Amiens, Hauptstadt des franz. Depart. Somme und der ehemaligen Picardie, in fruchtbarer, reich bebauter Ebene an der hier vielfach geteilten Somme, welche die Selleaufnimmt, am Knotenpunkt mehrerer Linien der Nordbahn und am Sommekanal. Die Stadt hat (1876) 61 606 (Gemeinde 66896) E., ist Sitz eines Bischofs, eines Appellhofs und Handelsgerichts und wird, durch eine alte Citadelle verteidigt, + den Festungen dritten Ranges gerechnet. Sie besitzt eine Universitätsakademie, ein Lyceum, ein theol. Seminar, mehrere gelehrte Gesellschaften, ein interessantes Archiv, eine Bibliothek von 15000 Bänden und einen Botanischen Garten. Der Ort, regelmäßig und gut gebaut, hat große, breite und vortrefflich gepflasterte Straßen, nur der untere, enge, der Industrie gewidmete und von Arbeitern bewohnte, von 11 Kanälen durchzogene Teil ist schlecht gebaut. Die alten Wälle sind in schöne Boulevards verwandelt, welche die ganze Stadt umgeben und im Norden am Sommekanal sich hinziehen; außerdem trägt die Promenade La Hautoie mit ihren Lindenalleen und ihrem Bassin von 150m Durchmesser zur Vers Wanrung der Stadt bei. Die 1220 —88 von den Bau meistern Robert de Luzarche, Thomas de Cormont und dessen Sohn Renault erbaute Kathedrale ist das schönste und besterhaltene alte Gebäude Frankreichs, 138 m lang und im Kreuzschiff 61 m breit, mit einem 130 m hohen Hauptturme und zwei unvollendeten Nebentürmen, mit glockenähnlich tönenden Pfeilern, grandiosen Schiffen und Chor, prachtvollen Fensterrosen, schönen Reliefarbeiten, 110 prachtvoll geschnitzten Chorstühlen und Standbildern. Vor der Kathedrale steht das Bronzestandbild Peters von Amiens, des bekannten Kreuzzugspredigers. Die Kirche St.⸗Remy umschließt das Grabmal des Connetable Lannoy und von dessen Gemahlin. Außerdem sind das Rathaus, das sog. Wasserschloß (zur Wasserversorgung der Stadt), das 1864 beendete Museum, eins der größten in Frankreich, mit etwa 200 Gemälden franz. Meister der neuern Zeit, Altertümern der Picardie und einem Garten, und, oter St. der Vorstädte, das ehemalige Augustinerkloster St.-Acheul bemerkenswert. Letzteres war später ein Jesuitencollége, das vor 1830 über 1000 Zöglinge hatte, nach der Julirevolution aufgehoben wurde und jetzt ein Pensionat ist. A. ist eine bedeutende Fabrik⸗ und Handelsstadt, besonders wichtig durch ihre Wollgewebe, dann durch ihre Spinnereien und Färbereien, ihre Fabriken für Baumwollstoffe, Sammt, Piques u.s. w. Unter dem Namen Samarobriva war A. als Hauptstadt der Ambiani in Gallia belgica schon zu Cäsars Zeiten wichtig. Durch die Erbtochter des Grasen aoul von Vermandois kam A. an den Grafen Philipp von Flandern, der es 1185 an den König Philipp August von Frankreich abtrat. Die Grafschaft A. wurde 1435 von König Karl VII. an den Herzog Philipp den Guten von Burgund abgegeben, 1477 aber von König Ludwig XI. wieder mit der Krone Frankreich vereinigt. Am 11. März 1597 ward die Stadt von den Spaniern überrumpelt, aber 26. Sept. von Heinrich IV. nach viermonatlicher Belagerungzurückerobert. Am 27. März 1802 unterzeichneten auf dem Stadthause von A. Joseph Bonaparte, der Marquis von Cornwallis, Azara und Schimmelpennink den Frieden von A., der die Streitigkeiten zwischen England, Frankreich, Spanien und der Batavischen Republik schlichten sollte. 1 . dieses Definitivfriedens, dem ein zu London 1. Okt. 1801 geschlossener Präliminarvertag vorhergegangen, behielt England von seinen Eroberungen die Inseln Ceylon und Trinidad; auch blieben ihm die Häfen des Vorgebirgs der Guten Hoffnung geöffnet. Frankreich erhielt seine Kolonien zurück und gegen Brasilien in Guiana den Araowari zur en alt Malta sollte wieder an den Johanniterorden fallen, Spanien und die Batavische Republik erhielten, bis auf Ceylon und Trinidad, ihre Kolonien wieder. Die Franzosen sollten Rom, Neapel und Elba räumen; das Haus Oranien sollte entschädigt werden. Der Besitzstand der Pforte ward in dem Zustande vor dem Kriege anerkannt, ebenso ihre Oberhoheit über die Republik der Jonischen Inseln und über 0Dem weshalb der Sultan Selim 13. Mai 1802 dem Frieden von A. förmlich beitrat. Allein dieser Friede fand in England bald allgemeine Mißbilligung, die mit den rapiden Gesahr, Bonapartes nur wachsen mußte. Die Gefahr, durch jenen von allem Einfluß auf dem Kontinent und von der Beherrschung des Mittelmeers ganz ausgeschlossen zu werden, brachte in der Nation den Entschluß zu einem neuen Kriege zur Reife. Der Weigerung, auf Agypten und Malta zu verzichten sowie die Emigrantenlitteratur zu unterdrücken, folgte 10. Mai 1803 ein Ultimatum Englands, das Entschädigung für den von Bonaparte vertriebenen König von Sardinien, Einräumung der Insel Lampedusa sowie die Räumung der Batavischen und Helvetischen Republik durch die franz. Truppen verlangte. Als dies die franz. Regierung abschlug, erklärte England 22. Mai 1803 von neuem den Krieg. Die Stadt wurde in neuester Zeit denkwürdig durch die Schlacht, in welcher hier 27. Nov. 1870 ein Teil der Ersten deutschen Armee unter Manteuffel einen entscheidenden Sieg über die etwa 40000 Mann starke franz. Nordarmee erfocht. Letztere, in den Monaten vorher durch Bourbaki zu Lille aus Mobilgarden und Marschregimentern gebildet, hatte die Aufgabe, sich unter dem Oberbefehle des Generals Farre gegen Paris zu wenden, um dort im Verein mit der franz. Loire-Armee die Aufhebung der Belagerung herbeizuführen. Bereits 23. Nov. war die Avantgarde der 3. preuß. Kavalleriedivision bei Le Quesnel auf die Vortruppen der Nordarmee gestoßen und hatte dieselben gegen A. zurückgeworfen. Dasselbe geschah 24. Nov. bei Mezieres mit 6 franz. Bataillonen, welche mit Artillerie von A. aus vorgegangen waren. Endlich stellte sich 27. Nov. den Preußen im Südosten der in Verteidigungszustand gesetzten und mit einem verschanzten Lager versehenen Stadt A. die ganze Nordarmee entgegen. Die preuß. Macht bestand aus dem 8. preuß. Armeekorps (General von Goeben) und Teilen des 1. preuß. Armeekorps, ersteres den linken, letztere den rechten Flügel bildend. Das Centrum der preuß. Stellung war zu Moreuil einer kleinen Stadt an der Straße von A. na Compiegne, 15 km südlich der Somme. Im Centrum der Franzosen befand + deren stark befestigtes Lager. Ihr linker Flügel lehnte 3. Wrei die Eisenbahn in der Richtung nach Villiers-Bretonneux, ihr rechter Flügel stand zwischen Boves und Dury. Der linke preuß. Flügel (8. Armeekorps) begann am Morgen den Angriff in nördl. Richtung, warf den Feind, der hauptsächlich mit Infanterie auftrat, von Abschnitt zu Abschnitt, wobei es mehrfach zu Bajonettkämpfen kam und das 9. Husarenregiment ein feindliches Marinebataillon zusammenhieb. Der rechte preuß. Flügel sollte die Höhen von Gentelles und Villiers-Bretonneur nehmen und wurde selbst von einemfeindlichen Korps angegriffen, das zur Deckung von Corbie aufgestellt war. Die Franzosen leisteten energischen Widerstand, besaßen aber keine Kavallerie; doch konnten die Preußen nur langsam Terrain gewinnen. Die Erstürmung einer starken Schanze bei Villiers-Bretonneux durch das 44. Infanterieregiment brachte hier den Kampf zur Entscheidung, während die 3. Kakuenden Ater auf dem rechten Flügel einen umfassenden Angriff ausführte. Nach jehnstündigem Kampfe sahen sich die Franzosen auf A. zurückgeworfen, das sie bei Annäherung der Preußen räumten, um ihre Flucht nach Arras hin fortzusetzen. Sie verloren mehr als 3000 Mann an Toten und Verwundeten und 800 Gefangene sowie 9 Geschütze und 2 Fahnen. Am 28. Nov. besetzte General von Goeben die Stadt ohne Kampf, und 30. Nov. ergab sich nach kurzem Gefecht die Citadelle mit 11 Offizieren, 400 Mann und 30 Geschützen. Die Preußen hatten an Toten und Verwundeten einen Verlust von 74 Offizieren und 1300 Mann. Man fand in A. beträchtliche Proviantvorräte, für die Bevölkerung von Paris bestimmt, im Fall der Durchbruch der preuß. Cernierungslinie gelungen wäre.