt oft ab von dem entzündungs-t ähnlichen Katarrh derselben. Am häufigsten kommt das J. vor an den Ge-t schlechtsteilen, an der Aftermündung (s. unter After, Bd. I, S. 1995), an der innern Schenkelfläche, den Waden, den Brusten. Es setzt aus oder hält e ununterbrochen an, wird beim Schwitzen, in der Wärme (im Bett), im Frühjahr, im Winter, auf l Diätfehler stärker oder zeigt sich dann uberhaupt erst. Das J. besteht in verschiedenem Grade, vom leichtesten Kitzel bis zum furchtbarsten Schmerz. Kratzen bis aufs Blut schafft oft Erleichterung; mitunter steigert sich der Schmerz bis zur Besinnungslosigkeit. In so schweren Fällen stellt sich nicht selten Gereiztheit, Schwermut ein, der Schlaf, die Ernährung leiden, es tritt zuletzt wirkliches Fieber ein, und solche Kranke werden leicht wahnsinnig oder enden die Qual durch Selbstmord. Die Behandlung muß sich auf die Hebung der Ursache rich— ten: Töten und Entfernen der Schmarotzer, Reinlichkeit, Vermeidung schädlicher Genüsse; bei peripherischem Nervenschmerz Durchschneidung der Nerven. Wo dem Grunde des übels nicht beizukommen ist, sucht man den Schmerz zu lindern durch schmerzstillende Mittel, Chloroform, Narkotika, Blasenpflaster, Cis, Essigwaschungen u.dgl. Gegen den chronischen Juckausschlag erweisen sich tägliche lauwarme Bäder, unter Umständen mit Zusatz von Schwefelleber, Sublimat oder Soda, sowie Einreibungen mit grüner Schmierseife, Leberthran oder Teerpräparaten nützlich.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 900Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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