Beust (Friedr. Ferd., Graf von), sächs. und österr. Staatsmann, geb. zu Dresden 13. Jan. 1809 als der zweite Sohn des sächs. Oberhofgerichtsrats Friedr. Karl Leop. von B., befuchte 1822—26 die Kreuzschule zu Dresden und studierte 1826—30 in Göttingen und Leipzig die Staatswissenschaften. Nach Dresden zurückgekehrt, erlangte er 1831 den Acceß im Miniserium des Auswärtigen, trat 1832 als Laseschr in die Landesdirektion ein und wurde nun gleichzeitig in diesem Kollegium und in dem Auswärtigen Amte beschäftigt. Nachdem er 1834 eine Reise nach der Schweiz, Frankreich, England u. s. w. unternommen, wurde er 1836 zum Legationssekretär in Berlin, 1838 zum Legationssekretär in Paris und 1841 zum Geschäftsträger in aauen ernannt, wo er Gelegenheit bekam, in manchen wichtigen Verhandlungen, namentlich in Bezug auf die Chenbahnverhindungen, nützlich zu wirken. In München vermählte er sich mit der Tochter des verstorbenen königl. bayr. Generallieutenants von ordan. Beim Ausbruch der Revolution von 1848 ebte er in London, wo er seit 1846 als Ministerresident fungierte, ½½7 im Mai als sächs. Geandter nach Berlin. Nach dem Rücktritt des Miniteriums Braun übernahm er 24. bere 1849 unter em Vorsitz Helds die Verwaltung der auswärtigen der ersten Handlungen des Ministeriums, an welcher auch B. teilhatte, war die Publikation der von der deutschen Nationalversammlung zu Frankfurt beschlossenen Grundrechte des deutschen Volks. Dagegen widerriet B. dem Könige die Anerkennung der Srrenauag bes vom 28. März 1849, wodurch die Sprengung des Ministeriums ISgeproe wurde. Gegen den darauf in Dresden ausgebrochenen Aufstand rief B. 3. Mai preuß. Hilfe an, welche, mit der Aufforderung, die Reichsverfassung nicht anzuerkennen, von Preußen bereits angeboten worden war. In dem nach Niederwerfung des Aufstandes neugebildeten Ministerium, an dessen Spitze Dr.¶ Zschinsky trat, übernahm B. zu dem Departement des Auswärtigen noch das des Kultus (14. Mai). Am 30. Mai ward der Abschluß des sog. Dreikönigsbündnisses mit Preußen oder der Uniono durch eine von B. mitunterzeichnete königl. Proklamation verkündigt, und zwar als der Kallein noch zum Heil für Deutschland führende Wegs, und alle gute Patrioten wurden aufgefordert, der Regierung auf diesem Wege zu folgen. Aber schon nach wenigen Monaten trat B. auf Grund eines früher geheimgehaltenen, gleichzeitig von Stüve für Hannover gemachten Vorbehaltso, wonach im Fall des Nichtbeitritts des Südens neue Verhandlungen eröffnet werden sollten, Handtenon von der Union wieder zurück, rief den Gesandten aus dem Verwaltungsrate der Union ab und verweigerte die Beschickung des Unionsparlaments zu Erfurt. In beiden Kammern des Ende 1849 zusammenberufenen neuen Landtags ward er deshalb auf das stärkste angegriffen, noch weit stärker, als er, nach dem fruchtlosen Versuche eines Vierkönigsbündnisses (leiner engern Vereinigung der vier Königreiche außer Preußen mit Anschluß an Ssterreich), die Wiederherstellung des alten Bundestags im Bunde mit Österreich betrieb. Infolge dessen fand 1. Juni 1850 die Auflösung des Landtags und unmittelbar darauf die Wiedereinberufung der 1848 aufgehobenen alten Stände, zugleich mit dem Erlaß äußerst strenger Verordnungen über die Presse und das Vereinsrecht, statt. B. galt für den Haupturheber dieser Maßregeln wie überhaupt für die Seele der seitdem mit immer größerer Entschiedenheit hervortretenden Reaktionspolitik, welche in der Begünstigung feudaler Interessen, durch Beschränkungen der Presse, des Vereinswesens, der Selbstverwaltung der Gemeinden u. s. w., durch entschiedene Hinneigung zu Ssterreich (3. B. in Kurhessen und Holstein sowie auf den Dresdener r . sich ankündigte. Als Kultusminister machte B. eine positivere religiöse Richtung in Kirche und Schule geltend, veranlaßte die Berufung Harleß' zum Oberhofprediger sowie das Gesetz vom 3. Mai 1851, welches die Volksschullehrer einer strengen Beaufsichtigung unterwarf, aber zugleich ihnen ein Minimaleinkommen sicherte. Im on Rlbe 1853 gab B. das Kultusministerium an von Falkenstein ab und übernahm dagegen das durch den Rücktritt von Friesens erledigte Ministerium des Innern. Nach dem Tode des Ministerpräsidenten Zschinsky ward B. auch dem Namen nach der Leiter des Kabinetts, was er faktisch längst gewesen war. Gegen das Drängen Osterreichs auf Teilnahme des Bundes an dem Auftreten gegen Rußland im Krimkriege schloß B. im Namen Sachsens mit den andern Mittelstaaten eine Sondereinigung (die Bamberger Konferenz), während er im ital. Kriege von 1859 für eine Unterstützung Österreichs durch den Bund wirkte. Der nationalen Strömung gegenüber, welche seit 1859 in Deutschland sich wieder regte, erklärte sich B. bei der Beratung der deutschen 2.— in der sächs. Kammer von 1860/61 bereit, eine Bundesreform vorzuschlagen, und löste dieses Versprechen alsbald nach dem Schlusse des Landtags ein, indem er Vorschläge zu einer Umgestaltung der Bundeseinrichtungen machte, besonders ch Einberufung einer Volksvertretung, welche freilich nur in Landtagsdelegationen batehn sollte. Für das von Wien aus 1863 angeregte Bundesreformwerk zeigte B. lebhaftes Interesse. In den innern Angele enheiten kam er namentlich auf gewerblichem Gebiete den Forderungen der Zeit zum Teil entgegen. Eine hervorragende Rolle spielte er 1864 gegenüber den im drer der Müt Kriege alliierten Vormächten, als Führer der Mittelstaaten, da er vom Bundestage die Mission erhielt, den Bund als eine besondere Macht, Laufdere von den beiden deutschen Großmächten, auf der Londoner Konferenz zu repräsentieren. B. 100 damit zugleich einen längst von ihm Gadante Lieblingsplan, die sog. Triasidee, d. h. den edanken, neben Preußen und sterreich die übrigen deutschen Staaten als dritte Gruppe gleichberechtigt hinzustellen, wenigstens für den einzelnen Fall verwirklicht. Seine Politit machte Sachsen 1866 zum Verbündeten und Schicksalsgenossen von Osterreich. Nach der Schlacht von Königgrätz gin B. im Gefolge des Königs nach Wien. Hier bemühte er sich während der Nikolsburger Verhandlungen für Anschluß Sachsens an einen Süddeutschen Bund, wollte, zum Zweck der Friedensunterhandlungen zwischen Sachsen und Preußen, selbst nach Berlin reisen, mußte aber, da Bismarck 10 weigerte, ihn als Unterhändler zu empfangen, seine Entlassung aus dem sächs. Staatsdienste nehmen. Darauf trat er im Okt. 1866 als Minister des Auswärtigen in österr. Dienste, wurde nach dem Sturze Beleredis (7. Febr. 1867) Ministerpräsident, erhielt 23. Juni 1867 die seit Metternich erloschene Würde eines Reichskanzlers und ward 5. Dez. 1868 in den erblichen Grafenstand erhoben. In wenigen Monaten erwirkte B. die Reaktivierung der Februarverfassung von 1861, die Berufung des verfassungsmäßigen Reichsrats diesseit, die Wiederherstellung der Verfassung von 1848 und ein parlamentarisches Ministerium jenseit der Leitha, endlich die Krönung Franz Josephs in Ofen. Die Einführung der dualistischen Staatsform, das Ausgleichsgesetz sind sein Werk; auch veranlaßte er die Verfassungsrevision vom Dez. 1867 und die Berufung des Bürgerministeriumsv, das er zwei Jahre lang unterstützte, die Sanktion der konfessionellen Gesetze bei der Krone vermittelnd. In der auswärtigen Bmde⸗ suchte er die Errichtung eines Süddeutschen Bundes zu ermöglichen, jedoch mit der ausdrücklichen Erklärung, daß jede Beziehung desselben zu Osterreich ausgeschlossen sein müsse, kündigte 1870 das Konkordat mit Rom, nachden er schon vorher dessen faktische Beseitigung ohne Bruch mit Rom erbeigeführt hatte, und verließ die traditionelle olitik Osterreichs als Anwalt der Pforte. Vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 arbeitete er an dem Zustandekommen eines österr.⸗franz.⸗ital. Bündnisses und ließ in seiner Depesche vom 20. uli 1870 dem Kaiser Napoleon sagen: «Wir betrachten die Sache * als die unsrige v Nach Ausbruch des Krieges betrieb er eifrig Rüstungen und wurde nur durch Rußlands Haltung und durch den 922 Beust (Friedr. Konstantin, raschen Siegeslauf der deutschen Heere von einer aktiven Teilnahme am Kriege gegen Deutschland abgehalten. Nach der Aufrichtung des Deutschen Reichs ging er auf die Vorschläge Bismarcks, welche die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen zwischen jenem und Ssterreich bezweckten, ein. Zum Sturze des föderalistischen Ministeriums Hohenwart trug er, der nach dem Wunsche der Verfassungspartei sich nicht um innere Angelegenheiten bekümmern sollte, dadurch bei, daß er, freilich erst nach dem Erscheinen des ihm unbekannt gebliebenen, das böhmische Staatsrecht anerkennenden Reskripts, dem Kaiser in einer Denkschrift die Unmöglichkeit einer auswärtigen Politik bei einer solchen staatlichen Organisation nachwies. Weil er aber den Kaiser nicht zeitig genug vor den Konsequenzen dieser Politit gewarnt hatte, wurde er 8. Nov. 1871 als Reichskanzler und Minister des Auswärtigen und des laiserl. Hauses seines Amts enthoben und zum Herrenhausmitgliede und Botschafter in London ernannt. An seine Stelle trat Graf Andrässy als Minister des Außern und des kaiserl. Hauses an die Spitze des Reichsministeriums. Im Okt. 1878 wurde B. zum österr.⸗ungar. Botschafter in Paris ernannt, wo er im Jan. 1882 bei einer Versammlung der Association Littéraire das bedenkliche Wort: „Mon äame est reconnaissante, mon cœur est francaiso, aussprach. Seiner Bitte um Enthebung vom Botschafterposten wurde in einem seine Dienste sehr anerkennenden kaiserlichen Hands reiben vom 19. Mai 1882 entsprochen und B. in den Ruhestand versetzt. (S. Osterreichisch-Ungarische Monarchie.) Vgl. Ebeling, «Friedr. Ferdinand, Graf von B. Sein Leben und vornehmlich staatsmännisches Wirken » (2 Bde., Lpz. 1870—71).