Anilin (Phenylamin, Benzidam, Amidobenzöl) 06 Hs NH. ist eine organische Base, die, weil sie den Ausgangspunkt zur Darstellung der Anilinfarben bildet, einen der bedeutungsvollsten Körper der modernen Chemie und chem. Technologie in wissenschaftlichem wie in industriellem Sinne ausmacht. Unverdorben, Chemiker in Dahme in der Provinz Sachsen, fand 1826 unter den Produkten, die bei der trockenen Destillation des Indigo sich ergeben, einen öligen Körper, den er Krystallin nannte. Runge in Berlin entdeckte einige Jahre später, daß in dem Steinkohlenteer sich eine Substanz finde, die mit Chlorkalk violette Färbung zeige. Er nannte ihn dieser letztern Eigenschaft wegen Cyanol (Blauöl). Später beschäftigte sich von Fritzsche in Petersburg mit den rodukten, die bei der Einwirkung von Kali auf ndigo sich ergeben. Er fand dabei ebenfalls einen öolartigen Stoff mit basischen Eigenschaften und nannte ihn A., nach dem portug. Namen des Indigo „Anilv. Endlich gelang es dem russ. Chemiker Zinin 1842, aus dem Benzol (Benzin) des Beschaffenhe einen basischen Körper von ölartiger Beschaffenheit darzustellen, den er Benzidam nannte. A. W. Hofmann war es vorbehalten, 1843 nachzuweisen, daß die vier Körper Krystallin, Cyanol, A. und Benzidam identisch seien. Aber nur der Name A. bürgerte sich ein. Nachdem Perkin, Hofmann, Verguin u. a. durch ihre en der Aatinin den J. 1856—58 die Bedingungen der Anilinfarbenfabrikation geschaffen, entstanden nach und nach fabrikmäßige Anlagen zur Darstellung des A., die bereits Me Dimensionen angenommen haben, daß 1879 die Menge des täglich in Deutschland allein produzierten A. 9000 Kg betrug, Frankreich produzierte 5—6000 kg, England 2500 kg. Das Verfahren bei der Darstellung des A. ist folgendes. Der aus dem Steinkohlenteer durch Destillation gewonnene flůssige durch Behandein das Benzol (s. d.), wird zunächst durch Behandeln mit rauchender Salpetersäure in Nitrobenzol übergeführt, welches in der Parfümerie unter dem Namen Mirbanessenz bekannt ist. Dieses Nitrobenzol wird nach dem Verfahren des franz. Chemikers Béchamp durch feinverteiltes Eisen und Essigsäure und darauf folgende Destillation mit Kalk in A. übergeführt. Es ist im reinen Zustande wasserhell, ölartig (Anilinöl), hat einen enentümtichrn weinartigen Geruch und brennenden Geschmack, ist nur wenig schwerer als Wasser und siedet bei 182* C. Es darf als ein wenn auch nicht sehr heftiges Gift angesehen werden. Das zur Farbenfabrikation dienende A. ist nicht reines A., sondern ein Gemenge desselben mit einem andern basischen Körper, dem Toluidin. Das A. sowohl für sich als auch die Anilinabkömmlinge Methyl⸗, Athyl⸗, Phenylanilin geben, mit gewissen chem. Agentien zusammengebracht, gefärbte Derivate, die man Anilinfarben 0 d.) nennt. Das A. verhält sich in allen Bezieungen dem Ammoniak analog und ist nach Hofmanns Forschungen als ein Ammoniak aufzufassen, in welchem ein Wasserstoffatom durch die Atomgruppe CeH, Phenyl vertreten ist.