FeedJuwelierkunst ist die Kunst
Sitten & ModeBrockhaus 1882

Juwelierkunst ist die Kunst, edle Steine zu Geschmeide zu verarbeiten. Als solche ist sie ein Teil der Goldschmiedekunst (s. d.) und in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr selbständig geworden, ohne sich von ihr ganz loszulösen. Im Altertum und im Mittelalter überwog für den Schmuck die Arbeit des Goldschmiedes. Griechen und Römer benutzten die Edelsteine vorzugsweise zur Gravierung von erhabenen oder vertieften Figuren (s. Gemmen), während das Mittelalter zahlreich Gefäße und Geräte damit besetzte, aber in amugeligero, d.i. gerundeter, daher wenig wirksamer Form. Erst in der Renaissance oder kurz vor derselben bildete sich das eigentliche Geschmeide, seitdem man den Edelsteinen den facettierten Schliff zu geben und dadurch ihren Glanz, ihr Farbenspiel zu erhöhen verstanden Punr Damit stiegen auch Wert und Vorliebe für uwelen als solche. Je vollkommener und künstlicher der Schliff wurde, je mehr suchte sich der Juwelenschmuck vom Metall und vom Goldschmied zu emancipieren. Während im 16. Jahrh. der Schmuck überhaupt die farbige Erscheinung anstrebt und dazu neben den Steinen Email und Gold verwendet, geht im 17. Jahrh. das Bestreben dahin, den Schmuck bloß aus Steinen zusammenzustellen und das Metall so wenig wie möglich, nur zur Verbindung und zum Halten der Steine zu verwenden. Während Cellini und seine Zeitgenossen die Steine in eine Metallkapsel eingeschlossen und ihnen darin, das Feuer zu erhöhen, eine Folie gegeben hatten nehmen die Juweliere des 17. und 18. Jahrh. nach Thunlichkeit beides und halten die Steine à jour, sodaß bloß das durchfallende Licht wirkt. Man kam auf diesem Wege auch dahin, die Steine zu häufen und die Zeichnung zu vernachlässigen. Man setzte die krystallförmig geschliffenen Steine in Rosetten, Sterne, Schleifen, Blumen oder sonst beliebige, meist aber ziemlich einfache, oft auch sehr unpassende Formen Wammem Aus dem 16., 17. und 18. Jahrh. gibt es viele Muster dieser Art im Kupferstich. Von Holbein angefangen, haben viele Künstler ihre Phantasie deW gewidmet, z. B. Etienne de Laulne, Theodore de Bry, Hans Collaert, Fr. Lefebure, Gilles L'Eggré, Simon Gribelin, Jean Guien. In der neuern Zeit ist an die Stelle dieser krystallinischen oder mehr geometrischen Zusammenstellungen durch den franz. Geschmack eine mehr naturalistische getreten. Man ahmt Kornähren, Blumendolden, Blumen selbst entweder in der Art nach, daß sich die Diamanten wie Thautropfen auf den zarten Stengeln und Halmen wiegen, oder daß die Blumen rund in aller Fülle der Blätter aus den Steinen zusammengesetzt werden. In letzterm Falle hebt sich die Wirkung durch ihre ungeordnete Fülle häufig gegenseitig auf, während im erstern allerdings oftmals zarte Effekte ze Berg Aus Gold und Türkisen stellt man ganze Vergißmeinnichtsträuße für den Kopfschmuck zusammen und so Ahnliches. Der Effekt ist besser für sich, als wenn dieser Gegenstand auf dem Kopfe sich befindet und das Haupt zieren soll. Schlimmer ist es noch, wenn allerlei Tiere, bunte Käfer, Spinnen, Schmetterlinge u. s. w. in Steinen nachgeahmt werden. Man hat vergessen, daß der Schmuck schmücken soll und daß nicht mit Steinen ein fremder Gegenstand darzustellen ist, sondern daß der Stein zu eigener Wirkung und in der Zusammenstellung mit andern noch zu besserer und vorteilhafterer kommen soll. Die moderne Imitation oder Benutzung antiker Schmuckmotive hat auch auf die J. Einfluß geübt und namentlich jene verschiedenen Anhängsel von Steinen, die bei Diamanten zuweilen dem fallenden Wasser gleichen sollen, hervorgerufen. Vgl. Kluge, «Handbuch der Edelsteinkunder (Lpz. 1860); Kulmer, «Die Kunst des Goldarbeiters, Silberarbeiters und Juweliersy (Weim. 1872).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 946Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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