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HeilkundeBrockhaus 1882

Arzneimittel (medicamenta) heißen diejenigen meist chemisch wirkenden Stoffe, welche zum Zwecke der Heilung von Krankheiten innerlich oder außerlich angewendet werden. Die A. bilden somit eine Klasse der Heilmittel, unter welchen letztern man überhaupt alles versteht, was benutzt wird, um eine Krankheit beseitigen, also auch gewisse Nahrungsmittel, Bandagen, In trumente, Wärme, Elektrizität, Massage, Gymnastik u. s. w. Die A. sind teils anorganische, teils pflanzliche oder tierische Stoffe und machen keineswegs eine natürlich abgegrenzte oder an s Hienmenr Eigenschaften erkennbare Gruppe aus; vielmehr kann nur die Erfahrung, der physiol. Versuch, die ban und chem. Untersuchung darüber belehren, ob ein Stoff als A. brauchbar it oder nicht. Die naive Naturanschauung 7——'3 Zeiten meinte wohl, die A. hätten in der Welt keinen weitern Zweck als den der Heilung, und es müsse für jede Krankheit ein Dednumtes A. in der Natur vorhanden oder ein bestimmtes Kraut gewachsen sein. Nach den spätern dlen Wirhrnr der man diese Ansicht von der speziellen irkung er A. fast vollständig aufgeben müssen; nur dem Chinin gesteht man auch heut-Wechs. noch eine spezielle Wirkung gegen das e selfieber zu, obgleich dasselbe gegen verschiedene Krankheiten sich gleichfalls wirksam 2. er Naturforscher der Gegenwart sieht in den A. nichts weiter als Stoffe, die neben allen ihren sur Be-Eigenschaften au solche Daurt welche zur Bekämpfung einer Krankheit enutzt werden können, musche aften, die lediglich physikalische oder chemische sind und deren Wirkungen durchaus nach den uberall gültigen Naturgesetzen erfolgen. Die Kenntnis der physik. und chem. Eigenschaften der Arzneien und die Zurückführung ihrer theraeutischen Wirkungen auf bekannte Naturkräfte, zwie ihre Einordnung in bekannte ½½ ist die eine notwendige Bedingung einer wirklich exakten und mnreen Arzneimittellehre oder Pharmakologie. Die andere Bedingung aber ist eine genaue Untersuchung des Baues und der physik. und chem. Beschaffenheit des Organismus in allen seinen Teilen und gesunden oder krankhaften Zuständen; denn die Arzneiwirkungen sind nichts weiter als Veränderungen jener physik. und chem. Beschaffenheit und weiterhin auch des seinern Baues der verschiedenen Organe. Daher ist eine genaue Kenntnis der Anatomie, Physiologie und Pathologie einerseits, 1e Wirtan und Chemie andererseits nötig, um die Wirkungen eines A. zu verstehen, sie im gegebenen Falle berechnen und demnach zweckmäßig anwenden zu können. Freilich sind bis jetzt die Arzneiwirkungen um ößten Teile noch unbekannt und nur eine kleine ahl derselben vollständig aufgeklärt, und die Arzneimittellehre ist bis jetzt nur zum kleinsten Teile, was sie sein soll, d. h. eine auf den kranken Organismus angewandte Physik und Chemie. Bei einzelnen chem. Mitteln ist auch die Wirkung im Organismus klar, sie ist ebendieselbe, wie sie auch außerhalb des tierischen Körpers zu — —*0— Zwecken verwendet wird. So werden z. B. Alkalien bei verschiedenen Magenkrankheiten verordnet, um die in abnormer Menge gebildeten Säuren zu neutralisieren oder um Sekrete und Exkrete, die unter normalen Verhältnissen sauer reagieren, wie 3. B. der Urin, zu alkalisieren. Andere Mittel wirten einfach dadurch, daß sie dem Blute und den Geweben einen Teil ihrer flüssigen Bestandteile entziehen; hieraus erklärt sich z. B. die abführende Wirkung gewisser ½½ Bei vielen A. ist der Vorgang ihrer Wirkung vollständig unbekannt; bei andern kennt man zwar die Endpunkte ihrer Veränderungen, die chem. Vorgänge in den Verdauungsorganen, im Blute und in den Geweben aber nicht. So findet man z. B. das Jod, in welcher Verbindung es auch genommen sein mag, ge⸗ —½ nach kurzer Zeit als Jodnatrium im Harne wieder; so tritt nach dem Gebrauche des Terpentinöls im Urin ein angenehmer Veilchengeruch auf (Terepinsäure). Sehr wenige A. erleiden auf ihrem Wege durch den Körper gar keine Veränderungen. Bei den meisten A. muß man sich freilich an die Erfahrung halten, welche zeigt, daß dies oder das in der oder jener Krankheit heilsam ist. Aber diese Erfahrung ist sandie zu erwerben. Die Krankheiten sind nicht selbständige Wesen, die den Körper befallen und wieder verlassen, sie sind auch nicht olen met die sich immer in derselben Weise wiederholen und bei jedem Kranken in der nämlichen Weise ablaufen: sie sind vielmehr nichts weiter als über das richtige Maß hinausgehende oder hinter diesem Maße zurückbleibende Lebensvorgänge, die sich von den normalen nur durch den zu hohen oder zu niedern Grad ihrer Entwickelung unterscheiden, und sie gestalten sich, wenngleich sie des Verständnisses wegen einen und denselben Namen tragen, doch tausendfältig verschieden und spotten daher oft jeder Berechnung. Je größer nun die Summe der Kenntnisse ist, die man vor der Anwendung eines A. von dessen Eigenschaften einerseits und von der Natur der Krankheit andererseits hat, desto sicherer wird Tonversations-Lexikon. 13. Aufl. II. man auch beurteilen können, ob die nach dem Gebrauche des A. eintretenden Anderungen des oorr uicht, um 4g auf das A. zurückzuführen sind oder nicht, um so leichter und schneller wird man also auch sichere Erfahrungen über die Arzneiwirkung sammeln können, während der 27 jene Vorkenntnis probierende Arzt, d. h. der bloße Empiriker, viel schwieriger und erst nach einer unverhältnismäßig großen Zahl von Beobachtungen ein sicheres Ergebnis erhalten kann. ie Einwirkung der A. selbst geschieht in der Regel vom Magen aus; bei reinen rtlichen Leiden erfolgt natürlich die Applikation je nach dem Bedürfnis an den verschiedensten Stellen. Die Form der Darreichung ist eine sehr mannigfaltige und richtet sich nach dem individuellen Bedürfnis und nach den Eigenschaften des Mittels. Zum innern Gebrauche werden sowohl flüssige Formen, Lösungen, Mixturen, Emulsionen, Tropfen u. s. w., oder trockene, z. B. Pulver, Pillen u. s. w., gewählt, zum äußerlichen Gebrauche Salben, Pflaster, Lösungen, Atzstifte u. Ma Erweist sic die Einführung der A. in den Magen unmöglich, oder wird eine recht schnelle allgemeine Wirkung derselben beabsichtigt, so bedient man sich mit großem Vorteile der subkutanen Injektion (s. d.), wobei die unter die Haut eingespritzten Stoffe sehr rasch in das Blut aufgenommen werden. Da die Wirkung einer Arznei stets von zwei Bedingungen abhängt, erstens von den Eigenschaften der Arznei und zweitens von der Beschaffenheit desjenigen Körperteils mit dem sie in Berührung kommt, so versteht sich von selbst, daß eine Arznei sehr verschieden wirken muß, je nachdem sie auf diesen oder jenen Körperteil, bei dem oder jenem Zustande desselben Teils angewendet wird. Viele Gifte 3. B. wirken nicht, wenn sie verschluckt werden, weil die Verdauungssäfte sie in unschädliche Verbindungen überführen, während sie, ins Blut gebracht, sofort töten können. Ebenso wirkt manche Arznei, wenn sie auf die unverletzte Haut gebracht wird, gar nicht, hefrend sie die ihrer Oberhaut beraubte Haut zu heftiger Entzündung reizt, oder, wenn sie arte Wir-Blutgefäße der Haut ins Blut gelangt, starke Wirkungen auf das Nervensystem u. s. w. ausüben kann. Ein Spanischfliegen-Pflaster z. B. reizt die unverletzte Haut zu einer oberflächlichen Entzündung mit Blasenbildung; auf die der Epidermis beraubte Haut gelegt, kann es eine Nierenentzündung hervorrufen, weil seine reizenden Bestandteile ins Blut und mit demselben in die Nieren gelangen, welche für dieselben vorzugsweise empfindlich sind. Dies Beispiel zeigt zugleich, wie eine Arznei nähere und entferntere Wirkungen haben kann: die Entzündung der Haut ist hier die 23 Wirkung, die Nierenaffektion die entferntere. Der uee W Wirkung steht die allgemeine oder indirekte Wirkung der A. gegenüber. Die allgemeinen Wirkungen treten natürlich erst ein, wenn die Arzneistoffe in das Blut übergetreten und durch dieses den verschiedenen Drüsen, dem Nervensystem und den übrigen Geweben zugeführt worden sind. Die Einteilung der A. läßt sich in sehr verschiedener Weise machen: als die richtigste erscheint zunächst die, welche dieselben nach der Ahnlichkeit ihrer Wirkungen gruppiert. Da aber die letztern zu unvollständig bekannt sind, so ist diese Art der Einteilung noch nicht durchzuführen. Ein anderes Prinzip der Einteilung ist das der chem. Ahnlichkeit der A.; aber auch dieses hat seine Unzulänglichkeiten. Noch unvollkommener, jedoch am gebräuchlichsten ist die Klassifikation der A. nach ihrer Verwendung am Krankenbette, wie Abführmittel, Brechmittel, schweiß⸗, harntreibende, magenstärkende, auflösende, erregende, beruhigende Mittel, u. s. w. Vgl. Hirsch, „Die Prüfung der A. mit Rücksicht auf die wichtigsten europG. Pharmakopöenv (2. Aufl., Berl. 1875); Binz, „Grundzüge der Arzneimittellehre (6. Aufl., Berl. 1879); Nothnagel und Roßbach, «Handbuch der Arzneimittellehrev (4. Aufl., Berl. 1880). 24

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 32Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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